Frische Nehrung. Kuhrische Nehrung.

Memelland / Memelgebiet / Litauens Süden.

Frische Nehrung. Kuhrische Nehrung.

Beitragvon -sd- » 13.12.2018, 21:46

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Einsame Welt der Frischen Nehrung.

Das war an einem sonnigen Julitag, mittags auf der Frischen Nehrung bei Narmeln:
Das Land scheint den Atem anzuhalten in dieser Stunde und in die Stille zu lauschen,
die von den Horizonten des Haffs herüberwächst. Einsamkeit ist auch um das Fischer-
gehöft am Strand; es mag verlassen sein wie die Boote am Ufer und wie der Wagen
hinter dem Haus, unter dem Schirm der Kiefern. Draußen, auf dem kaum bewegten
Wasser, blinkt ein Segel in der Sonne, und ganz in der Ferne, schwer mit bloßem Auge
wahrzunehmen, verblaut die Küste zwischen Balga und Braunsberg im Dunst der
Sommerglut.

Weil die Sonne schon frühzeitig hinter den grünen Nehrungshängen versinkt, kommen
die Schatten der Dämmerung in diesen Winkel eher als anderswo. Die offene weite
über dem Haff aber bleibt noch lange von dem Widerschein des Lichts erfüllt, und in
den Hochsommernächten ist es, als leuchten der Himmel, das Wasser, der Sand und
die ferne Küste wie aus sich selber mit aufgespeicherter Kraft bis zum kommenden
Morgen, seltsam und schön.

Über das Erlebnis einer Nachtwanderung auf der Frischen Nehrung und über das
harmonische Zusammenspiel von Wald und Meer, vom Rauschen der Brandung und
von dem Schweigen der Natur, berichtet ein Beitrag auf Seite 9 dieser Ausgabe.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 5. Juli 1958

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Von den Wogen aufgeworfen. Wanderdüne als Naturdenkmal.

Die Frische Nehrung in ihrer heutigen Gestalt ist eine junge Erdbildung. Sie entstand,
als das eiszeitliche Meer zurückflutete. Das Land hob sich, und die Flußmündungen
versumpften. Im Widerspiel der Meereswogen und des anströmenden Flußwassers
lagerten die Wellen mitgeführte Sinkstoffe ab. Es bildete sich eine immer weiter
wachsende Sandbank, die sich zu einem Wall auftürmte und zu festem Land wurde.
Dieser schmale Landstreifen trennt das Frische Haff von der Ostsee.

Die rund 60 Kilometer lange Frische Nehrung ist an ihrer schmalsten Stelle 400 Meter
breit; bei Pröbbernau erreicht sie eine Breite von drei Kilometern. Bis zum Ende des
17. Jahrhunderts war die ganze Nehrung bewaldet. Von Pillau bis nördlich vor Kahlholz
wurde der Wald geschlagen, und es bildeten sich Wanderdünen, die — wie auf der
Kurischen Nehrung — Dörfer und Waldstücke verschüttet haben. Durch künstlich
geschaffene Vordünen und Wiederanpflanzungen wurde ein Weiterrücken der Sand-
massen verhindert. Erhalten blieb jedoch als Naturdenkmal die 26 Meter hohe, kahle
Wanderdüne zwischen Straubucht und Forsthaus Grenz.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 5. Juli 1958

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Ergänzende Erläuterungen zum Begriff 'Haff':

Ein Haff ist ein durch eine Nehrung oder durch vorgelagerte Inseln vom tieferen Haupt-
teil des Meeres getrennter Brackwasserbereich. Das Haff gehört damit zu den inneren
Küstengewässern.

Beispiele sind:
das Frische Haff mit den Flüssen Nogat, Pregel (Прего́ля, Pregolja),
das Kurische Haff mit der Memel (Nemunas).

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Balga bei Heiligenbeil, auf der Westseite einer in das Frische Haff hinein-
ragenden Landzunge, nordöstlich von Elbing und südwestlich von Königsberg i. Pr.,
auf einer Landkarte von 1910:

https://de.wikipedia.org/wiki/Balga#/me ... rg1910.jpg

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Die Kuhrische Nehrung um die Jahrhundertwende.

Beitragvon -sd- » 01.05.2021, 16:59

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Das Land der Wanderdünen.
Die Kurische Nehrung um die Jahrhundertwende.


Eine Landschaftsschilderung von Johannes Trojan.

Im Jahre 1901 unternahm der in seiner Zeit hochgeachtete, in Danzig am
14.08.1837 geborene Dichter Johannes Trojan eine Wanderung über die Kurische
Nehrung, das Land der Wanderdünen, deren Eindrücke er in seinem Buche
„Fahren und Wanderungen“ (Berlin, 1913) in der hier wiedergegebenen
stimmungsvollen Schilderung festgehalten hat. Wir lernen darin Johannes
Trojan als ausgezeichneten Naturbeobachter kennen, dem nicht die kleinste
botanische Seltsamkeit entgeht, kein Stein am Wege und nichts von dem
Erzählten im Hause des alten Düneninspektor Epha. Johannes Trojan, vor allem
bekannt geworden durch seine vielen Kinderlieder und Scherzgedichte (er war
lange Zeit Redakteur des „Kladderadatsch“), starb am 23.11.1915 in Rostock.

Im Sommer 1901 verweilte ich ein paar Tage im Ostseebade Cranz bei einem
Königsberger Freunde, von dem ich in der Sommerwohnung, die er für sich und
die Seinen gemietet hatte, mit der echt ostpreußischen Gastfreundschaft, die
unter allen Blumen des Bernsteinküstenlandes die reizendste ist, aufgenommen
wurde.

Cranz, das sich aus einem Fischerdorf zu einem vielbesuchten Badeort ent-
wickelt hat, ist schon am hohen Walde gelegen und bietet viel Hübsches
und Anziehendes dar. An einem der heißesten Tage nahm ich ein Bad bei nur
10,5 Grad Celsius Wasserwärme. Ein solches Bad wirkt wahrhaft erfrischend,
und man kann danach selbst in den Hundstagen ruhig einen ostpreußischen
Grog trinken.

Es gibt in Cranz einen kleinen Markt, auf dem die Badegäste, die eigene Küche
haben wollen, sich mit Gemüse, Früchten und allerhand Salz- und Süßwasser-
fischen versorgen können. Auf diesem Marktplatz wächst — was, wie ich
vermute, den meisten Einkaufenden entgeht — die wilde Kamille (Matricaria
discoidea), deren Heimat das östliche Asien und westliche Nordamerika ist.
Sie ist entsprungen aus dem botanischen Garten in Königsberg und hat sich
von dort aus nach Cranz und weiter schon bis über die Mitte der Kurischen
Nehrung hinaus verbreitet.

An einem Nachmittag unternahmen wir mit dem Universitätsprofessor Dr.
Ambromeit einen Ausflug nach dem gegen das Kurische Haff zu sich er-
streckenden Moor. Auf dem etwas moorigen Waldboden, den man zunächst
betritt, ist ein arktisches Gewächs aus dem Brombeergeschlecht zu finden,
die Multebeere (Rubus Chamaemorus), die innerhalb des Deutschen Reichs
nur auf nördlichstem Gebiet und außerdem auf den Hochmooren der Gebirge
vorkommt. Wir fanden diese Pflanze mit reifen Früchten, die gelben Him-
beeren ähnlich sehen und auch himbeerartig schmecken. Im Norden werden
sie viel gesammelt und gegessen. Auf dem eigentlichen Moor, wo man den
Boden unter den Füßen schwanken fühlt, ist der Waldwuchs schwach. Man
sieht fast nur verkrüppelte Kiefern mit kurzen Nadeln. Wo aber das Moor an
den Wald grenzt, findet sich eine botanische Merkwürdigkeit, eine strauch-
artig gewachsene amerikanische Schwarzbirne (Aronia nigra). Da diese Gehölz-
art hier und da in Gärten zur Zier gepflanzt wird, so ist zu vermuten, daß ein
Vogel diesen ausländischen Gast in das Cranzer Moor getragen und angesiedelt
oder „angesalbt" hat, wie die Botaniker sagen, selbstverständlich nicht mit der
Absicht, die Männer der Wissenschaft in die Irre zu führen.

Nach verschiedenen kleineren Ausflügen unternahmen wir einen größeren,
dessen Ziel die Kurische Nehrung war. Wir benutzten dazu den Dampfer
'Cranz', der täglich von Cranzbek, wohin eine kurze Bahn führt, über Rossitten,
Nidden und Schwarzort nach Memel fährt. Nach Rossitten wollten wir zunächst
hin. Zuerst fuhren wir zwischen schilfbewachsenen Ufern durch Wald- und
Wiesenland hin, dann kamen wir in das Haff und hatten zur Linken die Nehrung,
anfänglich noch mit Wald bedeckt. Das Forsthaus Grenz, das im Walde liegt,
kam in Sicht und darauf das Dorf Sarkau, das an den Wald sich anlehnt. Dann
begannen die ganz kahlen weißen Berge, die sich mit geringen Unterbrechungen
bis zur Spitze der Nehrung hinziehen.

Dies sind die wandernden Dünen. Durch sie ist im Laufe der letzten beiden
Jahrhunderte die Kurische Nehrung, die einstmals reich an Wald war, zum
größten Teil in eine Wüste verwandelt worden. An den weißen Bergen fuhren
wir ein paar Stunden lang hin, dann kam eine Oase in Sicht: Rossitten mit
Wald, Wiesen und Feldern, das einzige Dorf auf der Kurischen Nehrung, wo
noch Ackerbau betrieben wird. Es liegt in einer breiten Senkung, durch die
vermutlich einmal das Wasser des Haffs mit dem der Ostsee verbunden
gewesen ist, denn es wird jetzt als festgestellt angesehen, daß diese lang-
gestreckte, schmale Halbinsel in Vorzeiten aus einzelnen Inseln bestand.

Die Nehrung ist bei Rossitten drei Kilometer breit, an ihrer schmalsten
Stelle nicht weit von Sarkau beträgt die Breite nur einen halben Kilometer.
Auch in der Nähe Rossittens erheben sich Dünen, sie sind aber zum großen
Teil bepflanzt und dadurch aus einer Gefahr zu einer Abwehr der Gefahr für
den Ort gemacht worden. Solche Unschädlichmachung und Festlegung der
Dünen durch eine eigenartige Bepflanzung, zunächst bei den besonders be-
drohten Ortschaften, ist von Staats wegen erst in neuerer Zeit in Angriff
genommen, und zu diesem Zweck eine eigene Behörde eingesetzt worden.
Im vorigen Jahre befand sich die Leitung dieser Arbeiten auf der Kurischen
Nehrung in den Händen des verdienstvollen Düneninspektors Epha zu Ros-
sitten, der seitdem Alters und leidender Gesundheit wegen seinen Abschied
genommen hat.

Der Dampfer 'Cranz', obwohl er nur klein ist, kann nicht anlegen weder in
Rossitten noch in Nidden, weil das Wasser in der Nähe des Ufers zu flach
ist, als wir uns aber Rossitten gegenüber befanden, war auch schon das
Rossitter Postboot da, das uns aufnahm und in kurzer Zeit an Land brachte.

Rossitten hat einen kleinen Hafen, trotzdem war das Landen nicht ganz
leicht. Man wußte zuerst nicht, wie man aus dem Boot an den Pfählen des
Bollwerks sich emporarbeiten sollte, aber hilfreiche Hände streckten sich
von oben einem entgegen, und so wurde man glücklich hinaufgezogen. Wir
kehrten ein in dem zunächst dem Haffufer gelegenen Gasthof 'Zum Seeadler'.
So heißt er mit Recht, denn ein lebendiger Seeadler befindet sich draußen in
einem Käfig und daneben in einem anderen Käfig sieht man einen Uhu, der
aber nicht wie der Adler von der Nehrung stammt, sondern aus Thüringen
zum Zwecke des Vogelfangs importiert ist.

Der große Garten des Gasthofs erstreckt sich bis an das Haff, und hier am
Ufer fand ich eine üppige Vegetation, darunter in Fülle die hübsche Natter-
kopfglocke. Das Land an unserem Ostseestrande ist an vielen Orten wie ein
Blumengarten anzusehen. Ich denke an den Strand meiner westpreußischen
Heimat, der einen so entzückenden Blumenschmuck trägt, und an Warnicken
auf dem Samland, wo im Walde eine andere Glockenblume, die breitblätterige
Glocke, in solcher Menge steht, daß um ihre Blütezeit der Waldboden weit
und breit blau gefärbt erscheint. Die hübschen Blumen am Haffufer zu sehen,
war sehr erfreulich; weniger erfreuten uns die Haffmücken, die vor uns in
ungeheuren Massen in Rossitten erschienen waren und alle Bäume, Zäune,
Wände und Dächer bedeckten. Wenn man einen Zweig schüttelte, und sie
auseinanderschwirrten, gab es ein Geprassel, als käme ein Platzregen
herunter. Es ist das eine Art von Eintagsfliegen, die übrigens harmlose
Geschöpfe sind, nicht stechen und während ihrer kurzen Lebenszeit nichts
essen. Sie leben demnach so, wie nach dem Glauben der Alten die Cikaden
lebten, nur daß sie nicht singen.

Am frühen Nachmittag waren wir beim 'Seeadler' gelandet. Dort begegneten
wir einem Bekannten meines Königsberger Freundes und machten mit diesem
zusammen, nachdem wir ein einfaches Mahl eingenommen hatten, dem
Düneninspektor Epha in seinem Hause einen Besuch. Mit großer Freundlich-
keit wurden wir von dem alten Herrn und seiner Tochter Helene empfangen
und über vielerlei, was uns zu erfahren lieb war, belehrt, darunter auch über
den Elchbestand von Rossitten. Davon wissen die wenigsten etwas, allgemein
bekannt ist nur, daß es auf der Festlandseite des Kurischen Haffs im Forst-
revier Ibenhorst Elche oder Elentiere gibt, die sorgfältig geschont werden.
Von dort nun sind zuerst vor fünf Jahren einige durch das Haff nach der Nehrung
hinübergeschwommen und dort geblieben. Andere sind ihnen wohl gefolgt, und
jetzt hat Rossitten einen Bestand von vierzig Stück.

Es muß den Tieren auf der Nehrung wohl gefallen, trotzdem der Wald dort nur
dürftig ist. Entschieden sind sie auf dieser anderen Seite des Haffs weniger
den Nachstellungen von Wilddieben und auch sonst weniger Gefahren ausge-
setzt. Im Ibenhorster Forst halten sie sich in Erlenbrüchen auf, die gegen das
Frühjahr hin stets überschwemmt werden. Friert es dann wieder, und sie
kommen auf nicht sehr starkes Eis, so brechen sie leicht ein, können sich nicht
wieder herausarbeiten und gehen elend zu Grunde. Übrigens gab es in älterer
Zeit schon Elche auf der Kurischen Nehrung. Im „Beständnissbuch des Hauptamts
Schaacken", das sich im Staatsarchiv zu Königsberg befindet, wird aus dem
17. Jahrhundert über den großen Sarkauschen Wald, der sich bis gegen Nidden
hin erstreckt, berichtet und dabei vermerkt: „Und halten sich daselbst Ehlendt
und Wölffe unterweilen auch Rehe auf“.

Eine hübsche Sammlung von Elchgeweihen, die bei Rositten gefunden sind, hat
das Fräulein Helene angelegt, im Wohnzimmer des Hauses aber hängen an den
Wänden verschiedene Bilder mit Abbildungen von Elchhirschen in Öl gemalt.
Diese Bilder rühren von dem begabten und geschickten Maler Heinrich Krueger
her, der vor nicht langer Zeit gestorben ist. Er liebte die Nehrung sehr, auf der
er auch sein Liebstes hatte, und war häufig dort. Er wohnte aber in Königberg,
und dort befiel ihn eine schwere Krankheit, die einen bösen Ausgang nahm.
Als er merkte, daß sein Ende herannahte, bekam er eine unbezwingliche Sehn-
sucht nach Rossitten, er ließ sich dorthin bringen und ist dann bald im Hause
des Düneninspektors, dessen Tochter seine Verlobte war, gestorben. Krueger
war nicht nur ein Maler, er dichtete auch. Seine Braut, die zu verlassen der Tod
ihn zwang, hat mir ein paar zum Herzen sprechende Gedichte, die von ihm her-
rühren, mitgeteilt. In dem einen, das „Nehrungslied" überschrieben ist, richtet
er wie vorahnend an die Nehrung die Worte:

Ich liebe dich und sehne mich nach dir,
nach deiner Kiefernwälder Harzesduft,
nach deiner frischen, brandungsleuchten Luft,
nach deiner Palwen zarter Blumenzier.
Mein Märchenland und mein Herz-ruhe-aus,
du meiner Hoffnung unentwegter Traum,
du Wurzelhalt für meinen Lebensbaum
in aller Stürme tosenden Gebraus !
Treibt mich mein Schifflein bald zu dir heran,
so nimm mich auf in alter Freundlichkeit
und mache wiederum das Herz mir weit,
daß es sich deines Friedens freuen kann.

Zur Erklärung eines Ausdrucks in diesen Versen sei bemerkt, daß die „Palwen"
kleine, unweit des Seestrandes zwischen Resten verwehter Dünen sich finden-
de Stellen festen Bodens genannt werden, die mit Moos, Gras und Heide-
kräutern bewachsen sind. Solche kleine Strandwiesen, die wie im Seesand
eingebettet liegen, kommen auch anderwärts am Ostseestrand vor.

Nachdem wir beim Kaffee mancherlei Belehrung empfangen hatten, sollten wir
nun auch mit eigenen Augen etwas von Rossittens Umgebung sehen. Zu diesem
Zweck ließ der Hausherr anspannen, und zwar einen größeren Wagen für uns
und ein Wägelchen für seine Tochter, die damit die Führung übernehmen sollte.
Denn sie ist eine vollkommene Wagenlenkerin, eine Reiterin, die es zehn
Stunden hintereinander im Sattel aushält, und weiß sich überall zurechtzu-
finden. Der alte Herr blieb zu Hause, wir aber machten uns auf, um vor Eintritt
der Dunkelheit möglichst viel noch zu sehen.

Wir bekamen aber viel mehr zu sehen, als wir erwarteten. Zuerst ging es durch
Kiefernwald, in dem wir im wahrsten Sinne des Wortes von den Haffmücken
angeschwärmt wurden, dann kamen wir, indem wir uns dem Seestrande näher-
ten, auf ein offenes Gelände, das mit unzähligen blühenden Büschen der
wundervollen Stranddistel bestanden war, die in der Nähe unserer Seebäder
überall von den Badegästen, den „Stranddistelraupen", so gut wie ganz ausge-
rottet worden ist. Im Frieden dieser Einsamkeit aber, die nur selten der Fuß
eines Fremden betritt, prangt sie noch in Tausenden von Pflanzen. In dieser
so schön mit blühendem Amethyst ausgezierten Landschaft wurden wir
mehrere Male junge Rehe gewahr, die, in lustigem Spiel einander jagend, an
uns vorbeisprangen, als ob sie flögen.

Auch ein anderes Wild noch bekamen wir zu sehen. Plötzlich zog das junge
Mädchen die Zügel an, wandte uns das Gesicht zu und rief: "Elche !" Sofort
hielten wir auch an. Ja, da standen sie gar nicht weit von uns am Rande
eines kleinen Gehölzes, eine Elchkuh mit ihrem Kalb. Sonderbare Geschöpfe
zwischen Hirsch und Pferd, in der äußeren Erscheinung etwas, das in die
moderne Welt nicht mehr hineinzugehören scheint. Aber in das Märcheneiland
hinein paßte auch das sehr gut. Eine Zeitlang standen die beiden Tiere ganz
still da, dann zogen sie sich langsam in das Kiefernwäldchen zurück. Indem
wir aber, unserer freundlichen Führerin folgend, um das Gehölz herumfuhren,
bekamen wir Mutter und Kind noch einmal, zu sehen.

Nach einiger Zeit hielten wir wieder an und verließen die Wagen, um nach dem
Seestrand hinunter zu steigen. Da gab es wieder einiges Merkwürdiges zu
sehen: einen großen Findlingsstein und mächtige Stumpfe großer Waldbäume,
die neuerdings erst durch Abspülen oder Abwaschen des Sandes zum Vorschein
gebracht worden sind. Dadurch ist mit ihnen, wie auch der erratische Block
zeigt, der alte Diluvialboden wieder aufgedeckt worden. Diese Stumpfe
gehören zu dem alten Walde der Nehrung, durch dessen Ausrottung mit Feuer
und Axt, worin besonders im Siebenjährigen Kriege die in das Land
einbrechenden Russen viel geleistet haben, den Wanderdünen so viel Vorschub
geleistet worden ist. Solche mächtige Baumstümpfe stehen aber nicht nur am
Strand, sondern auch noch weit vom Strand ab auf dem Seegrunde unter dem
Wasser, wie man es an der mecklenburgischen Küste, wo die Rostocker Heide
von der See begrenzt wird, sehen kann. Auf der Kurischen Nehrung wie dort
gibt es sich dadurch kund, daß das Land sich im Laufe der Zeit gesenkt hat.
Solche Senkungen der Ostseeküste haben seit langer Zeit stattgefunden und
abgewechselt mit Hebungen. Dabei muß immer mit einer Reihe von Jahr-
hunderten gerechnet werden, so daß der einzelne Mensch während seines
kurzen Lebens von diesen Erscheinungen nicht viel merkt.

Anders ist es mit dem Vorrücken der Wanderdünen, das zuweilen sechzehn Fuß
im Jahre beträgt. Das ist nicht wenig, immerhin kann man, wenn man die Düne
kommen sieht, rechtzeitig noch abbrechen und einpacken. Nur der Baum, der
an seine Stelle gebunden ist, muß sie über sich hinweggehen lassen und steht,
wenn sie ihn wieder freigegeben hat, als ein graues Skelett da.

Als wir auf der Weiterfahrt uns dem Half wieder zuwandten, kamen wir in eine
Sandwüste hinein und fanden dort ein Stück Boden, das mit menschlichen
Gebeinen, Schädelstücken, Rippen, Wirbeln, Arm- und Beinknochen in mehr
oder minder vorgeschrittener Verwitterung übersät war. Dazwischen lagen viele
gut erhaltene und schöne Zähne, wie die Litauer sie meist auch im Alter noch
haben, verrostete Sargnägel und kleine Überreste von Särgen. Das ist der
Kirchhof des ehemaligen Dorfes Kunzen, das im ersten Viertel des vorigen
Jahrhunderts von einer Wanderdüne verschlungen worden ist. Kunzen war
ein altes Dorf, das 1569 schon eine Kirche hatte, Wald und Acker und 26
Fischer-Erbe — das heißt: eigentümliche Grundstücke — besaß. Schon in alter
Zeit hatte es mit dem Sande zu kämpfen und ging allmählich zurück. Gegen
Ende des achtzehnten Janrhunderts fand die Versandung in großem Umfange
statt und 1825 war sie vollendet. Das letzte Stück Boden, das zu Kunzen ge-
hörte, war im Sande verschwunden.

Vorher schon waren die Bewohner nach Nidden geflüchtet und hatten die Steine
ihrer von ihnen abgebrochenen Kirche mitgenommen. Aus diesen Steinen wurde
in Nidden eine Posthalterei gebaut, die später von der Regierung zu einem
Bethause eingerichtet worden ist. Als die Wanderdüne über Kunzen hinweg-
gegangen und die Dorfstätte wieder von ihr geräumt war, hatte sie von dem
Erdboden des Friedhofs so viel mitgenommen, daß die Toten in ihren vermo-
derten Särgen zum Vorschein kamen. Aus ihren Gerippen haben dann Wind
und Wetter gemacht, was wir vor uns liegen sahen: ein erschütterndes Memento
mori.

Jenseits des Kirchhofs erhebt sich jetzt eine steil abfallende Düne, von deren
Rande wir es wie Rauch wehen sehen. Dieser scheinbare Rauch bestand aus
Sand, den der von der See her über die Düne hinstreichende Wind aufhob,
um ihn zuletzt über den Dünenkamm hinunterzuschütteln. Auf solche Weise
rückt die Düne vor, diejenige aber, von der die Rede ist, wird vermutlich im
Laufe der Zeit das Beinfeld von Kunzen wieder bedecken und sich darüber
wölben als ein ungeheurer weißer Grabhügel, den keine Blume schmückt.
Ähnlich wie Kunzen ist es manchem anderen Dorf auf der Nehrung ergangen,
und solcher aufgedeckten Kirchhöfe gibt es dort noch mehr.

Wir nahmen unseren Rückweg nach Rossitten über bepflanzte und festgelegte
Dünen und gewannen von einem dieser Berge einen Blick auf den Möwenbruch.
So heißt ein halb versandeter und versumpfter See, wahrscheinlich ein Über-
rest ehemaliger Wasserverbindung zwischen dem Haff und der Ostsee, an
dessen Ufern unzählige Landmöwen ihre Brutplätze haben. Wir sahen einige
von ihnen fliegen und hörten ihre Stimmen. Da fiel unten ein Schuß, und in
demselben Augenblick fast erhob sich das ganze Möwenvolk mit betäubendem
Geschrei in die Luft. Das Einsammeln der Eier dieser Möwen die den Kiebitz-
eiern ähnlich und sehr wohlschmeckend sind, warf früher für die Rossitter
einen nicht geringen Nutzen ab, neuerdings aber ist es, wohl zur Schonung
der Vögel und nur vorläufig, wie man hofft, verboten worden. In früherer
Zeit sind jährlich fünftausend Möweneier dort gesammelt worden.

In der Nacht zog von der See her ein Gewitter auf und mühte sich stundenlang
vergebens ab, über das Haff zu kommen, endlich aber gelang es ihm doch.
Nach langer Dürre fiel reichlicher Regen, der den Pflanzen willkommen war,
den Haffmücken aber Verderben brachte. Ich machte am Morgen im Regen
einen Spaziergang durch das Dorf, das eine Anzahl massiver Häuser mit
netten Gärten hat. Auf einer Wiese fand ich in Menge die asiatisch-amerika-
nische Kamille. In Rossitten hatte der Deutsche Orden eine Burg oder ein
Schloß, von dem längst kein Stein mehr vorhanden ist. E. T. A. Hoffmanns
Phantasie hat aber an diesem Ort ein neues Schloß hervorgezaubert seiner
in Rossitten spielenden Erzählung 'Das Majorat'. (Schluß folgt !)

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, August 1959

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Ostseebad und Moorbad Cranz.

Beitragvon -sd- » 26.02.2022, 19:27

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Ostseebad und Moorbad Cranz.

Den nachstehenden Text entnahmen wir einem Werbeprospekt der Bade-
verwaltung Cranz, der Anfang der dreißiger Jahre herausgegeben wurde.

Am Eingang der Kurischen Nehrung liegt das Ostseebad Cranz, das in einer
halben Stunde Bahnfahrt von Königsberg in direkter Verbindung zu errei-
chen ist.

Sein Hauptvorzug ist seine Lage an der weiten, nach Nordwesten offenen
Meeresbucht, die durch die Kurische Nehrung und die nördliche Küste des
Samlandes gebildet wird. Dieser Lage verdankt der Badeort in erster Linie
seine Beliebtheit. Keine gegenüberliegende Küste behindert die Entwicklung
des stets kräftigen Seegangs. Außerdem hat Cranz den Vorzug an einen
mehrere Tausend Morgen großen Laub- und Nadelwald zu stoßen, der weite
Wanderungen nach der Kurischen Nehrung begünstigt.

Von allen ostpreußischen Seebädern ist Cranz die älteste. Vor mehr als
hundert Jahren ist dieser Badeort entstanden und ist in stets wachsendem
Aufschwung geblieben. Cranz hat 4.700 Einwohner, wird alljährlich von
mehr als 12.000 Kurgästen besucht und ist das vielbesuchteste Bad Ost-
preußens. An Blutarmut, Erschöpfungszuständen jeder Art, Englische
Krankheit, Skrofulöse, Rheumatismus, Gicht, Frauenleiden. Leidende
können hier Heilung in den kalten und warmen Seebädern, in den medizi-
nischen und Moorbädern finden.

Das buntbewegte Badeleben bietet Kurkonzerte, Seefeuerwerke, Kinderfeste,
Freilichtaufführungen, Tanzabende, gesellige Veranstaltungen, ostpreußische
Heimat- und Volksfeste. Sportbegeisterte finden einen großen, allen neu-
zeitlichen Anforderungen entsprechenden Sportplatz, 6 Tennisplätze in der
Nähe der See, Tennisturniere, Gymnastikkurse, Fischerregatta, Kanuheim
des D. K. V.

Selbst im Winter bildet Cranz einen gewaltigen Anziehungspunkt. Das Haff,
dreimal so groß wie der Bodensee, friert Winter für Winter mit seiner unge-
heuren Weite zu und wird zum gewaltigen Erlebnis für den Eissegler und
Schlittschuhläufer. Auch dem Skilauf Huldigenden steht hügeliges Gelände
zur Verfügung.

Gute Unterkünfte in Hotels, Pensionen und Privatwohnungen.

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, Februar 1958

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