Untergang der KZ-Häftlingsschiffe in der Lübecker Bucht.

Untergang von Flüchtlingsschiffen.

Untergang der KZ-Häftlingsschiffe in der Lübecker Bucht.

Beitragvon -sd- » 21.01.2023, 19:12

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Lübecker Bucht: Neustadt in Holstein.
Untergang der KZ-Häftlingsschiffe.


http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme. ... gsschiffe/

Zwischen dem 21. und dem 26. April 1945 transportierte die SS die etwa 10.000 Häftlinge
aus dem Stammlager Neuengamme nach Lübeck. Im Vorwerker Hafen wurden sie auf die
Frachtschiffe 'Thielbek', 'Athen' und 'Elmenhorst' verladen. Auch das Kreuzfahrtschiff 'Cap
Arcona', das in der Lübecker Bucht vor Neustadt vor Anker lag, nahm mehrere tausend
Häftlinge auf. Die Bedingungen an Bord der Schiffe waren katastrophal, die meisten Häft-
linge waren in den Laderäumen der Schiffe untergebracht. Die Häftlinge erhielten nur wenig
Verpflegung und kaum Wasser, sodaß viele von ihnen verhungerten und verdursteten.

Kurz bevor die britischen Truppen am 2. Mai 1945 Lübeck befreiten, verließen die 'Thielbek'
und die 'Athen' den Lübecker Hafen und ankerten in der Lübecker Bucht in der Nähe der
'Cap Arcona'. An Bord der drei Schiffe befanden sich mehr als 9.000 Häftlinge.

Am 3. Mai griffen britische Flugzeuge die Schiffe, die sie für deutsche Truppentransporter
hielten, an. Die 'Athen' entging dem Hauptangriff, da sie zu diesem Zeitpunkt im Neustädter
Hafen lag. Die 'Cap Arcona' und die 'Thielbek' gerieten in Brand und kenterten. Die Häftlinge
hatten kaum eine Möglichkeit, sich zu retten. Über 7.000 von ihnen verloren am 3. Mai,
wenige Stunden vor ihrer möglichen Befreiung, das Leben.

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Eintrag im Totenbuch des KZ Neuengamme in Hamburg:

Karl ZIETLOW

Vorname Karl
Nachname Zietlow
Geburtsdatum 24.01.1901
Geburtsort Schivelbein
Geburtsland Deutschland (Polen)
Todesdatum 03.05.1945
Todesort bei der Bombardierung der Thielbek
Beschäftigung
Häftlingsnummer

Quelle:
http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme. ... 5/zietlow/

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Re: Untergang der KZ-Häftlingsschiffe in der Lübecker Bucht.

Beitragvon -sd- » 07.07.2023, 09:56

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Ein Überlebender schildert ...

Der Untergang der 'Cap Arcona'.

Am 3. Mai jährt sich der Tag, an dem in der Lübecker Bucht eine der
größten Tragödien des Zweiten Weltkriegs abrollte. 7.000 KZ-Häftlinge
von 24 Nationen, darunter namhafte Politiker, Wissenschaftler, Künst-
ler und Gewerkschaftler, fanden kurz vor Beendigung des Krieges in
den Fluten der Ostsee den Tod. Auf der Reede von Neustadt lagen im
April und Mai 1945 die Reste der deutschen Handelsflotte: Die 'Cap
Arcona' (27.560 BRT), die 'Thielbek', die 'Athen' und das Lazarettschiff
'Deutschland' (22.000 BRT).

Außer der 'Deutschland' hatten die anderen Schiffe trotz der Proteste
der Kapitäne die zum großen Teil kranken und typhusverdächtigen
Häftlinge des Konzentrationslagers Neuengamme und anderer Lager
aufnehmen müssen. Das Konzentrationslager Neuengamme mußte
auf Anordnung des Reichssicherheits-Hauptamtes Berlin evakuiert
werden, da deie Kriegsfront in die unmittelbare Nähe Hamburgs ge-
rückt war. Vor der Evauierung wurden alle Karteien und Unterlagen
über den Häftlingsbestand, darunter auch die zahlreichen Hinrich-
tungsakten, auf Anordnung des damaligen Kommandanten, das SS-
Sturmbannführers Pauly, in den Öfen des Lager-Krematoriums ver-
brannt. Ich habe die Akten und die Karteien des Arbeitseinsatzes
auf Befehl meines damaligen Vorgesetzten , SS-Oberscharführer
Albert Leetz, Lübeck, für die Vernichtung einpacken müssen. Mein
Versuch, das Hauptbuch über den Häftlingsbestand im Büro des
Arbeitseinsatzen zu verstecken, wurde durch Leetz verhindert. Die
Akten sollten den Engländern nicht in die Hände fallen.

Das große Sterben.

Am Tage der Katastrophe befanden sich auf der 'Cap Arcona' 4.600
Häftlinge, die 'Thielbek' hatte etwa 3.000 und die 'Athen' genau
1.998 Häftlinge an Bord. Auf den Schiffen herrschte eine verzwei-
felte Stimmung. Fünf Tage kein Proviant, das Trinkwasser ratio-
niert, dazu die Ungewißheit über das Bevorstehende machte das
Leben auf dem schwimmenden KZ zu einer Hölle. Im Bananen-
keller der 'Cap Arcona' wurde ein provisorisches Häftlingsrevier
eingerichtet. Einge Häftlingsärzte und Pfleger betreuten Hunderte
von Kranken fast ohne Hilfsmittel. Das große Sterben begann ! An
einem Tag starben 63 Häftlinge. Man hatte auf dem schwimmenden
KZ ein probates Mittel, sich der Leichen zu entledigen: Man warf
sie einfach über Bord.

... auch Kinder.

In der Zwischenzeit trafen auf Oderkähnen noch Tausende von männ-
lichen und weiblichen Häftlingen - darunter Kinder aus dem berüch-
tigten Konzentrationslager Stutthoff-Danzig - ein, die am 2. Mai
1945 am Strand entladen wurden. Auf dem Fußmarsch zur U-Boot-
Schule wurden viele dieser Unglücklichen von der SS und von den
Angehörigen der Kriegsmarine erschossen. Die Leichen dieser Un-
glücklichen lagen tagelang im Neustädter Hafen. Wer in jenen Tagen
von der Neustädter Bevölkerung fen Elendszug, die abgemagerten
und zerlumpten Gestalten gesehen hat, wie sie mit Kolbenstößen
und Fußtritten vom Strand zur Stadt entlang am Hafengelände ge-
trieben worden sind, wird diesen Anblick nie vergessen hönnen. Am
folgenden Tag wurden zehn Häftlinge vom Stutthofer Transport auf
dem Grundstück Sachau in Merkendorf von dem Begleitkommando
erschossen. Bei der späteren Exhuminierung der Leichen wurde fest-
gestellt, daß die Häftlinge vorwiegend durch Genickschüsse getötet
wurden.

Ein mutiger Kapitän.

Die Spannung auf den Schiffen war indessen auf das höchste gestiegen.
Es wurden Gerpüchte laut, daß die Schiffe mit den Häftlingen ver-
senkt werden sollten. Die SS war in jenen Tagen zu allem fähig. Doch
es kam anders. Den Anlaß zu den Gerüchten boten etwa 40 U-Boote,
die in unmittelbarer Nähe der Schiffe kreuzten. In den Abendstunden
des 2. Mai 1945 wurde ein U-Boot gesprengt. Durch die Einwirkung
eines Sprengstückes wurde die 'Athen' leck. Der verantwortungsbe-
wußte Kapitän veranlaßte - trotz Drohungen des Untersturmführers
Kierstein - die weiße Fahne zu hissen und steuerte dem rettenden
Hafen von Neustadt zu, der etwa fünf Kilometer entfernt war. Der
mutige Entschluß des Kapitäns rettete 1.998 Häftlingen das Leben.

Bomben auf die Schiffe.

Tragischer war das Schicksal der Häftlinge auf der 'Cap Arcona' und auf
der 'Thielbek'. Schon nach dem ersten Angriff der englischen Bomber,
der in den Mittagsstunden des 3. Mai 1945 erfolgte, standen die 'Cap
Arcona' und die 'Deutschland' in Flammen und Rauch gehüllt, während
die 'Thielbek' in wenigen Minuten unterging und den größten Teil der
Häftlinge in die Tiefe zog. Im Tiefflug stürzten die Bomber auf die
aktionsunfähigen Schiffe und richteten mit Brandbomben und Bord-
waffen ein entsetzliches Blutbad unter den Häftlingen an. Indessen
spielten sich an Deck der Schiffe und auf dem Wasser die grauen-
vollsten Szenen ab. Der Kapitän der 'Thielbek' erschoß sich auf der
Kommandobrücke.

Unbeschreibliche Panik.

Die Panik auf den kenternden Schiffen hatte unbeschreibliche Ausmaße
angenommen. Das Schreien und Wimmern der vielen Verletzten gellte
weithin über die bewegte See. Überall auf Deck verstümmelte Leiber
und Blutlachen. Die Häftlinge und das Wachpersonal sprangen über Bord
- zum Teil unbekleidet. Nur wenigen Menschen gelang es, sich längere
Zeit über Wasser zu halten, da sie keine Schwimmwesten hatten. Die
Schwimmwesten wurden einige Tage vor der Katastrophe von der SS,
die einem Befehl der Hauptsturmführer Kleebeck und Thümmel folgte,
aus den Kabinen geholt. Durch die Wegnahme der Schwimmwesten
wollte man eventuelle Fluchtversuche der Häftlinge verhindern. Immer
wieder griffen die englischen Flieger im Tiefflug an und beschossen die
Schiffbrüchigen. An eine organisierte Rettungsaktion war nicht zu den-
ken - die Rettungsboote waren zerschossen und gekentert. Meine
Freunde, der belgische Rechsanwalt Dr. André Mandrykxs aus Gent, der
holländische Buchhalter Cornelis Harthorn, der französische Offizier
Jack Ramon Sadou, der polnische Theologiestudent Andreas Hrab-
czynski und Waldemar Orawiec, ein 15jähriger Offizierssohn aus
Radom (Polen), der im Arbeitseinsatz Läufer war, sind während der
Katastrophe ums Leben gekommen. Besonders tragisch war der Tod
von Dr. Mandrykxs. Er ist bei lebendigem Leibe im Bananenkeller in-
mitten von jungen russischen Häftlingen verbrannt.

Die einzige Hilfe kam von zwei Schnellbooten der in Neustadt statio-
nierten Kriegsmarine, die den Befehl hatten, nur die Besatzung und
die Wachmannschaft zu retten. Eine Absicht, die schiffbrüchigen
Häftlinge zu retten, bestand nicht, teilte mir später ein Marineoffizier
mit. Wenn Häftlinge trotzdem gerettet worden sind, so geschah es
deswegen, weil die Besatzung der Schnellboote sich der großen Anzahl
rettungsuchender Häftlinge nicht erwehren konnte. Mir gelang es,
mit meinem Mitarbeiter vom Arbeitseinsatzbüro, dem Holländer
van K., schwimmend ein Schnellboot zu erreichen und einen an der
Reeling stehenden jungen Matrosen zu bewegen, uns an Bord zu
ziehen, was sehr schwierig war. Ich war völlig erschöpft und an der
rechten Hand verletzt. Um weiteren Fliegerangriffen zu entgehen,
fuhren wir nach der Marineversuchsstation Pelzerhaken ab.

Endlich befreit.

Meine Absicht, bei der Landung zu fliehen, wurde durch einen neuen
Fliegerangriff vorerst verhindert. Bei der späteren Landung ver-
suchte ich, auf der Brücke zu entkommen, aberein junger Marine-
leutnant drängte mich mit vorgehaltener Pistole auf der Landungs-
brücke zurück. Er hatte kein Verständnis für meinen Freiheitsdrang.
Ein inzwischen erschienenes Marinekommando brachte uns dann
unter Bewaffnung in eine Halle am Strand. Es war ein kalter und
regennasser Maitag. Wir waren befreit, wenn auch unter großen
Opfern.

Quelle: Paul Stassek 'Ein Überlebender schildert ...'
So ging es zu Ende ... Neuengamme. Dokumente und Berichte.
Herausgegeben von der Lagergemeinschaft Neuengamme. 1960.
Max Kristeller-Verlag, Hamburg-Altona.

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