Flucht über die Ostsee 1945. Operation Hannibal.

...

Flucht über die Ostsee 1945. Operation Hannibal.

Beitragvon -sd- » 08.12.2016, 17:17

-----------------------------------------------------------------------------------------------------

Die größte maritime Rettungsaktion aller Zeiten.
25. Januar 1945 - 9. Mai 1945: »Unternehmen Hannibal«


Beim »Unternehmen Hannibal« evakuierten über 1.000 Schiffe
2,5 Millionen Ostdeutsche. Siehe:
http://www.odfinfo.de/Zeitgeschichte/Unternehmen-Hannibal.htm

-----------------------------------------------------------------------------------------------------

-----------------------------------------------------------------------------------------------------

Die 'PICKHUBEN' war ein Schiff der Reederei H.M. Gehrkens in Hamburg
(H.M. steht für Heinrich MARTIN) und in der Nord-Ostsee-Fahrt eingesetzt.
Die Skandinavienfahrt über die Nord- und Ostsee war das Geschäftsfeld
der Reederei Gehrkens, die Schiffe wurden mehrheitlich nach alt-hamburgischen
Straßennamen benannt. Zum Bespiel ist der Pickhuben heute noch ein
Straßenzug in der Hamburger Speicherstadt. Die Reedereiflagge war blau
mit den Initialen H.M.G. darin.

Daten der 'Pickhuben':
Gebaut 1923 auf der Union-Werft in Königsberg/Preußen.
Von der Reederei H.M. Gehrkens gekauft 1924.
Größe: 999,25 BRT, 529,09 NRT.
1945 an die Engländer abgegeben.

In der Firmenchronik der Reederei H.M. Gehrkens, herausgegeben zum
150-jährigen Firmenjubiläum im Jahre 1980, findet sich auf den Seiten
92+93 ein Kapitel über die 'Operation Hannibal', die Evakuierung der
ostpreußischen Flüchtlinge über die Ostsee im Winter / Frühjahr des
Jahres 1945. Hieraus will ich eine kurze Passage zitieren:

"Am 7. März kommt die 'Söderhamn' (Anmerkung: Ebenfalls ein HMG-
Schiff.) nach Stolpmünde. Vierzehn Schiffe liegen schon da, mehr als der
kleine Hafen je gesehen hat. Sie machen mit dem Bug zur Ausfahrt fest,
um bei Gefahr schnell ablegen zu können. Die Flüchtlinge stürmen an Bord.
In den Ladeluken müssen sich vier Menschen einen Quadratmeter Platz
teilen. Der Rest hockt oder steht auf Deck. Auf See weht ein eisiger Nord-
oststurm. Kapitän Timm trägt in sein Tagebuch ein:

An Swinemünde Reede 9. März., 17.40 Uhr.
An Swinemünde Kai 10. März, 17.00 Uhr.

Am Kai bleibt er mit seiner halberfrorenen Menschenfracht liegen. Es
gibt nicht genug Eisenbahnzüge, um die Flüchtlinge weiterzubefördern. ....
Zusammen mit den Neuankömmlingen liegen 64 Schiffe im Hafen und
auf Reede von Swinemünde. Unter ihnen auch die 'Pickhuben' (Kapitän
J. Matthies) von H.M.G.

Am 12. März, vormittags, wird ein großer Bomberverband im Anflug auf
Swinemünde gemeldet.

..

Das alles steht in einem der Bücher, die über die 'Operation Hannibal'
berichten (Fritz Brustat Naval 'Unternehmen Rettung',
Köhlers Verlagsgesellschaft, Herford 1970).

Das genannte Buch enthält im Anhang statistische Zusammenfassungen.

Soweit der Auszug aus diesem Buch.
Auf Seite 93 ist noch eine Tagebuchseite des Kapitän Timm abgebildet,
aus der ich nun zitiere:

Ab Gotenhafen Außenreeder 6. März, 17.30
An Stolpmünde 7. März, 07.40
Ab Stolpmünde 8. März, 09.50/10.30
An Swinemünde Reede 9. März, 17.40
An Swinemünde Kai 10. März, 17.00
Bombenhagel am 12. März, 12.08 - 13.20

Auf folgender Homepage
http://www.stolp.de/Stolp-Kreis/Orte/stolpmuende.htm
fand ich folgenden Text:

"Im letzten Kriegswinter 1945 wurde Stolpmünde für Tausende von
Flüchtlingen aus dem Baltikum, aus Memel und Königsberg zum rettenden
Hafen. Viele Schiffe legten hier an, die Flüchtlinge gingen an Land und
wurden mit der Bahn abtransportiert. Insgesamt sollen es bis Anfang
März 4.632 Menschen gewesen sein. Die örtliche NSV-Station half den
Flüchtlingen mit Verpflegung und Unterkunft. Nach der Abschnürung
Ostpommerns vom übrigen Reichsgebiet strömten die Menschen, Flücht-
linge und Einheimische, ganze Kolonnen herbei mit dem Ziele, von hier
aus das westliche Reichsgebiet noch mit dem Schiff zu erreichen. Die Kriegs-
marinedienststelle Danzig stellte Schiffsraum zur Verfügung, und Fregatten-
kapitän Kolbe, der Marine-Sachbearbeiter beim Wehrbezirkskommando
Kolberg, wurde mit der Organisation des schnellen Abtransports beauftragt.
Die Lage spitzte sich in den letzten Tagen vor der Besetzung dramatisch zu.
Die ersten angeforderten Schiffe kamen im Laufe des 6. März an, um 250
Verwundete, 60 Schwestern, die Ärzte und das Sanitätspersonal des aus
Stolp evakuierten Lazaretts zu übernehmen.
Im Hafen lagen Tausende von Flüchtlingen, die trotz Schnee und Eis auf
den Abtransport warteten. Doch Schiffskarten erhielten nur Flüchtlinge
aus Ost- und Westpreußen und die aus dem Rheinland Evakuierten sowie
einige kinderreiche Familien. Bis zum 6. März wurden weitere 5.600
Flüchtlinge aus Stolpmünde abtransportiert.
Am 7. März - dem letzten Tag vor der Besetzung - erreichte das Geschehen
seinen Höhepunkt. Ganz deutlich schon hörte man die Abschüsse und
Einschläge der Artillerie und den Gefechtslärm der nahen Front. Die Kriegs-
marinedienststelle Danzig hatte den "erhöhten Anlauf" der Schiffe zu 7 Uhr
morgens angesetzt. Ein großer Teil der Schiffe traf schon in der Nacht ein.
Im Hafen lagen schließlich 14 Schiffe:
Die Dampfer
'Söderhamm' (1499 BRT),
'Reiher' (1304 BRT),
'Nautik' (1127 BRT),
'Pickhuben' (999 BRT),
'Karlsruhe' (897 BRT),
das Navigationsschiff 'Nadir' ex 'Schwalbe' (842 BRT),
das Navigationsschiff 'Oktant' (800 BRT),
die 'Kolberg' (693 BRT),
die 'Amrum' (670 BRT),
die 'Martha Geiss' (531 BRT),
das Schulschiff 'Nordpol' ex 'Siegfried' (500 BRT),
das Navigationsschiff 'Sextant' (198 BRT),
die 'Bernd' und die 'Vicking'.

Ferner standen Saugbagger 'Stolpmünde', 24 Marine-Fischkutter sowie
Fahrzeuge der 5. Sicherungsflottille für den Abtransport zur Verfügung.
Die Schiffe wurden über und über mit Flüchtlingen belegt. Wegen des
Sturms blieben sie vorerst im Hafen liegen. Als im Laufe des Abends die
Front näher an den Ort herankam, verließ ein Teil der Schiffe trotz der
Sturmgefahr den Hafen. Insgesamt waren es zehn Schiffe mit 4.820
Flüchtlingen an Bord. Am folgenden 8. März gingen auch die restlichen
Schiffe mit 7.890 Flüchtlingen an Bord trotz heftiger Sturmböen in See,
da die Russen schon sehr nahe an den Ort herangekommen waren. Ein
vollbesetzter Fährprahm, der sich als letzter der langen Kette der Schiffe
anschloß, wurde auf offener See in die Tiefe gerissen. In den letzten Tagen
sind aus Stolpmünde noch 18.310 Flüchtlinge, Soldaten und Verwundete
herausgekommen, seit dem 15. Januar insgesamt 32.780 Menschen.
Dies ist eine hervorragende Leistung der Deutschen Kriegsmarine.
Insgesamt wurden damals vier Millionen Deutsche aus dem Osten vor
den heranrückenden Russen und Polen gerettet.
In den frühen Morgenstunden des 8. März fand in Stolpmünde eine letzte
Lagebesprechung mit dem Kampfkommandanten und Fregattenkapitän
Kolbe statt. Der Kommandant hatte Befehl, sich um 9 Uhr nach Osten ab-
zusetzen. Eine schwache Nachhut unter Führung von Oberleutnant Gellert
sollte noch bis 11 Uhr zurückbleiben und sich dann ebenfalls zurückziehen.
Auf dem Schießplatz wurden alle militärisch wichtigen Anlagen zerstört.
Am frühen Morgen wurden die Straßenbrücke über die Stolpe nach Dünnow,
die Eisenbahnbrücke und die Geschütze an den Ortszugängen gesprengt.
Als gegen 10 Uhr MG-Feuer zu hören war, erhielten die letzten noch im
Hafen liegenden Schiffe Befehl, trotz des Sturms sofort auszulaufen. Einige
manövrierunfähige Küstenfahrzeuge wurden versenkt, die im Zerstörungs-
plan vorgesehenen Objekte gesprengt und die Hafeneinfahrt durch einen
versenkten Leichter gesperrt. Dann setzten sich der Hafenkapitän, der Chef
der 6. Sicherungsflottille sowie Oberleutnant Gellert und das Spreng-
Kommando mit U-Jäger 120 nach Swinemünde ab. In letzter Minute lief
noch ein U-Boot in den menschenleeren Hafen ein, um einen Tauchschaden
zu beheben. Dem Kommandanten wurde von einem Posten der Kriegsmarine-
dienststelle die gefährliche Situation erläutert. Man ließ die Zurückgebliebenen
einsteigen, und das Boot ging sofort wieder in See. In panikartiger Flucht
verließen 3.000 Flüchtlinge den Ort auf den Ausfallstraßen in Richtung Osten.
Ein Fluchtweg führte entlang der Küste nach Schönwalde, der andere über
Strickershagen und Weitenhagen nach Gambin. Auch die mit Pferd und
Wagen Flüchtenden wurden schon nach Stunden oder Tagen von den
schnell vorstoßenden Russen eingeholt. Von Westen und Süden rückten
die Sowjets am 8. März gegen 15.30 Uhr in Stolpmünde ein."

Ein Foto der 'Pickhuben' habe ich weder in den mir vorliegenden zwei
Reedereichroniken (aus 1955 zum 125-jährigen Bestehen und in der zitierten
1980er) finden können, noch im Internet. Ich hoffe dennoch, daß ich ein paar
wichtige Hinweise geben konnte.

Malte Witt

-----------------------------------------------------------------------------------------------------
Benutzeravatar
-sd-
Site Admin
 
Beiträge: 6045
Registriert: 05.01.2007, 16:50

Re: Flucht über die Ostsee 1945. Operation Hannibal.

Beitragvon -sd- » 22.01.2022, 11:54

--------------------------------------------------------------------------------

M. Schmidtke 'Rettungsaktion Ostsee 1944/1945'.
Zusammenfassende Dokumentation einschl. der beteiligten Schiffe
und Boote von Handelsflotte, Kriegsmarine, Luftwaffe und Heer.
(Die Schiffe sind alle abgebildet.)
Chronologische Liste der Schiffs- und Menschenverluste.
Bernhard & Graefe Verlag, Bonn. 2006, 337 S., Preis: 39 Euro

--------------------------------------------------------------------------------
Benutzeravatar
-sd-
Site Admin
 
Beiträge: 6045
Registriert: 05.01.2007, 16:50


Zurück zu Rettung über See.

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast