Vom Frischen Haff zur Kieler Förde. Ein Tatsachenbericht.

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Vom Frischen Haff zur Kieler Förde. Ein Tatsachenbericht.

Beitragvon -sd- » 10.07.2018, 20:37

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Vom Frischen Haff zur Kieler Förde.
Ein Tatsachenbericht von Wilhelm Gramsch.


Das Jahr 1944 neigte sich dem Ende zu. Die russische Invasion hatte große
Teile der Provinz Ostpreußen überflutet und die wenigen in deutscher Hand
verbliebenen Flughäfen waren immer wieder Ziele feindlicher Luftangriffe zur
Unterbindung eigener Luftoperationen. Somit waren auch unsere Fliegerhorste
unmittelbar Front geworden und das Werftpersonal stand den Kameraden im
Graben in keiner Weise nach. Das Weihnachtsfest stand bevor. Der
Horstkommandant hatte seine Gefolgschaft zu einer würdigen Feierstunde
vereinigt und seinen Worten war unschwer die ganze Tragik zu entnehmen, der
wir alle entgegengingen. Daß diese Weihnacht gerade für uns Ostpreußen zu
denken gab, war nur zu verständlich. Konnte ein gütiges Geschick noch einmal
eine Wendung bringen ? Wenn nun die Heimat verloren ging — was wurde dann
letzten Endes aus Deutschland ? Womöglich war es für lange Zeit die letzte
Weihnacht in der Heimat ! Keiner wagte es auszusprechen, weil es uns eben
möglich erschien.

Ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft hatte der Küchenverwaltung einen
Mastochsen zur Verfügung gestellt, und somit kamen wir alle in den Genuß
eines Festbratens. Das neue Jahr kam heran und wurde — diesmal nicht mit
Glockengeläut und Festgesang —, sondern im wahrsten Sinne des Wortes mit
Bomben und Granaten eingeleitet. Täglich fanden sich mehr und mehr
Flüchtlinge ein in der Hoffnung, mittels Flugzeugen ins Reich gebracht zu
werden. Was hier menschenmöglich war, wurde getan und jede Maschine
wurde zusätzlich mit Zivilisten beladen bis an die Grenzen ihrer Leistungs-
fähigkeit. Die Front rückte näher heran und bald standen wir in direktem
Panzerbeschuß. Der Räumungsbefehl für den Flugplatz Jesau war stündlich
zu erwarten. Am Abend des 27. Januar war es dann soweit. Das Werftpersonal
hatte gute Vorarbeit geleistet, und hochwertige Werkzeugmaschinen und
Geräte waren indessen auf einem Bergungszug verladen, welcher auch sein
Ziel, den Fliegerhorst Heiligenbeil, glücklich erreicht hatte. Bald sollten wir
aber eines besseren belehrt werden, denn in Heiligenbeil war die „Welt mit
Brettern vernagelt“ und hinaus aus dem Kessel war ein Problem für sich.
Zunächst hatten wir etwa vier Wochen alle Hände voll zu tun, denn Heiligen-
beil war der einzige Flugplatz, der als Luftbasis in diesem Abschnitt zur Ver-
fügung stand. Der Russe hatte schnell seine Bedeutung erkannt und würdigte
diesen Umstand durch pausenlose Anflüge bei Tag und Nacht.

Der bisher unbedeutende Fischereihafen Rosenberg vermittelte den Verkehr
vom Kessel in Richtung Pillau und erhielt dadurch eine nie geahnte Bedeutung.
Nebenher vollzog sich auf der Haffnaht bei Heidemaulen und Heidewaldburg in
den Nachtstunden ebenfalls ein Nachschubverkehr, wenn auch nur in beschränk-
tem Umfange. Auf diesem letzteren Wege wurde dann Ende Februar ein Teil
des Werftpersonals über Königsberg nach Pillau-Neutief in Marsch gesetzt.
Wenige Tage zuvor hatten deutsche Heerestruppen in kühnem Angriff den Ein-
schließungsring um Königsberg nach Westen aufgebrochen, so die Straße über
Metgethen-Vierbrüderkrug sowie die Eisenbahnlinie zwischen Königsberg
und Pillau wieder zur Verfügung standen. Es waren trostlose Bilder, die sich
uns beim Durchfahren der befreiten Ortschaften boten. Die Eisenbahnstrecke
konnte nur zur Nachtzeit mit größter Vorsicht befahren werden, da der Russe
seine Stellung nördlich des Flugplatzes Seerappen hatte und Einsicht nehmen
konnte.

Die noch in Königsberg verbliebene Bevölkerung war zum großen Teil sehr
zuversichtlich und die Anwesenheit vieler junger Soldaten bestärkte sie in
ihrer Auffassung. Die Bevölkerung litt auch zu dieser Zeit keinerlei Not,
denn es gab zusätzliche Verpflegung, die Versorgung mit Strom und Wasser
sowie auch mit Gas war intakt und sogar die Apollo-Lichtspiele in Ratshof
und das Skala-Lichtspielhaus in der Hufenallee waren in Betrieb. Während im
Januar die Partei bestrebt war, die Menschen herauszuführen, stellte man es
ihnen im März frei, in ihre Wohnungen zurückzukehren. Diese Maßnahme sagte
es den Menschen geradezu deutlich, daß die Gefahr gebannt sein müsse. Daher
vermieden es in erster Linie alte Leute, sich bei dem harten Winter auf die
Landstraße in die Ungewißheit zu begeben. Die Menschen hatten sich im Laufe
der Zeit an den Gefechtslärm gewöhnt, denn die deutschen Stellungen ver-
liefen stellenweise dicht am Vorstadtrande und besonders zur Nachtzeit
konnte man dort und am Landgraben ein „grandioses Feuerwerk“ erleben.
Unwillkürlich gingen die Gedanken zurück nach Cranz zum Seefeuerwerk des
Jahres ! Ja, wie friedvoll war die Welt damals und wie geborgen fühlte man
sich, wenn man den Abend mit einem Besuch im „Monopol“ oder im „Schloß
am Meer“ abschloß oder in stiller Betrachtung des abendlichen Himmels am
Seestieg verweilte ! Und jetzt — Tod und Verderben — in der Heimatstadt, ja
in der eigenen Wohnung ! Ich habe sie kennengelernt in diesen Tagen seeli-
scher Not, unsere Königsberger, unsere Ostpreußen ! An Mut und Gottver-
trauen standen sie den Soldaten in keiner Weise nach. Mit tiefem Glauben
im Herzen an die Menschlichkeit des Feindes haben sie sich in ihr Schicksal
gefügt — und wurden leider zutiefst enttäuscht. Besonders die alten Leute
erinnerten sich jener schicksalhaften Tage des August 1914. Damals waren
die Russen ritterliche Gegner und achteten die Gesetze der Humanität und
die Menschenwürde. Wie war das alles anders geworden ! Doch — „mich
ruft mein Geschick von den Freunden hinweg“ und mein nächster Einsatz-
platz wird Brüsterort. Aber auch hier bleibt nicht viel Zeit, das schöne Samland
von dieser Seite kennenzulernen, dann auch an dieser Stelle sind wir im Einsatz
und der weit gegen Osten ins Land reichende Blick läßt fast mit bloßem Auge
den Frontverlauf erkennen. Die „Stalin-Orgeln“ hämmern stundenlang ihr
ehernes Lied auf unsere Stellungen.

Es ist März geworden, der Frühling hat begonnen und wir fassen neue Hoff-
nung, denn der Bundesgenosse der Russen, der Winter, ist in seiner Macht
gebrochen. Sogar Post erreicht uns, auch aus Königsberg und meine alte
Mutter schließt ihre Zeilen mit dem Wunsch „möge der Herrgott seine
schützende Hand über Dich und Deine Kameraden halten !“ Ja, das Gebet einer
Mutter wirkte Wunder, weil es aus tiefstem Herzen kam. Es wurde April, und
mit den ersten warmen Sonnenstrahlen kam auch neue Hoffnung zu uns. Da
erkannten wir eines Tages in der Richtung, wo Königsberg lag, dunkle Wolken
sich zu einer riesigen Wolkenbank zusammenschließend, die tagelang am
Horizont stehen blieb. Es bestand kein Zweifel darüber, was sich dort abspielte.
Aber wir standen alle erst am Anfang des letzten Aktes ostpreußischer Geschichte,
über dessen Ausmaß und Folgen wir uns damals noch kein Bild machen konnten.
Pillau war der nächste Blickpunkt, seit langem für die ostpreußische Bevölkerung
und, nun auch für den deutschen Soldaten. Auf dem Wege dorthin gelangten wir
zur Burg Lochstädt. Wer hätte es je zu glauben gewagt, dass diese Ordensburg
nochmals vor eine Aufgabe gestellt wurde, wie man sie bei ihrer Erbauung zuer-
kannte.

In Pillau mußte der Übergang zur Frischen Nehrung sichergestellt werden. Die
Luftwaffe sicherte von oben her die Transporte, welche die Kriegsmarine mit
ihren Fahrzeugen bewerkstelligte. Hier hatte man eine große Fähre zusammen-
gestellt, die von vier Schleppern von einem Ufer zum andern Ufer geführt wurde
und die wegen ihrer eigenartigen Gestalt den Namen „Seeschlange“ erhielt.
Der Flugplatz Neutief auf der Frischen Nehrung wurde unsere nächste Etappe.
Auch dieser lag schon im Bereich russischer Artillerie, welche von Balga aus ihr
Störungsfeuer unterhielt. Am 20. April wurden dann — und wir waren uns über
die Letzmaligkeit dieser „Zeremonie“ klar — Beförderungen bekanntgegeben
und Auszeichnungen „verteilt“, freilich ohne Dokumente, denn dazu bestand
keine praktische Möglichkeit mehr. Es dauerte nicht lange und auch das Schicksal
Pillau's war besiegelt. Noch einmal wurde auf der Nehrung ein letzter Widerstand
organisiert. Unser Weg führte uns durch das sonst so friedliche und freundliche
Badeörtchen Kahlberg, sehr geschätzt besonders von der Bevölkerung Elbings.
Aber wie sah es jetzt aus ? Man hatte den Eindruck, als sei der Feind hier zuvor
schon drin gewesen ! Doch wir haben keine Zeit, uns mit diesem Problem näher
zu befassen. Uns ruft die Pflicht zu neuem Einsatz und wir halten in der Danziger
Niederung bei Junkeracker. Unterwegs überholen wir lange Trecks und auch einen
sich mühsam fortschleppenden Menschenzug in eigenartiger Kleidung. Es sind
die Insassen des Konzentrationslagers Stutthof in ihren gestreiften Anzügen.

Der April geht zu Ende und am Abend vor dem 1. Mai stehen auch wir in Nickels-
walde bereit zur Überfahrt nach Hela. Es wird eine kalte Nacht, die wir an Deck
einer motorisierten Fähre der Kriegsmarine erleben und wir haben gut daran
getan, uns wenigstens eine Decke mitzunehmen. Um Mitternacht sind wir auf
halbem Wege. Da stimmt einer unter vielen das schöne Volkslied „Der Mai ist
gekommen“ an, aber nur einige wenige Stimmen gesellen sich dazu. Unsere
Gedanken sind noch drüben auf dem verlassenen Festland, sind in Ostpreußen,
in der Heimat. Wo mögen sie jetzt wohl sein, unsere Angehörigen ? Kaum wird
ein Wort gesprochen, und keiner will den andern aus seinen Gedanken reißen.
Aber alle sind wir der Ansicht, daß wir wohl für lange Zeit stummen Abschied
von der Heimat genommen haben. Es wird allmählich hell, als wir in Hela an
Land gehen. Unterkünfte sind lange besetzt, denn seit Tagen ist kein Transport
herausgegangen. Dazu befinden sich noch ziemlich viel Zivilisten hier, die auf
Abtransport warten. Also bleiben wir im Waldgelände und buddeln uns ein.
Zur besseren Verteidigung hatte man aus der Halbinsel Hela eine Insel gemacht.

Zur Zeit unseres Eintreffens auf Hela war der Hafen fast leer. Lediglich einige
kleine Kähne und der Motorbarkassen waren vorzufinden. Man rechnete aber
noch mit dem Eintreffen größerer Einheiten, was dann im Laufe der Woche
geschah. Unsere Werftabteilung hatte einige Kisten wertvollen Geräts mitbe-
kommen, welche im Hafengebiet gelagert werden sollten. Diese Aufgabe fiel
mir zu. Ich fand im Hafen einen eisernen, mit Kohlen und Koks beladenen Kahn,
der zum Bunkern bereitlag und auf dem sich eine Wache der Kriegsmarine be-
fand. Die Hafenkommandantur zog jedoch diese Wache zurück und übergab mir
den Kahn als Unterkunft für meine Männer, wofür ich die Überwachung etwa
auszugebender Brennstoffe übernahm. Abgesehen von den täglichen Feuer-
überfällen russischer Artillerie mit weittragenden Geschützen vom Festlande
aus gerade auf das Hafengebiet hatten wir keinerlei Not auszustehen. Im
Mannschaftsraum des Kahns befand sich ein Herd, Feuerung besaßen wir selbst
genug, und die kalte Verpflegung holten wir uns von der Verpflegungsstelle der
Kommandantur. Setzte dann plötzlich ein Feuerüberfall ein, dann hatten wir
keine andere Wahl, als die Ohren anzuziehen und mit einem Stoßgebet zu
hoffen, daß es noch einmal gut gehen möge. Irgendwelche Deckungsmöglich-
keiten gab es für uns nicht; doch ist es gut gegangen, weil das Schicksal den
bekannten „Daumen“ dazwischen gehalten hat. Am 8. Mai kam u. a. ein kleinerer
Tanker — 'Liselotte Friedrich' — herein und machte in unserer Nähe fest. Wir
sollten ihn bebunkern und waren froh und ganz stolz, daß wir nun auch mal
eine andere Aufgabe, auf seemännischem Gebiet bekamen. Kaum waren die
erforderlichen Maßnahmen besprochen, als der Russe wieder einen Feuer-
überfall machte, worauf der Tanker loswarf und schleunigst auf Reede ging.

Auch unser Schlepper hatte die Leinen losgeworfen und wir trieben mit der
Strömung der Hafenausfahrt auf See zu hinaus. Ich weiß nicht, wo wir geblie-
ben wären, hätte sich unserer nicht eine Motorbarkasse angenommen und
uns zum Tanker hinausgebracht. Während wir längsseits gingen und uns zur
Kohlenübernahme bereitmachten, kam von Land her das Signal zum Einlaufen,
denn der Beschuß hatte aufgehört. Der Tanker fuhr voran, während wir mit
Schlepperhilfe folgten. Indessen hatten wir Zeit und Gelegenheit, uns mit der
Besatzung bekanntzumachen. Außer einigen wenigen Matrosen der Kriegs-
marine, welche für die Bedienung einer 2 cm Flak vorgesehen waren, bestand
die ganze Besatzung einschließlich Kapitän aus Zivilisten. Ferner waren zwei
Krankenschwestern an Bord, die bei nächster Gelegenheit gen Westen wollten.
Es war inzwischen Nachmittag geworden, und wir legten wieder an der Kai-
mauer an, wobei wir die Nachricht erhielten, dass Hela bis Mitternacht
geräumt sein müsse. Wer bis dahin die Insel nicht verlassen hätte, würde den
Russen mit übergeben. Der Kapitän des Tankers erklärte uns, daß er auch
ohne Kohleneinnahme den nächsten Hafen erreichen könne. Welcher das
aber sei, wagten wir nicht zu erfragen. Wir waren froh, daß er uns auf seinem
Schiff mitnehmen wollte.

Im ganzen Hafengebiet wimmelte es von Menschen, die alle irgendwo mitfahren
wollten. Das Proviantamt wurde offiziell geräumt und große Mengen Verpflegung
in Form von Büchsen kamen auch an Bord zu uns. Inzwischen war auch unser
Schiff übervoll an Menschen, sowohl Zivilisten als auch Soldaten. Alles, was
überhaupt schwimmfähig war, wurde seeklar gemacht und ein Schiff nach dem
andern verließ den Hafen. Wir waren fast die letzten, die gegen 20 Uhr ausliefen.
Wir hatten während der Nacht eine ruhige Fahrt und konnten auch beim ganzen
Geleit, das sich vor uns hinauszog, nichts Gegenteiliges feststellen. Am nächsten
Morgen kam eine leichte Dünung auf, die sich zum Nachmittag in einen steifen
Seegang verstärkte, als wir gegen 18 Uhr nördlich Bornholm standen. Wir hatten
nicht die Absicht, diesen Hafen anzulaufen, zumal wir nicht wußten, wie die Lage
dort war. Ich war gerade mit einigen meiner Männer in der kleinen Kombüse im
Achterschiff zum Abendessen, als wir oben am Deck erregtes Laufen und Rufen
vernahmen. Kurz darauf krachte es mehrmals, und wir vernahmen neben Bomben-
einschlägen auch Bordwaffenbeschuß. Die Bordwand war beschädigt und wir
versuchten auch mit einigem Erfolg, das Leck abzudichten. Dann aber raus aus
dem Schiff und nach oben, denn wir wollten nicht elend versaufen. Alles drängte
auf der einzigen schmalen Treppe nach oben, wo es schlimm aussah. Was war
geschehen ? Russische Flugzeuge hatten unser kleines, so gut wie wehrloses Schiff
tatsächlich mit Bomben und Bordwaffen angegriffen und das sogar nach Eintritt
der Waffenruhe. Während auch wir uns um die Verwundeten bemühen, naht die
zweite Angriffswelle. Nun entscheidet jeder für sich, ob er oben oder unten blei-
ben will. Unsere Flak ist bereits beim ersten Angriff niedergekämpft und sonst
haben wir ihnen nichts Wirksames entgegenzusetzen. Ich selbst entscheide mich
für unten, wo man wenigstens vor dem Bordwaffenbeschuß sicher ist. Ein Bomben-
volltreffer bringt das Ende für alle, so oder auch so. Und noch einmal überschüttet
uns Tod und Verderben, und als wir an Deck, gelangen, ist das sich uns bietende
Bild nur noch grausiger geworden. Wir haben insofern Glück, als sich herausstellt,
daß wir neben den beiden Krankenschwestern auch noch einen Truppenarzt an
Bord haben. Jeder hilft, so gut er kann, aber viele liegen bereits stumm an Deck
und bedürfen keiner Hilfe mehr.

Inzwischen sind durch das eindringende Wasser die Feuer verlöscht, die Maschine
hat keinen Dampf und wir liegen bzw. treiben in der See. Wir haben Glück, daß
der Tanker leer ist und die Laderäume das Schiff mit tragen. Ein im Geleit weit
voraus fahrendes Schiff wendet, um uns in Schlepp zu nehmen. Aber der Versuch
mißlingt, denn noch einmal stoßen drei Flugzeuge auf uns hernieder, um uns den
Garaus zu machen. "Torpedoflugzeuge !" ruft da jemand !
Wir haben mit allem abgeschlossen — doch zu unserm Glück vorbeigeschossen.
Dann läßt man uns in Ruhe. Es ist inzwischen fast 8 Uhr abends geworden und
wir hoffen, daß man uns noch holen wird. Ja, da lösen sich am Horizont Fahr-
zeuge, mehrere. Ich zähle fünf, die in langem Abstande herankommen. Alle
kommen sie von Backbordseite, können aber wegen des starken Seeganges nicht
festmachen. An der Reeling stehen etliche Ölfässer. Wir versuchen damit die
See zu beruhigen, um das Übersteigen zu erleichtern. Der Seegang ist aber so
stark, daß wir uns festhalten müssen, um nicht gegen die Reeling geschleudert
zu werden. Es sind flache, stark armierte Kampffähren, von denen die erste sich
vorsichtig heranschiebt. Wir können nur herüberspringen und das nur in dem
Augenblick, als die Fähre neben uns in ein Wellental kommt.

Ich sehe abwartend, wie einige Soldaten zu früh abspringen, dazwischen fallen
und von den Wellen abgetrieben werden. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren,
heißt die Parole. Der Kommandant ruft von der Brücke durch ein Megafon
„springen“ und wer dabei zu spät kommt, muß auf die Zurufe der nächsten
Boote warten. Diese waren selbst schon überfüllt, und es wurde die Weisung
durchgegeben, daß Gepäck zurückgelassen werden müsse. Mein letztes Gepäck
lag irgendwo in der Gegend zwischen Palmicken und Pillau, ich hatte also den
Verlust bereits überwunden. Nachdem ich mir bei den beiden ersten Booten
den Vorgang angesehen hatte, war ich gewillt, auf das dritte überzusteigen,
was mir auch gelang. Die beladenen Boote sammelten sich und traten gemein-
sam die Weiterfahrt an, nachdem auch der letzte Passagier übernommen
worden war. Während der Nachtfahrt hatten Matrosen die Maschinenwaffen
besetzt, denn es war mit dem Erscheinen russischer Schnellboote zu rechnen.

Aber es kam zu keinem Zwischenfall und wir liefen am 10. Mai 1945 gegen
10 Uhr in den Kieler Hafen bzw. in die Kieler Förde ein. Hier konnte man
Schiffe aller Größen und Gattungen sehen und dazwischen fuhren britische
Barkassen, welche Weisungen hinsichtlich der Anlandung erteilten. Am Nach-
mittag war die Reihe an uns, auszusteigen und gegenüber Laboe an Land zu
gehen.

Freilich, wir waren noch nicht frei in unseren persönlichen Entschlüssen.
Aber wir waren in Deutschland, und dieses Deutschland sollte uns nun zur
neuen Heimat werden.

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, August 1955

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