Flüchtlinge einmal anders gesehen.

Flüchtlinge einmal anders gesehen.

Beitragvon -sd- » 17.05.2018, 16:26

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Markus Joachim Tidick 'Flüchtlinge einmal anders gesehen.
Ihre Erfahrungen befruchten die Wirtschaftsweise des Aufnahmelandes.'


Den wenigen Kaufleuten des kleinen Ortes List auf der Insel Sylt hat die Umsiedlung
von 300 Vertriebenenfamilien mit 1.200 Personen in die französische Zone den
monatlichen Ausfall von 30.000 Mark an ihrem Umsatz eingetragen. Diese Summe
kommt zusammen, wenn man für all diese Personen die das Einkommen eines
Wohlfahrtsempfängers zugrunde legt. In Wirklichkeit ist der Betrag also erheblich
höher.

Eine kleine Information, die uns nachdenklich machen sollte. Ist es nicht so, daß das
Wort Vertriebener fast stets nur in einer sehr einseitigen Auslegung des Begriffs
angewendet wird ? Vertriebene sind Menschen aus anderen Gegenden Deutschlands
oder sogar des Auslandes, die nichts besitzen, sondern alles brauchen. Natürlich sind
sie grundsätzlich der Anteilnahme sicher — obwohl Mitleid gerade das ist, worauf sie
am liebsten verzichten —, aber mit ihnen in ständige Berührung kommen —
das ist ein andere Sache.

Das Vertriebenenproblem hat aber noch eine zweite Seite, und wenn wir sie näher
betrachten, so kommen wir zu ganz erstaunlichen Ergebnissen. Ich will sie zunächst
auf rein wirtschaftliche Erkenntnisse beschränken. Sie sind dort hergeholt, wo
inzwischen eine große Zahl von praktischen Erfahrungen gemacht wurde, nämlich
aus Schleswig-Holstein, dem Land also, aus dem nun seit einiger Zeit Tausende von
Vertriebenen in die Länder der französischen Zone umgesiedelt werden.

Im Dienst der neuen Heimat.

Trotz der großen Arbeitslosigkeit beschäftigt dieses Land heute mehr Arbeitskräfte als
1939. Und es muß zwar eine erhebliche Anzahl Vertriebener abgeben, aber es kann
und will auch 700.000 behalten, weil es eine Reihe eindeutiger Vorteile des Vertriebe-
nenstromes inzwischen erkannt hat. Nur durch die Anwesenheit dieser Menschen ist
nämlich die wirtschaftliche Strukturveränderung möglich geworden. Es ergaben sich
Fortschritte zum Teil auf Gebieten, die hier früher keine Rolle spielten, weil man auf
ihnen keine Erfahrung hatte. Da gibt es zum Beispiel Tonlager, die nie verwertet wurden,
weil man mit dem irgendwie besonders gearteten Material nicht fertig wurde. Heute
beschäftigen sich Schlesier damit, die zufällig genau die gleiche Sorte in ihrer Heimat
hatten und die das Geheimnis seiner Verarbeitung kennen.

Früher wurden die zahllosen Schafe an der Nordseeküste fast nur wegen der Land-
gewinnung gehalten, denn sie sind die einzigen Tiere, die den ersten kümmerlichen
Pflanzenwuchs auf den eingedeichten Poldern fressen, die das Land festtreten und
düngen. Heute ist Schleswig-Holstein der größte Woll-Lieferant und eine ganze Reihe
von Textilbetrieben konnte neu geschaffen oder ausgebaut werden.

In Rendsburg wurde vor einiger Zeit eine Versammlung für Bauern abgehalten, die
Saatkartoffeln züchten. Man muß wissen, daß man sich in dem Agrarland Schleswig-
Holstein früher nie mit der sehr gewinnbringenden Zucht von Saatkartoffeln befaßt hat,
weil man das Klima für ungeeignet hielt. Jetzt konnte der Saal die Züchter nicht fassen;
zwei weitere Versammlungen mußten angesetzt werden, um allen die gleichen Infor-
mationen geben zu können. Schleswig-Holstein hat sich nämlich sozusagen über Nacht
zum größten Anbaugebiet von Saatkartoffeln entwickelt. Und als es jemand öffentlich
aussprach, daß dieser ganz lukrative Zweig der Landwirtschaft nur der ungeheuren
Erfahrung zu verdanken sei, die von den ostpreußischen Vertriebenen mitgebracht
und hier zum Nutzen des Aufnahmelandes und ihrer Arbeitgeber voll verwertet wurde, —
als jemand dieses aussprach, da spendete die Versammlung der dickköpfigen, zurück-
haltenden eingesessenen Bauern minutenlangen Beifall.

Kredite gut genutzt.

Man könnte die Beispiele vermehren, aber vordringlicher ist es, wie mir scheint, den
Erfahrungen nachzuspüren, die bei der Kreditgewährung gemacht wurden. Sie sind
vielleicht noch überraschender. Das Land gab knapp drei Millionen Mark an Krediten
für Vertriebenenbetriebe des Handwerks und der Industrie. Die unterstützten Betriebe
beschäftigten zu diesem Zeitpunkt 2.200 Arbeitskräfte, deren Zahl ohne den Kredit um
50 bis 70 Prozent zurückgegangen wäre. Nach der Kreditgewährung waren bei ihnen
3.700 Arbeitsplätze besetzt, das heißt, es wurden rund 2.700 Arbeitsplätze dadurch
gesichert bzw. neu geschaffen. Die Höchstgrenze der Darlehen betrug 5.000 DM, der
Durchschnitt 2.700 DM. Im Durchschnitt entfiel auf den gesicherten oder geschaffenen
Arbeitsplatz ein Darlehn von 828 Mark. Man überlegte, daß ein Arbeitsloser dem Staat
in der Woche 20 Mark Unterstützung kostet, der Beschäftigte aber 10 Mark Steuer ein-
bringt, und man errechnete, daß sich die gewährten Kredite für das Land in sechs
Monaten amortisiert hatten.

Eine alte Redensart sagt, daß von allen Gläubigern der Arzt zuletzt bezahlt wird. Wenn
man den Behörden glauben kann, dann tritt bei der Rückzahlung von Betriebskrediten
Vater Staat an die Stelle des Arztes. Die Geschäftsleute, so sagte man mir, neigen dazu,
ihre Verpflichtungen gegenüber dem Staat, von dem sie Geld geliehen haben, weniger
ernst zu nehmen und mehr hinauszuziehen, als gegenüber anderen Geldgebern. Bei
den Vertriebenen sei das indessen anders und zwar wahrscheinlich deswegen, weil
sie von privater Seite ohnehin nichts zu erwarten haben und weil sie deswegen bemüht
sein müssen, den einzigen für sie in Frage kommenden Geldgeber nicht zu verknüpfen.
Und außerdem, so berichtete man einem Ministerium, würde mit dem Geld mehr getan.
Die Vertriebenen steckten nicht nur den Kredit, sondern auch den Verdienst voll in ihr
Unternehmen, das sie um jeden Preis hochbringen wollen. Sie alle äßen weiter Pellkar-
toffeln und kauften Maschinen. Diese im Grunde ja ganz verständliche Haltung — denn
wie anders sollten sie sonst hochkommen können ? — macht sie zu sehr wichtigen Kunden
der Industrie.

Vor allem darf man eines nie vergessen: daß jeder Vertriebene ein Verbraucher ist. Und
da er viele Dinge nötig hat, ist er ein Verbraucher, dessen Geld für Anschaffungen ver-
wendet wird und in Umlauf kommt.

43 Prozent aller Beschäftigten in Schleswig-Holstein sind heute Vertriebene. Freilich ist
bei den weitaus meisten eine Deklassierung unverkennbar. Das zeigt sich besonders deut-
lich in der Landwirtschaft. Es gibt 55.000 Vertriebenenhaushalte, die früher in ihrer
Heimat eigenes Land besaßen. Nur 954 davon leben heute als Bauern auf eigenem oder
Pachtland. Die Aussicht, ein solches Ziel zu erreichen, wird in allen Aufnahmeländern
für die weitaus meisten nicht sehr groß sein.

Obwohl ein hoher Prozentsatz von Hilfsarbeitern auch aus Vertriebenen besteht, die
früher andere Berufe hatten, ist es in Handel, Handwerk und Industrie wahrscheinlich
eher möglich, wieder zu Selbständigkeit zu kommen. Sie haben jedenfalls eine bewun-
dernswürdige Initiative beim Aufbau neuer Betriebe bewiesen. Ohne die Nahrungsmittel-
und Bauindustrie gibt es heute in Schleswig-Holstein 2.560 Industriebetriebe, von denen
1.040 — also nicht weniger als die Hälfte — nach dem Kriege gegründet wurden. Dies
Verhältnis deutet die Veränderung der wirtschaftlichen Struktur schon klar an. 58 Pro-
zent der Neugegründeten aber sind Vertriebenenbetriebe, das heißt ein Viertel aller
industriellen Unternehmen des Landes verdankt diesen Leuten ihre Entstehung.

Es ist in der Wirtschaft, der Wissenschaft und auf vielen anderen Gebieten eine Selbst-
verständlichkeit, daß man sich Menschen mit Spezialkenntnissen und besonderen Er-
fahrungen heranholt, und säßen sie auf der anderen Seite der Erdkugel. Nun, so uner-
wünscht, gefährlich und furchtbar die erzwungene Invasion von Millionen Menschen ist,
es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß sie eine gewaltige Summe von kleinen und
großen Spezialkenntnissen und Erfahrungen mit sich bringt. Daß diese auch befruchtend
wirken müssen, und zwar umso mehr, je besser es gelingt, der äußeren Schwierigkeiten
Herr zu werden und die Kräfte sinnvoll zu nutzen, ist nur natürlich.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 5. April 1950

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