Warum flüchtet der Bauer ?

Informationen im Zusammenhang mit der ehemaligen 'Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)' und späteren DDR.

Warum flüchtet der Bauer ?

Beitragvon -sd- » 24.02.2020, 21:44

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Warum flüchtet der Bauer ?

Nachdem 1945 die mitteldeutschen Gutsbetriebe enteignet und durch die Boden-
reform in Wirtschaften bis zu zehn, in Ausnahmefällen bis zu fünfzehn ha aufgeteilt
waren, gibt es in der Sowjetzone als Großbetriebe nur noch Staatsgüter. Daneben
aber stehen noch die Bauernhöfe, die 99 ha nicht überschreiten. Mehr darf niemand
besitzen. 1950 setzte aber bereits eine systematische Hetze gegen dieses Groß-
bauerntum ein. Sie wirkte sich insbesondere beim Ablieferungssoll aus. Jede Größen-
klasse und zwar bis fünf ha, von fünf bis zehn, von zehn bis zwanzig und von zwanzig
ab bekam eine besondere „Norm", die sich von unten nach oben steigerte.

1952 begann der Klassenkampf auf dem Dorfe dann mit aller Schärfe. Der "Großbauer"
(von 20 ha aufwärts), als reaktionär und staatsfeindlich hingestellt, konnte seine hohen
Verpflichtungen unmöglich erfüllen, erst recht nicht termingemäß. Maschinen haben
im Wesentlichen nur die Maschinen-Ausleih-Stationen, deren "Kulturleiter" zuerst die
Neubauern, dann die Kleinbauern und erst ganz zum Schluß die anderen Betriebe
ersorgte. Im Sommer 1952 wurden dann Gemeindeversammlungen anberaumt, zu
denen alle Bauern erscheinen mußten. Arbeiter aus einem Industriewerk, Landrat,
Kreisrat und Polizei erwarteten die "Kulaken". Wer nicht kam, wurde von der Polizei
geholt. In den Versammlungen wurden sämtliche Sollabgaben verlesen und alle
Rückstände bekanntgegeben. Wer nicht sein Soll erfüllt hatte, mußte auf die Bühne
vortreten, um sich zu rechtfertigen, warum er mit Eiern, Milch, Fleisch oder Getreide
im Rückstand war. Doch ehe er sich äußern konnte, erscholl aus den Reihen der
Arbeiter "Saboteur, Verbrecher, Rias-Agent", ein Tumult rief die Polizei auf die
Bühne und die Bauern wurden in Handschellen abgeführt. In T. konnte z. B. der
Bürgermeister am folgenden Tage nur feststellen, daß zehn Gehöfte herrenlos
waren. Zu gleicher Zeit bekamen sämtliche Gemeinden im Kreise farbige Plakate
zum Aushang. „Was ist in T. los ? Großbauer X trieb Sabotage“. „Volksverrat durch
West-Agenten". Die Unruhe wuchs und immer mehr Bauern wählten die Flucht.

Es ist also keineswegs erstaunlich, wenn seit dem Oktober 16.000 Bauern flüchteten,
die insgesamt 750.000 Morgen besaßen.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT; 15. März 1953

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