Ein ermländischer Bauernhof. Gerettete Unterlagen.

Ein ermländischer Bauernhof. Gerettete Unterlagen.

Beitragvon -sd- » 18.06.2018, 10:53

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Ein ermländischer Bauernhof. Was die geretteten Unterlagen erzählen

Immer wieder erleben es ostpreußische Bauern, die in Holstein oder Bayern, im Rheinland
oder Niedersachsen das Brot der Fremde essen müssen, daß ihre unfreiwilligen „Gastgeber"
es nicht glauben wollen, wenn die „Flüchtlinge" von dem berichten, was sie in der fernen
Heimat einst besessen und erarbeitet haben, wie groß und ertragreich ihr landwirtschaftlicher
Besitz gewesen ist.

Durch einen glücklichen Zufall sind nun einem Bauern aus dem sogenannten Ermland, jenem
gesegneten Landstrich zwischen Passarge und Alle, zwischen Frischem Haff und Allenstein,
die Unterlagen über sein Grundstück, den Viehbestand und die Erträgnisse des letzten Jahres
vor der Flucht erhalten geblieben. Auch eine Ansicht des gerade für die ermländische Land-
schaft typisch gewesenen Bauernwohnhauses ist gerettet worden und wird hier veröffentlicht.
So kann denn in nachstehenden Zeilen eine kurze Übersicht gegeben werden, die wohl für
alle ostpreußischen, besonders die ermländischen Bauern, eine wehmütige Erinnerung ist,
die aber allen Nichtkennern ostpreußischer landwirtschaftlicher Verhältnisse an Hand zahlen-
mäßiger Unterlagen klar vor Augen führt, wie es auf einem ostpreußischen Bauernhof ausge-
sehen hat.

Bauer Aloys H. war ansässig in dem kleinen Dörfchen Liebenau im Kreis Braunsberg. Er
nannte ein Grundstück von nicht ganz 100 Hektar oder annähernd 400 Morgen sein eigen.
Davon waren 58 Hektar Ackerland unter dem Pflug, die Dauerweiden umfassten 23 Hektar,
die Wiesen waren 11 Hektar groß. An acht Hektar Wald gehörten ebenfalls zum Grundstück.

Was war in den Ställen anzutreffen ? Ende des Jahres 1944 hatte Bauer H. insgesamt 16 Pferde,
70 Stück Rindvieh einschließlich Sterken und Kälber, dazu noch 18 Schafe. Aus dem Schweine-
stall erscholl munteres Gegrunze von 61 Ringelschwanzträgern. Stattlich war die Geflügelschar:
120 Hühner, 40 Enten, 35 Gänse und 6 Puten mussten jeden Tag mit Futter versorgt werden.
Die Leistungen dieses einen Bauernhofes im letzten Erntejahre vor dem Verlust der Heimat
sind aus nachstehend genannten Zahlen ersichtlich: 1.800 Zentner Getreide, 1.200 Zentner
Kartoffeln und 1.200 Zentner Rüben (Runkeln und Wrucken) füllten den Speicher und die
Keller, um von dort zum Selbstverbrauch, zur Fütterung und zum Verkauf abgeholt zu werden.
Auf den sogenannten Schuppen über den Viehställen lag die Raufutterernte: 60 große Fuder
Klee und 65 Fuder Wiesen- und Timotheumheu.

Wie war das Ergebnis der Viehzucht ? Einschließlich der Ablieferungen der vier Instfamilien
wurden zum Verkauf gebracht (Lebendgewicht): 180 bis 200 Zentner Nutz- und Schlachtvieh,
rund 75 Zentner Schweine, 10 bis 20 Zentner Schafe. — Die Jahresleistung an Milch der Herd-
buchherde hat rund 55.000 Liter betragen. An 9.000 Eier konnten aus den Geflügelställen
geholt werden.

Breit und behäbig lagen die Gebäude da. Einstöckig, mit ausgebauten Giebel- und Erker-
zimmern, war das Wohnhaus gebaut. Alle technischen Errungenschaften, wie elektrische
Licht- und Kraftversorgung durch Anschluß an das Überlandwerk, Be- und Entwässerung
im Haus und in den Hofgebäuden, Maschinen aller Art für Feldbestellung und Ernte, waren
vorhanden. Diese Anschaffungen waren aber keineswegs erst „Kriegsfolgen", sondern schon
alle vorher nach und nach beschafft worden.

So mag dieser Kurzbericht und die Wiedergabe des Bildes eines ermländischen, also eines
ostpreußischen Bauernhauses allen Lesern zeigen, daß der ostpreußische Bauer nicht nur
ein vermögender Mann gewesen ist, sondern es auch verstanden hat, aus Liebe und Freude
zum Beruf und zur Scholle der Väter, wie auch aus Verantwortungsgefühl der Allgemeinheit
gegenüber, aus dem Boden das herauszuwirtschaften, was eben durch Fleiß und Überlegung
zu erreichen gewesen ist.

Nun wachsen Disteln und Brennnesseln auf den einst so hoch in Kultur stehenden Feldern,
nun verfallen die gepflegten Gebäude, nun sind die Bauern arm und „Flüchtlinge" geworden.
Aber eins kann keine Macht und keine Gewalt der Erde umstoßen: Das Recht auf die ange-
stammte Heimat, die Hoffnung auf eine Rückkehr in das Land der Väter ! Warmiensis

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 5.5.1950

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Benutzeravatar
-sd-
Site Admin
 
Beiträge: 3091
Registriert: 05.01.2007, 16:50

Zurück zu Ermland-Literatur sowie spezielle Internetseiten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste