Versenkung 'Admiral Scheer' im April 1945.

Untergang von Flüchtlingsschiffen.

Versenkung 'Admiral Scheer' im April 1945.

Beitragvon -sd- » 26.09.2021, 10:55

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'Admiral Scheer' 1945 im Seekanal.
Der Kreuzer öffnete Flüchtlingen aus Königsberg den Weg zur Küste.
Seine Versenkung Anfang April.


Wir veröffentlichen den Bericht eines jungen Seemanns, der das Inferno der letzten
Tage in Pillau von Bord des Kreuzers 'Admiral Scheer' aus erlebte und der aus der
Erinnerung aufschrieb, was er damals sah und hörte. Es mag sein, daß die Daten
nicht haargenau stimmen — die Erinnerung trübt sich ja allmählich — aber diese
Schilderungen ergänzen die Berichte derer, die auf dem Lande Zeugen des furcht-
baren Geschehens waren.

In einer Februarnacht 1945 änderte der Schwere Kreuzer 'Admiral Scheer' etwa auf
der Höhe von Kahlberg seinen Kurs und hielt auf die Hafeneinfahrt von Pillau zu. Das
genaue Datum läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen; es muß etwa der 24. Februar
gewesen sein. Im Morgengrauen passierte das Schiff den Leuchtturm. Die See war
ruhig, ein Dunstschleier lag über dem Haff, und die Sonne wagte sich gerade über
den Horizont. Die Besatzung befand sich auf Gefechtsstation, Die meisten horchten
gespannt auf das ferne, dumpfe Gewitter der sowjetischen Artillerie. Königsberg war
eingeschlossen. Das Schiff hatte den Auftrag, beim Aufbrechen des Ringes zu helfen
und dadurch tausenden von Flüchtlingen einen Weg zur Küste freizumachen;
Flüchtlingen, die diesen Weg nicht mehr geschafft hatten. — Mitten im Seekanal
warf das Schiff zwei Anker aus, und zwar Bug- und Heckanker, wodurch ein Herum-
schwojen des Schiffes verhindert werden sollte. Bevor es noch festlag, griffen
einige sowjetische Schlachtflieger an, gut gepanzerte Maschinen vom Typ J L II.
Sie verschwanden jedoch bald. Dann bekam das Schiff Feuerbefehl.

Der U-Boothafen war fast leer. In einem anderen Hafenbecken, das man von Bord des
Kreuzers aus sehen konnte, lagen einige Torpedoboote aus dem Ersten Weltkrieg,
wenige Frachter und ein schneeweißes Lazarettschiff. Es war offenbar die 'Berlin'
(sie ist später durch Minentreffer vor Swinemünde gesunken). Nachdem die Schiffs-
artillerie der 'Scheer' das Feuer eingestellt hatte, wurden einige Kommandos an
Land geschickt. Abends setzte ein eisiger Ostwind ein und fegte erbarmungslos
über den Hafen. Er fegte vor allem über tausende von Menschen, die sich im Hafen
drängten. Die Front war nahe. Ständig strömten Verwundete heran, in der Hoffnung,
ein Schiff zu finden. Flüchtlinge, gemarterte Menschen, betteln um einen Platz.
Dann und wann erschienen auch schöne Damen vor einem Schiff, am Arm von gut-
genährten Herren, und man wunderte sich, warum die gequälten Menschen vor ihnen
auseinanderwichen und das Fallreep freigaben, und warum in solchen Fällen sogar
der Kapitän eines Frachters erschien und die Damen oder Herren höflich auf sein
Schiff brachte . . . Die Nacht war dunkel; die Lampen an den Schiffsmasten ver-
breiteten ein nacktes, gespenstisches Licht. Sie konnten die Nacht nicht aufheben.

Verwundete und Flüchtlinge lagen im Schnee und warteten, und der Ostwind fegte
über sie hin. Fahrzeuge brachten neue Verwundete, luden sie ab, verschwanden
wieder in der Nacht. Ein Lazarettzug lief ein. Einige Kommandos der 'Scheer' ent-
luden ihn; andere trugen die Verwundeten zu den Schiffen. Es waren zu wenig Schiffe
da. Überall lagen Bahren im Schnee, Bahren, die mit Decken verhüllt waren. Unter
den meisten war es still, unter manchen drang leises Jammern oder Wimmern hervor.
Ich werde nie die Bahre neben der Weiche vergessen. Ich weiß nicht, warum ich
plötzlich die Decke zurückschlug, vielleicht weil die Bahre etwas abseits stand.
Aus furchtbarer Neugierde schlug ich die Decke zurück. Ich werde nie das Gesicht
vergessen, ein bayrisches Bauerngesicht, bärtig, große Nase, fahl. Ein erfrorenes
Lächeln lag in diesem Gesicht. Es galt nicht mir. Der Mann lag nur in einem Hemd
unter der Decke, das Hemd war über der Brust völlig durchblutet. — Auf einem der
Frachter wurde den gut genährten Herren Tee serviert. Zur Stärkung.

Zuweilen brummte ein sowjetisches Flugzeug über den Hafen hinweg und warf hier
und da eine Bombe. Die 'Scheer' durfte keine Flüchtlinge an Bord nehmen; es hieß,
die "Einsatzfähigkeit des Schiffes werde dadurch gefährdet". Tatsächlich wurde
der Ring um Königsberg — so hörte man wenigstens — an einer Stelle aufgebrochen.
Vielleicht haben die 28-cm-Granaten der 'Scheer' einigen Flüchtlingen das Leben
gerettet. Manche unter der Besatzung erwarteten sowjetische Bomber; der Kreuzer
an der Kette bot ein leichtes Ziel. Aber die Bomber kamen nicht.

Die deutsche Seekriegsführung stellte plötzlich fest, daß sie nicht auf zwei rostige
Schiffsrümpfe verzichten könne, die in der Elbinger Schichau-Werft lagen. Bewaff-
nete Schlepper sollten sie holen. Die Schlepper hatten die Rümpfe an der Leine,
Elbing brannte, sowjetische Panzer waren bereits in der Stadt. Hunderte von Menschen
versuchten, auf die halbfertigen Boote zu gelangen, in letzter Sekunde. Einige, deren
Sprung zu kurz war, ertranken, andere wurden zerquetscht. Später wurden die Rümpfe
von den Russen beschossen. Man brachte einen Schlitten voll gefrorener Körperteile
zum Pillauer Friedhof. Der armlose Leib eines kleinen Mädchens war darunter. Der
Totengräber von Pillau, falls er noch lebt, wird bestätigen können, daß die Leichenhalle
noch nie so voll war wie damals. Und er wird auch bestätigen können, daß in einem
Haufen ein toter, höherer nationalsozialistischer Funktionär in großer Uniform lag. Er
war einer der wenigen, die nicht dreist genug waren, ihre eigene Scham zu überleben.

So um den 9. April 1945 wurde die 'Scheer' in Kiel versenkt. Sie hatte sich an die
Pier gelegt, um die 28-cm-Rohre auszuwechseln. Die waren ein bisschen ausgeleiert
vom vielen Schießen, genauer, die VO-Abnahme war zu groß. Ein Schwarm von
Superfestungen flog sie an, und dann kenterte die 'Scheer' und lag eine ganze Zeit
kieloben. Es mag für den Kommandanten, Kapitän zur See Thienemann, ein Trost
gewesen sein, daß der Einsatz des Kreuzers im Königsberger Seekanal mit dazu
beitrug, einigen Landsleuten die Rettung zu ermöglichen. Doch es war vorauszusehen,
wie alles kommen mußte. Man brauchte nur einen Blick für die Gesichter der Menschen
zu haben. — Die Gesichter jener wohlgenährten Herren, die in Pillau an Bord des Flucht-
schiffes so zuvorkommend behandelt wurden, waren in Ostpreußen einst sehr bekannt ...

Quelle:

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