Gdingens deutsche Zeit war kurz.

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Gdingens deutsche Zeit war kurz.

Beitragvon -sd- » 08.08.2022, 11:00

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GdingenWelthafen auf Befehl.
Für Polen mehr als ein Hafen. / Gdingens deutsche Zeit war kurz.


Im Jahr 1920 gab die Warschauer Regierung den Befehl, Gdingen, das kleine Fischernest, mit einer
aus Deutschen und Kaschuben etwa zu gleichen Teilen zusammengesetzten Bevölkerung von knapp
3.000 Seelen, zum Haupt- und Kriegshafen der Republik Polen auszubauen. Die reizenden kleinen
Fischerhäuser, die großen Netztrockenplätze, über die die schwermütigen Lieder der Matrosen und
der Fischersfrauen erklangen, verschwanden in einem halben Jahrzehnt. Piers und Molen wurden
aus dem Boden gestampft. Die polnische Amerikalinie, deren Flaggschiff der jungen Stadt zu Ehren
'Gdynia' hieß, baute ihr pompöses Verwaltungsgebäude. Große Kräne zierten die Skyline dieses
jüngsten Hafens in Europa. Kohlenhalden wuchsen zum Himmel, Reserven für den Fall, daß die
Kohlenbahn aus Oberschlesien nicht gleichmäßig die meist für Skandinavien deklarierten Schiffe
versorgen konnte. Die polnische Kriegsmarine baute Kasernen und Depots.

Die eingesessene Bevölkerung blieb nur zum kleineren Teil in der schnell wachsenden neuen See-
metropole Polens. Zu den Verbliebenen, die nun meist den Fischfangaufgaben und Beschäftigung
in dem aufstrebenden Hafen fanden, gesellten sich einige tausend Deutsche aus anderen Teilen des
Landes; Oberschlesier arbeiteten im Kohlenhafen, Posener in den Werften, Westpreußen als Schauer-
leute, Inspektoren und Ladeaufsichten.

Als die deutschen Truppen Anfang September 1939 Gdynia eroberten, dürften von den 120.000
Einwohnern etwa 6.000 bis 7.000 Deutsche gewesen sein. Diese Zahl änderte sich sehr bald, als
für 'Gotenhafen' (Hitler klang 'Gdingen' zu slawisch) ein Hafenprogramm ersten Ranges aufgestellt
und ohne Rücksicht auf Kosten und Material auch durchgeführt wurde. Da Kiel und Wilhelmshafen,
die Traditionshäfen der deutschen Flotte, zu feindnah lagen, wurde Gotenhafen der letzte Haupt-
kriegshafen des deutschen Reichs. Die in den Kämpfen des Septembers 1939 gerissenen Gebäude-
lücken schlossen sich sehr schnell. Parteibauten, U-Bootbunker und Depots wurden aus dem Boden
gestampft, hohe und höchste militärische Stäbe nahmen in den ehemals polnischen Verwaltungs-
gebäuden Quartier — bis das Blatt sich wendete.

Als Fluchthafen für Hunderttausende von Deutschen aus Westpreußen und Posen, aus Ostpreußen
und dem Memelland wurde Gotenhafen zum blutigen Symbol des Untergangs des deutschen Ost-
raums überhaupt. Zerfetzte Schiffsleiber vor dem Hafen und zerschossene Bauernwagen in den
Straßen markierten das letzte deutsche Kapitel Gdingens, das Wochen später schwer zerstört wieder
in russische und damit polnische Hände fiel.

Doch für Warschau war Gdynia längst ein Symbol. Gerade diese Stadt mußte, koste es, was es wolle,
wieder aufgebaut werden. Und so geschah es. Zwei Dutzend deutsche Familien, vom Schicksal in
diesen Winkel der Danziger Bucht verschlagen, sind heute unter fast 150.000 Bewohnern die
letzten Vertreter des Volkes, das vor kaum 200 Jahren das Fischerdorf Gdingen zwischen Wald und
Sand begründete. Der Name Gotenhafen verschwand von allen Landkarten, doch nicht aus dem
Gedächtnis jener Menschen, die dort in den Straßenkämpfen oder auf der Flucht die furchtbarsten
Stunden ihres Lebens verbrachten.

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, April 1959

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