Uderwangen.

Uderwangen.

Beitragvon -sd- » 28.12.2018, 21:48

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Eine tapfere Ostpreußen-Frau.
Die Russenherrschaft in der Provinzhauptstadt erlebt von Margarete Raabe.


Ende Oktober 1945 wurden fast alle Deutschen aus unserer Straße auf Lastwagen
aufs Land nach Uderwangen gebracht; wir wurden davon verschont. Die Deutschen
waren dann aber nur noch ganz vereinzelt in unserer Straße und bald zogen immer
mehr Russen ein. Da plante man einen Überfall auf uns. Ich wartete am 9. Novem-
ber abends mit Frl. W. auf die Heimkehr meiner Schwester — Evemarie war ihr
bereits entgegengegangen —, da hörten wir vor unserem Hause Stimmengewirr.
Bald darauf wurde an unsere Haustür, die nur notdürftig aus Brettern zusammen-
geschlagen war, wüst geschlagen. Um die Tür nicht kaputt machen zu lassen,
blieb uns nichts übrig als zu öffnen. Eine Menge Russen, Männer und Frauen,
drängten hinein, ergriffen uns und stießen uns mit Faustschlägen auf die Straße.
Dort stellte man uns an den Zaun, und vor einem jeden von uns stellte sich ein
Russe mit einer Maschinenpistole. Nach vielem Geschrei trieb man uns vorwärts.
Es ging kreuz und quer durch alle möglichen Straßen, bis wir vor einem großen
Hause landeten. Man trieb uns dort in einen Keller, woselbst man uns in einem
kleinen Abteil einsperrte. Doch nach nicht allzu langer Zeit holte man uns heraus
und brachte uns in einen erleuchteten Raum, in dem an einem großen Tisch ein
hoher Offizier saß. Wir wurden einzeln durch eine Dolmetscherin vernommen,
es wurde uns gesagt, unser Haus brenne und wir hätten das Feuer angelegt.
Nachdem wir jeder ein Schriftstück unterschrieben hatten, mußten wir warten.
Nach längerer Zeit erneutes Verhör vor fünf Offizieren, doch wir konnten nichts
anderes sagen, als daß wir weder Feuer angelegt, noch gesehen hatten.

Nachdem wir wieder ein Protokoll unterschrieben hatten, sagte man uns, wir
könnten nach Hause gehen. Da wir nicht wußten, wo wir waren und wie wir in
der Dunkelheit nach Hause finden sollten, weigerten wir uns. Man ließ uns warten,
bis die Wache abgelöst wurde und schickte uns mit dieser nach Hause. Dort ange-
langt, erwartete uns meine Schwester mit ihrer Tochter. Man hatte tatsächlich
zum größten Teil unser Zimmer ausgeraubt, selbst die auf dem Balkon zum
Trocknen aufgehängte Wäsche hatte man nicht vergessen. Nur mein Bett, auf das
die Schranktür gefallen war, und einige Kissen, die in einer Ecke hinter der Türe
lagen, zudem mein Rucksack, der auch in einer Ecke lag und auf den zufällig etwas
gefallen war, waren übrig geblieben. Aber der Rucksack von meiner Schwester und
von Frl. W., dazu deren Betten, unsere Mäntel — man hatte uns ohne Mantel mit
Küchenschürze auf Hausschuhen hinausgetrieben, — waren weg. Als man uns aus
dem Hause trieb, lauerte man meiner Schwester und Evemarie auf und trieb sie
wahllos durch die Straßen und durch Trümmer. Meine Schwester sah mit großer
Angst, was der Soldat mit Evemarie vorhatte, da wurde plötzlich noch eine junge
Frau zu den beiden getrieben, und meine Schwester und Evemarie wurden mit
Flüchen davongejagt.
Am anderen Morgen bekamen wir den Befehl, unser Zimmer sofort zu räumen, die
Russen belästigten uns und wollten uns unsere Geräte wie z. B. die Besen stehlen.

Bei der Vernehmung am Abend vorher war ein Major anwesend, der im Hause
neben uns wohnte. Er hatte uns gesagt, wir dürften zu ihm kommen, wenn wir
in Not seien. Viele Male an diesem Tage mußten wir hilferufend zu ihm laufen.
Am anderen morgen früh, als die Russen noch schliefen, montierten wir unsern
Herd ab, meine Schwester und Frl. W. hatten ihn aus einem ausgebrannten Hause
geholt und in der Küche angeschlossen. Wir zogen damit nach Boyenstraße 81, wo
wir ein Dachzimmer ohne Heizung und Kochgelegenheit zugewiesen bekommen
hatten. In diesem Zimmer verbrachten wir den Winter. In den anderen Räumen
wohnten russische Frauen, die tagsüber ihrer Bürobeschäftigung nachgingen.
Meine Schwester und Frl. W. gingen früh zur Arbeit und kamen am Abend nach
Hause. Ich hatte, abgezehrt, wie ich war, immer noch ein ärztliches Attest
und konnte daher nicht zur Arbeit getrieben werden. Tagsüber waren Evemarie
und ich meistens allein im Hause. Wir beschäftigten uns mit Stricken und sonsti-
gen Handarbeiten für die Russen, oft wurde uns auch Arbeit, teils das Sauber-
machen von Zimmern, teils Kochen, übertragen. Wir freuten uns darüber,
konnten wir doch dadurch unseren Küchenzettel etwas verbessern.

Meine Schwester, die in der Walzmühle arbeitete und mit Mehl in Berührung
kam, brachte täglich etwas davon mit. Trotz strenger Aufsicht und Kontrolle
wagte sie es immer wieder, denn wie hätte sie sonst ihre Tochter ernähren
und uns anderen einen Zuschuß geben können. Das Mehl tat sie in kleine
Päckchen und verstaute diese an allen möglichen Körperstellen. In Ermange-
lung des Haarknotens — das Haar hatten wir alle bis auf einen kleinen Rest
verloren — tat sie auch auf den Kopf einen kleinen Mehlbeutel. Außerdem
fand sie Gelegenheit, sich hin und wieder einen leeren Mehlsack um den Körper
zu binden, aus dem wir uns die nötigsten Kleidungsstücke fertigten. Eine Jacke
für mich, ich besaß ja keinen Mantel mehr, wurde aus einer Decke genäht. Nun
konnte ich auch wieder mit Evemarie zusammen aus dem Hause gehen, denn
bis dahin gab sie mir ihren Mantel.

Seit einiger Zeit bemerkten wir, außer bei meiner Schwester starkes Jucken
am Körper. Dieses Jucken steigerte sich und wurde so qualvoll, daß man
meinte, von einem krampfartigen Anfall, der sich leider zu schnell wiederholte,
befallen zu sein. Wir konnten nachts schlecht schlafen, wir rissen unsere Körper
wund und blutig, es entstanden eitrige Beulen, die Beine, besonders meine,
waren stark geschwollen. Wir suchten Hilfe in der Poliklinik. Dort waren die
Warteräume überfüllt, hauptsächlich mit Menschen, die an derselben Krank-
heit litten. Die uns dort zuteilwerdende Behandlung schaffte keine Erleichterung.
Etwas Erleichterung hatten wir nur durch die allabendliche Abwaschung mit Essig-
wasser.

So kam das erste Weihnachtsfest in russischer Gefangenschaft. Wir waren über-
eingekommen, möglichst nicht daran zu denken, waren wir doch fest davon
überzeugt, daß es unter diesen Verhältnissen nur einmal durchlebt zu werden
brauchte und daß wir das nächste Mal längst im deutschen Reich sein würden.
Aber wir hatten doch Gelegenheit, dem Weihnachtsgottesdienst beizuwohnen.
In einem Hause, das nur teilweise zerstört war, hatte man zwei kleine Zimmer
als behelfsmäßige Kapelle eingerichtet. Vormittags wurde katholischer, nach-
mittags evangelischer Gottesdienst abgehalten. Neben einem schön hergerich-
teten Altartisch stand in einer Ecke die Schutzmantelmadonna aus unserer Kirche.
Unsere Kirche war sehr zerstört, alles war kaputt, aber außer der unbeschädigten
Schutzmantelmadonna hing über dem Altarraum das Kruzifix, unbeschädigt.
Es war an einer Metallschnur befestigt, und der Wind bewegte es hin und her.

Am 31.12.1945, dem letzten Tage des ereignisreichen schweren Jahres, holte
ein in der Nähe wohnendes russisches Ehepaar, das zur Silvesterfeier gehen
wollte, Frl. W. und mich zur Bewachung ihrer Wohnung. Die Wohnung selbst war
aber abgeschlossen, wir durften uns nur in der kalten Küche aufhalten. Neben
unseren Sitzplätzen standen vier große Steintöpfe voll Fleisch, Gänse- und
Schweinefleisch. Traurig schauten wir hin, wie gern hätten wir nur ein winziges
Stückchen gehabt. Wir mußten wachen und frieren bis ungefähr 3 Uhr morgens.
Als Entgelt dafür bekamen wir nach einiger Zeit auf unsere Bitte einen Topf voll
Fleischbrühe.

Am 18. Mai früh wurde uns durch eine harte Männerstimme befohlen, nicht das
Haus zu verlassen, sondern unsere Sachen zu packen und uns bereit zu halten
für den Abtransport mit einer Maschine. Unser Entsetzen war groß; uns überfiel
Ratlosigkeit, ob wir uns verstecken oder uns vom Schicksal treiben lassen sollten.
Wir taten das Letztere. Die Maschine kam jedoch erst am 20. Mai früh. Wir mußten
unsere Sachen aufladen und fuhren zusammen mit anderen Leidensgenossen zur
Stadt hinaus. Wir landeten in einem Dorfe mit ausgebrannten Häusern bei Uder-
wangen. Wir suchten uns zusammen mit einem Ehepaar eine Wohngelegenheit
in einem Hause, das nicht gar so sehr zertrümmert schien. Zuerst wurde eine
Kochgelegenheit hergerichtet, die Fenster vernagelt usw. Am andern Morgen
kamen schon die Russen uns zur Arbeit holen. Es mußten Kartoffeln aufgeladen,
aufs Feld gefahren und gepflanzt werden. Meine Schwester Martha, des „Organi-
sierens" kundig, verstand es, Kartoffeln für unser Mittagessen zu besorgen. Das-
selbe tat Frl. W., und ich versuchte mich auch in der, bei den Russen unbedingt
notwendigen Beschäftigung, d. h. ich versuchte zu organisieren. Fünf Tage arbei-
teten wir bereits, aber Brot oder sonstige Verpflegung gab man uns nicht. Dabei
wurde scharf aufgepaßt, daß wir keine Kartoffeln nahmen, beim Mittagkochen
wurden die Kochtöpfe kontrolliert. Wir sahen ein, daß wir hier verhungern
mußten, auch wenn die versprochene Verpflegung geliefert werden würde.
Zudem erzählte man uns, daß die im Vorjahre hingebrachten deutschen Arbeiter
im Laufe des Winters alle bis auf zwei junge Mädchen, die von russischen Soldaten
ernährt wurden, an Hunger gestorben waren. Meine Schwester packte ihren
Rucksack und machte sich mit Evemarie auf, um zu Fuß nach Königsberg zu gehen
und den Versuch zu machen, wieder in der Walzmühle zu arbeiten. Das Ehepaar,
mit dem wir unseren Wohnraum teilten, flüchtete nach einigen Tagen. In der
ersten Nacht in der Fräulein W. und ich allein waren, drangen mehrere Russen
in das Nachbarzimmer ein, würgten die jungen Frauen und raubten die Kleidungs-
stücke, die sie fanden. Durch das laute Schreien der Frauen und Kinder erweckt,
liefen wir beide hinaus; ich sah einen Russen vor dem Hause stehen und lief laut
schreiend zur anderen Seite hinaus. Am anderen Tage zogen Frl. W. und ich in
einen anderen Raum. Wir waren dort sieben Personen zusammen, im Zimmer
nebenbei wohnte eine Russin, und wir versprachen uns dadurch Schutz. Nach
einiger Zeit hatten Frl. W. und ich Gelegenheit, mit einer „Maschine" (Last-
wagen) zu flüchten. Durch die Russen, die uns mit der Maschine mitnahmen,
bekamen wir zusammen mit drei weiteren Flüchtlingen einen Raum zum Wohnen.
Wir mußten sofort wieder arbeiten, und zwar waren es Aufräumungsarbeiten,
die man verlangte; wir mußten Eisenteile, Steine, Mörtel usw. wegtragen. Da
wurde Frl. W. eines Tages gefragt, ob sie aufs Land gehen und im Haushalt
arbeiten würde. Sie würde Milch zu trinken und auch satt zu essen bekommen,
und ich könnte mitgehen und mich auf dieselbe Weise betätigen. Nun, wir
hatten nichts zu verlieren, ich litt unter der einseitigen, nicht ausreichenden
Ernährung, das Gesicht zeigte Schwellungen, auch die Beine waren geschwollen.
Dann litt ich sehr unter Müdigkeit. Eines Abends nahm uns wieder eine Maschine
mit unseren noch vorhandenen Habseligkeiten auf und fuhr uns ins Ungewisse.
Mir war bange zu Mute. Die mit uns fahrenden Russen sangen laut und nach
meinem Empfinden schrecklich. Es dunkelte stark, als wir in Norkitten bei Inster-
burg landeten. Zwei Russenfrauen kamen an unseren Wagen und begrüßten uns
mit einer langen Rede, von der wir kein Wort verstanden. Wir bekamen zu essen,
Milch und Brot. Frl. W. blieb im ersten Hause; ich wurde ins Nachbarhaus gebracht
und konnte mich schlafen legen. Am andern Morgen begann die Tätigkeit, mir
wurden Arbeiten zugeteilt, wie sie eben in einem einfachen ländlichen Haushalt
vorkommen. Auch Gartenarbeiten mußte ich machen, wie Unkraut jäten,
Kartoffeln behäufeln, Kirschen pflücken usw.

Anfangs machte mir das Wasserschöpfen viel Sorgen. Ziemlich ratlos stand ich
vor einem Brunnenloch, in dessen Tiefe ich den Wasserspiegel sah. Behutsam
ließ ich den Eimer an einem langen Strick hinunter und mühte mich; mit
Schwenken und allen möglichen Bewegungen den Eimer zu füllen. Der Eimer
machte wohl allerhand Sprünge, aber Wasser aufnehmen tat er nicht. Mein
vergebliches Bemühen sah eine Russenfrau, sie kam und nahm mir den Eimer aus
der Hand, um ihn mit Schwung und Geschicklichkeit ins Wasser zu werfen und
ihn gefüllt nach oben zu ziehen. Diese Russenfrau -— sie konnte etwas deutsch
sprechen, denn sie hatte 2 ½ Jahre für deutsche Soldaten gearbeitet – war in der
Folgezeit immer freundlich und hilfsbereit zu mir, sie unterstütze mich und half
mir, wo und wie sie konnte. Zum Wasserschöpfen jedoch brauchte ich bald
keine Hilfe mehr, ich beherrschte diese Kunst bald ebenso wie die Russenfrauen.

In den ersten Tagen war das Essen einigermaßen ausreichend, Kartoffeln gab
es gar nicht, aber dann wurde es weniger und weniger; mein Teller war eine
Untertasse, mich quälte dauernd der Hunger. Nur die Kirschen, die ich während
des Pflückens in großen Mengen aß, halfen mir. Anfangs wurde ich auch einiger-
maßen gut behandelt, aber dann wurde es immer schlechter mit der Behandlung,
ich konnte es kaum noch ertragen; daß man mich beobachtete und umlauerte,
merkte ich nicht. Eines Tages stand die Nachbarsfrau, eine russische Ärztin,
bei mir in der Küche. Da sagte ich folgendes zu ihr: „Ich sah vor einigen Tagen,
dass der 9-jährige Nachbarsjunge eine Handvoll Scheine aus dem Küchenschrank
nahm und damit loslief. Ich glaube, er hatte Rubel“. Da stutzte die Frau und sagte:
„Wenn der Junge etwas genommen hat, wird er es sagen“. Ich glaubte nicht, daß
der Junge das zugeben würde, aber in dem Augenblick wußte ich auch, daß ich als
Dieb verdächtigt wurde, denn dazu paßte die mir zuteil gewordene schlechte
Behandlung. Der Junge leugnete anfangs wirklich, dann durchsuchte man seine
Sachen. Ob was gefunden wurde, weiß ich nicht. Ich wurde aber ins Zimmer geru-
fen, alle lächelten mich freundlich an, und ich wurde gefragt, wann ich gesehen
hätte, wie der Junge die Scheine nahm. Die Behandlung wurde wieder etwas besser,
aber das Essen war nicht zureichend, der Hunger trieb mich, Kleinigkeiten, wie z. B.
ein Stückchen Brot, einen Löffel Grütze in den Mund zu stecken, dabei begab ich
mich aber immer wieder in Gefahr, ertappt zu werden. Anfang August warf man mir
und auch Frl. W. erneut Diebstahl vor. Wir sollten durchaus Milch gestohlen haben,
aber man suchte wohl nur einen Grund, um uns zu entlassen. Nun brach alles über
uns zusammen, wir wußten nicht wohin. Alle in Norkitten untergebrachten deutschen
Menschen mußten in der Sovjose (Kollektivwirtschaft) arbeiten. Das bedeutete von
früh bis spät, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf dem Felde sein. Wer dann
am Tage irgendwo anders angetroffen wurde, wurde festgenommen und zum Komman-
danten gebracht, wo festgestellt wurde, warum er nicht gearbeitet hatte; denn eine
andere Arbeit als die Feldarbeit kam für eine deutsche Frau nicht in Frage. Da ich
aber diese Arbeit nicht leisten konnte, mußte ich mich möglichst verstecken; vor
dem späten Abend wagte ich nicht durch den Ort zu gehen und wenn das geschah,
dann mußte ich gehetzt über brachliegende Felder und Trümmer laufen, möglichst
in gebückter Haltung. Hatte nun das Gewissen der Frau, bei der ich bis jetzt arbeitete,
geschlagen, ich weiß es nicht, jedenfalls kam sie mit der Ärztin als Dolmetscherin und
bot mir an, ihre und ihrer Nachbarn Kühe zu hüten (5 Stück), es wäre leichte Arbeit
und ich würde jeden Tag 1 Liter Milch und 200 Gramm Brot bekommen, ich sagte zu,
obgleich ich nicht wußte, wie man mit Kühen umgehen muß, aber ich hoffte auf die
Hilfe, die mir bisher noch immer in Not zuteil geworden war. Wie oft hatte ich mir
den Vers aufgesagt: „Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird
auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann“. Frl. W. bekam die Hausarbeit im Hause
der russischen Ärztin, deren Mann als Tierarzt in der dortigen Kollektivwirtschaft arbei-
tete. Das Ehepaar hatte ein Söhnchen, 9 Monate alt. Im Obergeschoß des Siedlungs-
häuschens, das die Familie bewohnte, war ein Stübchen, das Frl. W und mir als Schlaf-
raum zugewiesen wurde. Möbel waren darin nicht enthalten, aber wir besaßen jeder
einen Holzkasten, der unsere Habseligkeiten barg, und eine Schlafmatratze ohne Bett-
gestell, es lag sich etwas hart auf dem Fußboden. Mit der Zeit brachten wir es auch zu
einem selbstgebastelten Tisch und zu „feudalen“ Hockern, d. h. kurzgesägten Baum-
stämmen. Mit dem einen Liter Milch und einer dicken Schnitte Brot konnte ich nun tags-
über schlecht auskommen. Aber ich bekam Näharbeit, die ich während des Hütens aus-
führen konnte, und so verdiente ich noch entweder Kartoffeln oder Brot dazu. Am 10.
August früh sollte meine Hirtentätigkeit beginnen. Wie ich den ersten Hahnenschrei hörte,
erhob ich mich von meinem Lager und machte mich bereit. In Ermangelung der notwen-
digen Bekleidung hatte man mir leihweise eine alte Russenjacke und einen Regenumhang
gegeben; denn am Morgen war es kalt und naß. Da man annahm, daß ich in meiner neuen
Arbeit ohne jede Übung sei, bekam Frl. W. den Befehl, mit mir zusammen den ersten
Tag die Kühe auf die Weide zu bringen. Diese lag in einem Tal, durch das ein Nebenfluß
des Pregels floß. Nun verließ mich Frl. W. Mir war etwas beklommen zu Mute, ich preßte
meine Hände zusammen und sagte: „Lieber Gott, hilf !“ Die Kühe verspürten noch keine
Lust zum Grasen, vielleicht merkten sie auch, daß sie eine neue Hüterin hatten oder es
war noch zu früh, und sie verspürten noch keinen Hunger; die Sonne war ja noch nicht
aufgegangen. Als ich ihren Aufgang bewunderte und die Kühe einen Augenblick unbewacht
ließ, setzten sie sich in Bewegung und gingen schnell auf den Fluß zu, um ihn, o Schreck,
zu durchqueren und auf der anderen Seite hinter den Büschen zu verschwinden. Mich
erfaßte ein Schrecken ohnegleichen. Die Schuhe auszuziehen und auch durchs Wasser
zu gehen, wagte ich nicht, das Wasser erschien mir so tief. Ich lief den Weg entlang über
die Brücke und kam keuchend zu den Kühen, die in einem verbotenen Garten friedlich
grasten. Von Tag zu Tag wurde mein Hütegeschäft leichter: Die Kühe gewöhnten sich an
mich und an meine Zurufe, die oft so laut schallten, daß ich meinte, mein Mann müßte sie
in Berlin hören. Ich verlor die Scheu vor den Tieren, es machte mir Freude, sie zu beob-
achten. Die Hüterei gefiel mir je länger, je besser; meine Beine waren nicht mehr geschwol-
len, das häufige kühle Fußbad und das ständige Barfußgehen, dazu Luft und Sonne taten
dem Körper so gut. Mein Leben lang hatte ich noch nie so viel dem Hang zum Alleinsein
nachgehen können wie jetzt, dazu konnte ich nach Herzenslust meine Lieblingsbeschäf-
tigung, das Träumen, ausüben. So lebte ich in meiner Welt, ohne Menschen, mit den
Tieren, mit dem Wasser. Ich beobachtete die Sonne, wie sie tagsüber ihren Bogen am
Firmament dahinwandelte, ich sah dem wechselvollen Spiel der Wolken zu, ich bewun-
derte die kleinen und kleinsten Tierchen, die mir auf die Hand flogen die Blumen, die
Gräser, die sich in ihrer Feinheit und Zartheit auf ihren schlanken Halmen im Winde
neigten; mir kamen die Worte eines Liedes in den Sinn, das mir mein Mann so oft vorge-
sungen: „Wie groß ist Gott, wie groß ist Gott im Kleinen“. So vergingen die Tage, ich
bemerkte das kleiner werden des Bogens, den die Sonne täglich durchmaß. Es dunkelte
merklich früher. Ich fing am späten Nachmittag schon an zu frieren, ich mußte meine Füße
beziehen. Das Wasser, durch das die Kühe mußten, sah dunkel aus, ich empfand eine Ab-
neigung, die Fußbekleidung zu entfernen und hindurch zu waten. Aber auf die andere Seite
mußte ich doch. Da blieb mir nichts anderes übrig, als die Kühe ins Wasser zu treiben und
dann schnell über ein Stück Weide, über eine Brücke, über ein Stück Straße zu laufen, um
wieder zu meinen Kühen zu kommen. Wenn ich dann endlich keuchend auf der anderen
Seite stand und ins Tal hinabsehen konnte, standen meine Kühe noch auf dem Fleck im
Wasser, auf den ich sie getrieben hatte und glotzten alle fünf mit großen Augen auf die
Stelle, an der ich auftauchen mußte. Dann schrie ich ihnen laut auf Russisch zu: „Nun aber
schnell, schnell nach Hause“. Alsdann setzten sich die Tiere in Bewegung und gingen, bis
auf die Mielka, die alleine gehen wollte, im Gänsemarsch dem Stalle zu. Es dunkelte dann
bereits stark. Wenn ich den Mond sah, nickte ich ihm zu und sagte: „Siehst du, alter Gesell,
wieder ein Tag näher dem Tode“. So kam das Ende meiner Hirtentätigkeit im Sommer 1946.
Die Russenfrau, Lida mit Namen, die mich wegen „Diebstahl“ aus dem Hause gejagt hatte,
wollte verreisen. Sie fand aber niemand, um ihren Haushalt zu betreuen als mich, die
„deutsche Margarita“. Ich mußte von Mitte September ab wieder im Haushalt arbeiten
und neben dem russischen Hausvater und zwei Gästen, Kuh und Schwein versorgen, d.h.
nicht nur das Essen für die Menschen, sondern auch für die beiden Tiere herrichten. Das
Futter für die Letzteren mußte im Garten der Natur gesammelt werden. Es grenzte an das
Siedlungshäuschen ein großes Feld Zuckerrüben. Was tat nun Margarita ? Sie ging im Morgen-
grauen, wenn noch alles schlief, tief gebückt aufs Feld und ritz, ratz, flogen die Rüben über
den Zaun, um dann für die Tiere Verwendung zu finden. Wie freute sich dann meine Kuh,
die Schirnabrowka, wenn sie zum Abend in einem blitzsauberen Stall einen Bottich voll süßer
Rüben fand, und das Schwein schnarchte in süßer Ruh, wenn es den Bauch dick voll Rüben-
brei hatte. Doch habe ich vom Schweinebraten nichts bekommen, ich durfte nur die Därme
säubern, bis mir übel dabei wurde. Aber in den drei Wochen der Abwesenheit der „Herrin“
brauchte ich nicht zu hungern, ich habe die wunderbare Milch getrunken, den wohlschmek-
kenden Quark und frische Kartoffeln gegessen. In dieser Zeit lernte ich auch die Kuh zu
melken, es wurde mir nicht leicht, Hände und Knie zitterten, aber ich freute mich, wenn
die Kuh ausgemolken war, und ich 4 – 5 Liter schäumende Milch im Eimer hatte. Als dann
die Hausfrau von ihrer Reise aus Rußland zurückkam, fing das elende Magddasein für mich
wieder an. Wohl bedankte sich die Frau für das gute Versorgen ihrer Wirtschaft, aber bald
wurde ich wieder schlecht behandelt.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, Februar 1954

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