Deutsche Mennoniten in Brasilien.

Quellen zur mennonitischen Familienforschung.

Deutsche Mennoniten in Brasilien.

Beitragvon -sd- » 20.06.2022, 12:05

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Deutsche Mennoniten in Brasilien.
Neue deutsche Dörfer im Staate Parana.


Seit die Spanier in Friesland die Sekte der Mennoniten auf das grausamste zu verfolgen
begannen, sind diese friesisch-niedersächsischen Menschen gewissermaßen immer auf
Wanderschaft. Sie wanderten nach West und Ost, übers Weltmeer und über die Steppen
Rußlands bis weit nach Sibirien. Eine zähe Rasse voll unbändigen Fleißes, geborene
Kolonisatoren, die fast überall, wohin sie das Schicksal stellte, Erfolg gehabt haben.
Tiefreligiös, innerlich und äußerlich sauber, konservativ in den meisten Dingen des täg-
lichen Lebens, aber unternehmungslustig und wirtschaftlich denkend, stellen die Menno-
niten einen ganz eigenen Typ niederdeutschen Menschentums dar, der kaum unterzu-
kriegen ist. Jene ersten planmäßig nach Nordamerika eingewanderten 13 Krefelder
Leineweberfamilien, die am Rande von Philadelphia Germantown gründeten, waren
Mennoniten. Mennoniten haben die Sumpflandschaften an Weichsel und Nogat koloni-
siert. Ihre Söhne zogen weiter auf die Steppen Südrußlands, die sie zur Kornkammer
des Zarenreichs werden ließen. Von hier wanderten Zehntausende nach Kanada, als
sie in Rußland nicht mehr nach ihren religiösen Gesetzen leben durften, die ihnen
Waffen zu tragen und Kriegsdienste zu leisten, verbieten. Und nach dem Ersten Welt-
krieg machten sich Tausende aus Rußland wieder auf den Weg nach Übersee. Ihre
in Kanada lebenden Verwandten halfen ihnen zu einem neuen Start in Mexiko, Argen-
tinien und Brasilien. Diese neue Wanderschaft hat vielen von ihnen eine neue Heimat
geschenkt, andere aber zogen bald von ihren Neugründungen weiter, weil sie nicht das
gefunden hatten, was sie sich versprachen, denn sie wollen blühende Siedlungen be-
sitzen, die ihnen guten Verdienst abwerfen.

Viele dieser 1923 aus Rußland ausgewanderten Mennoniten hatten sich im Staate Rio
Grande do Sul angesiedelt, wo aber ihre Siedlungen nicht recht gedeihen wollten. Sie
siedelten 1951 in die Nähe von Curitiba im Staate Parana um und wurden zum Teil
Milchbauern, die bereits nach wenigen Jahren einen großen Teil des Milchhandels
dieser ständig wachsenden Großstadt in ihre Hand gebracht haben. Sie liefern täglich
etwa 15.000 Liter Vollmilch in die Stadt und verteilen sie selber in die Häuser. Rund
100 Familien haben sich in der Vorstadt Vila Gnaira und in der Stadt selbst als Fabrik-
arbeiter, Kaufleute und selbständige Unternehmer niedergelassen. Hauptsächlich be-
fassen sie sich mit der Erzeugung von Sperrholz und sie haben zu diesem Zweck eine
Reihe eigener Betriebe eröffnet.

Die Kolonie Wittmarsum in Parana.

Diese Kolonie wurde 1952 auf dem Gut des ehemaligen Senators Roberto Glaser gegrün-
det, der 1951 sein fast 8.000 ha zählendes Besitztum an die Mennoniten verkaufte. Hier
sind nun im Laufe der letzten drei Jahre vier Dörfer entstanden, in denen insgesamt 80
Familien wohnen. Das ganze Gebiet ist aber in 130 Landlose eingeteilt, so daß noch
weitere 50 Familien erwartet werden. Hier beginnt sich nun ein Gemeindewesen zu ent-
wickeln, das ganz bewußt an die Tradition des Gemeinschaftslebens in Rußland anknüpft,
um auf diese Weise besser das Erbe der Väter erhalten zu können. In wirtschaftlicher
Hinsicht hat sich diese Kolonie ganz auf den Absatzmarkt in Curitiba eingestellt und
liefert vor allem größere Mengen Butter und Käse in die Großstadt, stellt sich aber
auch schon sehr auf Schweinemast und Reisbau ein. Die Siedler haben erkannt, daß eine
gesunde Milchwirtschaft die beste Grundlage für ihre wirtschaftliche Zukunft bildet.
Witmarsum ist auf offenem Kampfland angelegt worden, und die Siedler haben in
wenigen Jahren den Beweis erbracht, daß der Kampfboden bei entsprechender Bear-
beitung und Pflege gute Erträge zu bringen vermag. Durch seine milch- und landwirt-
schaftlichen Erfolge hat es bereits die Aufmerksamkeit weiter Kreise, besonders auch
der Regierung, auf sich gelenkt, und dürfte in Zukunft als Beispiel für die Anlage von
Neusiedlungen in dem geplanten Grüngürtel um Curitiba dienen. So sind die Mennoniten
auch hier wieder als landwirtschaftliche Pioniere tätig.

Laureira da Silva bei Bagé.

Auch hier handelt es sich um eine neue Bauernsiedlung nach dem Vorbild der Koloni-
sation in Rußland. Die rund 100 Familien sind hier ganz zur Wirtschaftsform der Väter
im Osten zurückgekehrt, indem sie wieder Weizen und Mais im Großbetrieb anbauen.
Es bestehen hier zwei Dörfer, denen noch eine dritte Siedlung hinzuzurechnen ist,
die durch Einzelhöfe von Mennoniten aus der Umgebung von Curitiba gegründet wurde.
Die Siedler sind hier zum größten Teil zur mechanisierten Landwirtschaft übergegangen
und erzeugen jedes Jahr große Mengen Weizen für den Brotbedarf in Brasilien. Da die
brasilianische Regierung auf die Förderung des Weizenanbaues großes Gewicht legt,
sind die Mennoniten hier sehr willkommene Siedler. Durch ihren Fleiß und ihre wirt-
schaftliche Tüchtigkeit haben sie sich das Vertrauen der Banken und Regierungsorgane
erworben und bilden heute bereits einen beachtlichen Faktor im Gebiet von Bagé.
In der landwirtschaftlichen Tätigkeit liegt überhaupt die Bedeutung der Mennoniten
für den brasilianischen Staat, zumal sich in allen Teilen des Landes infolge des unge-
sunden Zuges in die Stadt ein Mangel an Bauern und Landarbeitern bemerkbar macht.
Die bäuerliche Lebensform bietet den Mennoniten aber auch die beste Möglichkeit
zur Erhaltung ihrer Gemeinschaft und zur Wahrung des väterlichen Erbes. Der Einfluß
der Stadt hat sich auf das deutsche Gemeinschaftsleben noch immer nachteilig aus-
gewirkt. Die Mennoniten versuchen ihre alte Lebensform dem neuen Lande anzu-
gleichen. Geschähe das nicht, dann würden sie in absehbarer Zeit als Sondergruppe
verschwinden. Das mennonitische Gemeinschaftsleben mit seiner preußisch-rußlän-
dischen Tradition kann wohl nur auf der Grundlage einer geschlossenen bäuerlichen
Siedlung erhalten werden. Darin liegt die große Bedeutung der mennonitischen Neu-
siedlung für die Zukunft ihrer Gemeinschaft in Brasilien.

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, März 1958

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