Ausrottung des Mittelstands in der Sowjetzone.

Informationen im Zusammenhang mit der ehemaligen 'Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)' und späteren DDR.

Ausrottung des Mittelstands in der Sowjetzone.

Beitragvon -sd- » 30.03.2020, 14:53

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Die systematische Ausrottung des Mittelstands in der Sowjetzone.

Von unserem Berliner Vertreter.

In einer Woche flüchteten 524 selbständige Handwerker mit ihren Familien nach West-
berlin. Manchen war es gelungen, Teile ihrer Werkstätten mitzubringen, andere kamen
mit dem Rucksack, die meisten mit dem, was sie am Leibe trugen.

Was bewog diese Menschen zum Verlassen ihrer Heimat — zum Eintausch einer vielfach
seit Jahrzehnten gesicherten, von Vätern und Vorvätern begründeten Existenz gegen
einen vollkommenen Neubeginn, gegen die Ungewißheit und Trostlosigkeit in überfüllten
Flüchtlingslagern ?

„Der Schreinermeister Kalthoff, aus Sonneberg, wurde wegen Wirtschaftssabotage und
Verstoßes gegen die Exportbestimmungen der DDR zu eineinhalb Jahren Gefängnis ver-
urteilt. Kalthoff hat seine zum Export bestimmten Weihnachtskrippen und andere
Erzeugnisse auch in Sonneberg zum Verkauf gebracht …“ —

„Drei Jahre Gefängnis und Schließung der Werkstatt, weil der Instrumentenmacher
Neubauer in Markneukirchen fortgesetzt Restbestände des ihm zur Trommel-Fertigung
gelieferten Pergaments zur Leimherstellung verwandte . . .“ —

„Neun Monate Gefängnis und 2000 Mark Geldstrafe, weil der Bäckermeister Hornung
entgegen den Bestimmungen über das Alleinverkaufsrecht der HO-Mohnstriezel und
Mohnbrötchen zum Verkauf brachte …“ —

Meldungen dieser Art finden wir laufend in der Ostpresse. Angefangen beim Fleischer,
dem die Zuteilung ständig zu Gunsten des Konsums oder der HO gekürzt wird, bis zum
Tischler, der kein Holz, zum Glaser, der kein Glas bekommt, gibt es kaum einen selb-
ständigen Handwerker in der Sowjetzone, der nicht täglich wegen irgendwelcher Selbst-
hilfemaßnahmen mit einem Bein im Gefängnis stünde.

Noch 1949 zählte man 304.000 selbständige Handwerker im sowjetischen Gebiet. Dann
erließ 1950 die Grotewohl-Regierung ein Gesetz "zur Förderung des Handwerks" und in
Verbindung damit ein neues Handwerks-Steuergesetz. Bereits im September 1951 hatte
man mehr als 12.000 Schneider, 5.110 Schuhmacher, 2.420 Fleischer, 2.760 Bäcker und
2.500 Tischler ihre Selbständigkeit mit einem Arbeitsplatz in der staatlichen Industrie
oder mit einem Westberliner Flüchtlingslager getauscht. Die Zahl der Kleinbetriebe wird
heute auf kaum 180.000 geschätzt. Und vielen von ihnen geht es nicht anders als jenen
Schuhmachern in Mecklenburg, die seit Monaten kein Material, keinen Gummi, keinen
Nagel mehr haben oder erhalten. Typisch für die Situation der "Übriggebliebenen" ist
der Fall Broda, Uhrmacher aus Eberswalde. Er brauchte Ersatzteile, nahm 100 Ostmark,
fuhr nach Westberlin, tauschte 22 Mark West ein und kaufte Ersatzteile ...
Der 68jährige büßt dafür heute 5 ½ Jahre Gefängnis ab !

SED-Generalsekretär Ulbricht hat den Handwerkern den neuen Weg gewiesen: Kollektiv-
betriebe !

Kein Wunder, daß trotz immer stärker werdenden Drucks kaum noch Handwerker bereit
sind, Ulbrichts "Sozialismus aufzubauen".

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 25. März 1953

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