Wie Litauen, Lettland und Estland sowjetisiert wurden.

Wie Litauen, Lettland und Estland sowjetisiert wurden.

Beitragvon -sd- » 17.01.2023, 18:25

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Das baltische Beispiel.
Wie Litauen, Lettland und Estland sowjetisiert wurden.

Ob Geschichte „rückwärtsschauende Prophetie" ist oder nur die „Sinngebung des Sinnlosen", soll
hier nicht entschieden werden. Dennoch dürfte es zuweilen klug sein, die Augen offen zu halten für
das, was einst in der Geschichte geschah, um besser zu sehen, was jetzt in der Politik geschieht.
Dies erscheint umso dringlicher, wenn gewisse gesellschaftspolitische Strömungen der Vergangen-
heit mit unverminderter Heftigkeit noch über die Schwellen der Gegenwart schlagen, so regelmäßig
wie Ebbe und Flut. Wer in Zeiten der Ebbe vergißt, was die Flut vermag, fällt ihr leicht zum Opfer.
Wer sich ihrer Wirkung aber bewußt bleibt, weiß sich besser vor Überraschungen sicher.

Gerade in jüngster Zeit ist die Öffentlichkeit mit Interpretationen der jüngsten Geschichte, besonders
im Hinblick auf die Gründe, die 1939 zum Zweiten Weltkrieg führten, überrascht worden, umso mehr,
da ein Teil der Betroffenen, die entweder mitgestalten halfen oder miterleiden mußten, noch lebt.
Mag auch immer die Geschichte sich nach Hegel „dialektisch perfektionieren" — das zu bestreiten
es gute Gründe gibt —, so kann doch der Tatsachenprozeß selbst nicht nach Belieben „dialektisch"
verdreht werden. Man hat mit Recht Rankes Bemühen gewürdigt, stets nur zu zeigen, „wie es
eigentlich gewesen".

Wenden wir uns noch einmal der baltischen Tragödie zu: der Sowjetisierung von Litauen, Lettland
und Estland in den Jahren 1939/1940
. Sie lag lange vorgezeichnet, noch ehe Stalin am 10. März
1939 vor dem XVIII. Parteitag in Moskau Hitler den Ball einer künftigen Interessengemeinschaft im
Osten und Südosten Europas zuwarf. Sie begann mit der Illusion baltischer Staatsmänner, drei kleine
Länder zwischen zwei Blöcken neutral halten zu können. Das Kommuniqué der „Baltischen Entente"
vom 3. Februar 1939 erklärte ausdrücklich die Neutralität als politisches Ziel und Beitrag zum Welt-
frieden. Eine estnische Zeitung schrieb am 13. April 1939: „Kleine Staaten sollten auf jeden Schutz
größerer Mächte verzichten“.

Die Sorge, den „Schutz" einer Großmacht wider Willen aufgedrängt zu bekommen, war verständlich,
seitdem die Sowjetunion sich in London und Paris bemühte, in den vorgesehenen Garantiepakt auch
Litauen, Lettland und Estland einzubeziehen. Die „Prawda" betonte am 15. Juni 1939: „Die sowje-
tische Haltung in der Frage des Schutzes der drei baltischen Staaten gegen Angriffsaktionen ist
gerechtfertigt und entspricht den Interessen aller friedlichen Staaten einschließlich Estlands,
Lettlands und Finnlands“.

Chamberlain aber respektierte die Abneigung der Balten gegen eine sowjetrussische Garantie und
erklärte am 10. Juli 1939, ihr Wunsch auf Neutralität und Unabhängigkeit solle gewahrt bleiben. Die
Verhandlungen mit dem Kreml mußten sich somit in der Frage der Definition des Begriffs „indirekter
Angriff" festfahren. Moskau wünschte schon in einem Regimewechsel in einem der baltischen
Staaten einen „indirekten Angriff" zu sehen. Butler kommentierte hierzu im Unterhaus, die Sowjets
wollten durch ihre Definition eines „indirekten Angriffs" eine Verletzung der Unabhängigkeit der
baltischen Staaten herbeiführen.

Obwohl England gegenüber dem Kreml fest blieb, konnte das Schicksal der drei kleinen Staaten nicht
aufgehalten werden. Was Chamberlain Stalin verweigerte, gewährte ihm Hitler den sowjetischen
Einfluß über die baltischen Staaten, Ostpolen und Bessarabien. Am 24. August 1939 kam es zur
Unterzeichnung des folgenschweren deutsch - russischen Nichtangriffspaktes. Wie Molotow kürzlich
in Genf die Gründung der sogenannten „DDR" als einen „Wendepunkt in der Geschichte
Deutschlands und Europas" nannte, so bezeichnete der gleiche Molotow am 31. August 1939 auch
den Stalin-Hitler-Pakt als einen „Umschwung in der Geschichte Europas, und nicht nur Europas
allein". In dem deutsch-sowjetischen Geheimabkommen vom 23. August 1939 und vom 28.
September 1939 heißt es: Im Falle einer territorialen und politischen Neuordnung in den Gebieten
der baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) soll die Nordgrenze Litauens die Grenze
der Einflußsphären zwischen Deutschland und der UdSSR sein. In einem Protokoll vom 28. Sep-
tember 1939 verzichtete Hitler auf das ganze litauische Gebiet.

Als zu Beginn des Polenfeldzugs die baltische Neutralität am 2. September 1939 in Kaunas noch
einmal feierlich beschworen wurde, war der Stab längst über sie gebrochen. Zwei Diktatoren hatten
sich skrupellos auf dem Rücken der drei Kleinstaaten geeinigt. Müßig ist die Frage, ob sie, zwischen
Skylla und Charybdis, durch eine vorzeitige Aufgabe der Neutralität ihre Existenz retten konnten.
Echter Schutz wäre nur in einer Machtgruppe zu finden gewesen, die durch gleiche demokratische
Prinzipien vereint, das Schicksal der baltischen Staaten zu ihrem eigenen gemacht hätte. Einen
solchen Schutz aber, wie ihn heute auch für kleine Staaten die NATO bietet, gab es damals noch
nicht.

Nach Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsabkommens vom 28.
September 1939 schritten die Sowjets nunmehr zur „Lösung des baltischen Problems". Der estnische
Außenminister Karl Selter wurde mit seiner Gattin nach Moskau beordert, um angeblich einen
Handelsvertrag zu unterzeichnen. In Wirklichkeit stellte Molotow die ultimative Forderung auf
Überlassung wichtiger strategischer Stützpunkte. „Im Weigerungsfalle werden wir Gewalt
anwenden", sagte er barsch. „Weder England noch Deutschland können Ihnen helfen“. Estland
mußte nachgeben und unterzeichnete am 28. September den sogenannten Beistands- und
Handelspakt, der, auf zehn Jahre bemessen, u. a. „gegenseitigen Schutz" und „Sowjetwaffen"
versprach. Ausdrücklich heißt es unter Punkt 5, die Verwirklichung des Vertrags dürfe weder
die Souveränität des Landes, seine Staatsform, noch sein Wirtschaftssystem beeinträchtigen.
Fast der gleiche Pakt wurde Anfang Oktober Lettland und Litauen aufgezwungen. Wer sich noch
wunderte, wieso eigentlich dieser oder jener plötzlich verschwand, tat dies aus Unkenntnis des
NKWD-Befehls vom 11. Oktober 1939, in dem die Deportation „antisowjetischer Elemente" bereits
bis in die letzten Einzelheiten festgelegt war.

Hitler sah dieser Entwicklung, wie erwartet, tatenlos zu. Er erklärte am 6. Oktober, Deutschland
habe im Baltikum nur wirtschaftliche Interessen, und sorgte im Übrigen dafür, die Baltendeutschen
so schnell wie möglich zurückzuführen, bevor der Eiserne Vorhang fiel. Damit hatte der Kreml den
ersten Schritt zur „Lösung des baltischen Problems" getan. Molotow gab am 31. Oktober vor dem
Obersten Sowjet den Bericht zur Lage. „Der Beistandspakt mit den drei baltischen Staaten", sagte
er, ist das Ergebnis des absoluten Vertrauens und gegenseitigen Verständnisses. Es ist eine Verleum-
dung zu behaupten, die Durchführung dieses Paktes sei mit der Sowjetisierung der baltischen
Staaten verbunden, denn die Unverletzbarkeit der Souveränität dieser drei Staaten und das Prinzip
der Nichteinmischung sind in den Verträgen festgelegt“. Gegenüber Hitler verneigte sich Molotow
mit folgenden Worten: „Deutschland sucht den Frieden, während England und Frankreich den Krieg
weiterführen wollen. Es ist unsinnig und verbrecherisch, einen solchen Krieg zur Vernichtung des
Hitlertums zu führen, indem man ihm das Mäntelchen des Kampfes für die Demokratie umhängt.
Der wahre Grund des Krieges ist die Angst Englands und Frankreichs vor einem deutschen Angriff
auf ihren Kolonialbesitz, wodurch sich der imperialistische Charakter des Krieges zeigt“.

Weniger programmgemäß verlief für die Sowjets der Überfall auf Finnland am 30. November 1939.
Nachdem die Finnen unerwarteten Widerstand leisteten, griff der Kreml nach einen von der ganzen
freien Welt bewunderten ersten Kampftagen zu seinem bekannten Völkerrechtstrick: Er bildete in
einer kleinen finnischen Grenzstadt eine Gegenregierung, die sogenannte „Volksregierung der Fin-
nisch Demokratischen Republik" und schloß mit ihr am 2. Dezember einen Pakt. Als der Völkerbund
gegen den kriegerischen Überfall auf Finnland protestierte, erklärte Molotow entrüstet, die Sowjet-
union befinde sich gar nicht im Kriegszustand mit der finnischen Regierung, sondern unterhalte
friedliche Beziehungen mit der Demokratischen Finnischen Republik", mit der sie sogar einen Pakt
abgeschlossen habe. Erst als es im März 1940 Moskau opportun erschien, mit Helsinki wieder
Frieden zu schließen, wurde im Friedensvertrag die finnische „Volksvertretung" Kuusinin wieder
fallen gelassen.

Mit Hitlers Angriff im Westen schlug auch bald dem Baltikum die letzte Stunde. Am Morgen des 16.
Juni meldete „Tass", die drei Staaten hätten einen Bündnispakt gegen die Sowjetunion beschlossen,
der Kreml fühle sich bedroht. Was nützte es, daß die betroffenen Regierungen ihre Loyalität
beteuerten und auf alle neuen Forderungen eingingen: In wenigen Tagen war das Land von 300.000
Rotarmisten überschwemmt. In einem Beitrag zur Parole der „Koexistenz" schreibt H. von Tobien:
„Die Rote Armee aber marschierte nicht friedlich als Verbündeter, sondern mit Kampfbefehlen in die
baltischen Länder ein. In Riga besetzten die „verbündeten Sowjets" eigenmächtig den Flugplatz, den
Sender und alle Post und Eisenbahnstationen. Die Munitionslager und Kasernen wurden umstellt und
an den wichtigsten Straßenkreuzungen Panzer postiert. Unverzüglich begann die „Verwirklichung und
Sicherung des Paktes zur gegenseitigen Hilfe" im Baltikum mit Verhaftungen und Erschießungen, mit
der Vernichtung der politischen und wirtschaftlichen Eigenständigkeit der drei Staaten, denen unter
dem Druck der sowjetischen Bajonette das Sowjetsystem und der Anschluß an die UdSSR aufge-
zwungen wurden“.

Mit der sowjetischen Armee erschienen auch die sowjetischen Anschlußkommissare: Shdanow in
Reval, Wyschinski in Riga und Dekanosow in Kaunas, um nach bewährtem Muster die
Bolschewisierung des Baltikums vorzunehmen. Die kommunistischen Parteien wurden sofort
legalisiert, die baltischen Armeen zu „Volksarmeen" umgewandelt und neue linksradikale
provisorische Regierungen gebildet. Schon am 17. Juli 1940 mußte die terrorisierte Bevölkerung die
Einheitslisten für den „Verband des werktätigen Volkes" wählen. Die Ergebnisse überraschten nicht.
In Estland erhielten die Einheitslisten 92,9 v. H., in Lettland 97,6 und Litauen 99,2 v. H., wo durch
einen Regiefehler das Ergebnis schon einen Tag vor der Stimmzählung bekanntgegeben wurde. Am
20. Juli 1940 traten die neugewählten Volksversammlungen gleichzeitig zusammen und beschlossen
mit erhobenen Fäusten die Umgestaltung der drei Staaten zu sowjetischen Räterepubliken und den
Anschluß an die Sowjetunion. Molotow beschloß das historische Kapitel am 1. August 1940 vor dem
Obersten Sowjet mit folgenden Worten: „Die Sowjetunion hat sich im Laufe des letzten Jahres um
eine Bevölkerung von mehr als 23 Millionen Menschen vergrößert. Der Erfolg ist umso bedeutender,
weil alles auf friedlichem Wege erlangt wurde mit aktiver Unterstützung der breiten Volksmassen ..."

Wie groß in Wirklichkeit die „aktive Unterstützung der breiten Volksmassen" war, beweisen die
Massendeportationen nach Sibirien, die schon am 14. Juni 1941 begannen und, von der deutschen
Rückeroberung kurz unterbrochen, im Jahre 1949 bereits die Zahl von 1,5 Millionen (von insgesamt
sechs Millionen) Balten erreicht hatten, in dem gleichen Jahre also, in dem am 28. September die
zehnjährige Frist für die gegenseitigen „Hilfspakte" abgelaufen war ...

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, Februar 1956

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