Erlebnisbericht 'Die Flucht aus Wehlau', Januar 1945.

Erlebnisbericht 'Die Flucht aus Wehlau', Januar 1945.

Beitragvon -sd- » 24.09.2016, 08:51

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Die Flucht aus Wehlau. Erlebnisbericht von Eva Kuckuck.
Aus der Dokumentation der Vertriebenen Band I/1.
Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, Februar 1954

Am 20. Januar 1945 fuhr ich mit dem fahrplanmäßigen Zug von Königsberg Pr.
nach Allenburg, Kreis Wehlau, um nach dem Hause meiner Eltern zu sehen und
unsere dortige Einquartierung zu versorgen, da meine betagten Eltern sich
bereits seit Ende Oktober bei meiner Schwester in Berlin befanden. Zum
Sonntag, den 21. Januar 1945, hatte ich eine Einladung nach dem Gut Groß
Plauen angenommen und wurde von einem Fuhrwerk bereits zum Mittagessen
abgeholt. Ich hatte gebeten, spätestens um 17 Uhr wieder in Allenburg sein
zu dürfen, da ich noch Flüchtlingsgut für meine Eltern packen wollte,
welches Einwohner unseres Hauses mitnehmen wollten. Es hieß, daß am
Dienstag, 23. Januar, bestimmt ein oder mehrere Räumungszüge die
Bevölkerung des Kreises Wehlau in Sicherheit bringen sollten. Es kam jedoch
anders.

Herr v. W. auf Groß Plauen, der gleichzeitig Bürgermeister der Gemeinde
Plauen war, stand dauernd mit dem Landrat und der Kreisleitung Wehlau in
Verbindung, um den Treckbefehl zu erreichen. Alle seine Vorstellungen, daß
es bald zu spät wäre, fanden kein Gehör, der Landrat v. E. sagte einmal
sogar: "Der Kreis Wehlau dürfe sich nicht auch noch auf die Landstraße
begeben, an einer Stelle müsse ja schließlich damit Schluß gemacht werden."
Dies war etwa um 15 Uhr. Ich hatte zur gleichen Zeit Gelegenheit, mich mit
einer Sekretärin des Postamts Wehlau telefonisch zu unterhalten, die mir
bestätigte, daß unweit von Wehlau die ersten Russen gesehen worden wären
und daß ein etwa 8 km von Wehlau entfernt gelegenes Gehöft von diesen in
Brand gesteckt worden wäre.

Ich war um 17 Uhr dann wieder in Allenburg. Es mag eine Stunde vergangen
sein, während der ich packte, als eine junge Frau zu mir kam und mich davon
unterrichtete, daß soeben vom Bürgermeister der Befehl an die Bevölkerung
gegeben sei, daß Allenburg bis 19 Uhr geräumt werden müßte. Ein Zug fuhr
nicht, andere Fahrgelegenheit war nur schnell für die Ältesten bereitgestellt,
alle anderen sollten zu Fuß nach Friedland wandern und sehen, ob und wie
sie von dort weiterkämen.

Sofort begab ich mich ans Telefon — die Post blieb noch auf ihrem Posten —
und berichtete Herrn v. W. die neueste Lage in Allenburg. Ihm war nichts von
einem Räumungsbefehl bekannt. Er setzte sich sofort wieder mit dem Landrat
in Verbindung und erreichte endlich wenigstens den Befehl: "Alles zum Treck
bereithalten !" Getreckt werden durfte immer noch nicht !

Ich bat Herrn v. W. mit den Plauern trecken zu dürfen, und wurde am
Sonntagabend noch einmal mit Fuhrwerk abgeholt. Wir packten dort noch die
ganze Nacht, versahen uns für alle Fälle mit Zyankali, um den Russen nicht
in die Hände zu fallen, und warteten auf den Treckbefehl. Am 22. Januar 1945
um 9 Uhr war es dann endlich so weit, daß die Gemeinde Groß Plauen - mit
einigen Ausnahmen, der sich nachts schon eigenmächtig aus dem Staube
gemachten Leute — geschlossen treckte. Auf dem vorgeschriebenen Wege war
nicht mehr durchzukommen — wir mußten Nebenwege einschlagen. Infolge des
Tauwetters kamen wir nur schrittweise vorwärts. Wir brauchten elf Stunden,
um einen Weg von zirka 10 km zurückzulegen. Wir übernachteten in Kl. Schönau
in einem Gasthof, wo wir abwechselnd zu zweien mal auf einem Stuhl sitzen
konnten. Beim Morgengrauen setzten wir unseren Weg fort. Soweit das Auge
reichte, war jede Straße mit Flüchtlingswagen, wandernden Menschen, frei
herum laufenden Tieren übersät, ein trostloses Bild einer 'Völkervertreibung'.
Immer wieder sah man in einen Graben gekippte Wagen, das Flüchtlingsgut
verstreut, die Menschen, den Blick auf ihre letzte Habe noch einmal wendend,
zu Fuß weiterwandernd.

Den ganzen Weg begleitete uns das Böllern der Artillerie — ob es die feindliche
oder unsere war, vermochte ich nicht zu unterscheiden. Die engste Berührung
mit den feindlichen Truppen blieb uns gottlob erspart, auch Tiefflieger griffen
uns nicht an.

Die zweite Nacht verbrachten wir in Lisettenfeld, Kreis Bartenstein. Wir
lagen zu 40 Menschen auf der Erde in einem winzigen Raum, eingepfercht
wie Sardinen in der Büchse, und waren trotzdem dankbar, daß wir uns etwas
Warmes zu essen machen durften und uns einmal ausstrecken konnten.

Noch in der Nacht wurden wir davon unterrichtet, daß russische Panzerspitzen
bis Elbing vorgedrungen seien, und uns der Rat erteilt, den Treck aufzugeben.
Herr v. W. entschloß sich nach Lage der Dinge sofort dazu, holte seine Leute
zusammen und erklärte ihnen, daß Pferde, Wagen und Flüchtlingsgut bis auf
Handgepäck und notwendige Essensvorräte der Wehrmacht übergeben würden
und alle mit von der Wehrmacht zur Verfügung gestellten Lastwagen, die in
Richtung Heiligenbeil-Zinten führen, mitfahren könnten.

Zunächst waren die Plauer Leute und Siedlerfrauen damit einverstanden, aber
etwa um 5 Uhr morgens erschien der Kämmerer und bat Herrn v. W. weiter-
trecken zu dürfen. Nur nach langem Zögern gab Herr v. W. seine Einwilligung,
da sich die Mehrzahl der Siedlerfrauen mit dem größeren Teil der Plauer Leute
dazu entschlossen hatten. Wer nicht weitertrecken wollte, fuhr mit uns mit
den Wehrmacht-Wagen bis Königsberg oder in den Raum von Heiligenbeil-Zinten.
Der Lastwagen, in dem ich fuhr, war so dicht besetzt, daß ich nur knapp auf
einem Fuß stehen konnte. Entsetzlich war es, sehen zu müssen, wie kleinste
Kinder erdrückt wurden oder erfroren und ihre Leichen von ihren Müttern
einfach aus den Wagen geworfen werden mußten, da zum Aussteigen und
Begraben keine Zeit blieb.

Das Schicksal des Trecks, dem es nicht mehr gelang durchzukommen, ist mir
bis heute ein Rätsel geblieben.

Das Ehepaar v. W. sowie ihre Begleitung nahm ich in Königsberg zu mir und
brachte sie in meiner Wohnung und den z. T. bereits verlassenen Wohnungen
des Hauses unter.

Erwähnen möchte ich noch, daß die Wagen des ganzen Trecks entweder von
Siedlerfrauen oder von Polen geführt wurden, die umsichtig, hilfsbereit und
fleißig waren. Auch die Polenfrauen kamen mit — es wollte keiner unter die
Russen kommen. In Plauen blieb nur ein einziger Pole zurück, der im
äußersten Falle das Vieh herauslassen sollte, das er so lange wie möglich zu
betreuen hatte, und dem ein Fahrrad zur Verfügung stand, mit dem er sich
dann selbst absetzen konnte.

Der Ring um Königsberg wurde immer enger, der Kanonendonner täglich
deutlicher hörbar. Herrn v. W. gelang es mit größter Mühe, einen Dampfer
ausfindig zu machen, der uns mitnehmen wollte. Es war der 900 t schwere,
sehr alte Handelsdampfer 'Consul Cords' aus Rostock, der zur Reparatur in
der Schichau-Werft lag. Nachts um 2 Uhr waren wir auf dem Dampfer 'Consul
Cords', fuhren bald darauf nach dem Hafenbecken I, um dort Flüchtlinge
aufzunehmen. Bis mittags waren bereits zirka 1.200 Flüchtlinge an Bord —
wahllos, teils mit Berechtigungsschein der NSV, zum größten Teil aber ohne.
Der Kapitän hatte den Befehl bekommen, mit Flüchtlingen auszulaufen,
obgleich der Dampfer noch nicht völlig repariert war. Seine Einwendungen
wurden nicht anerkannt und so lehnte er jede Verantwortung ab. Vielleicht
war dieses der Grund, daß sich auf dem Dampfer keine Führung der NSV, oder
der Partei befand, kein Arzt, keine Krankenschwester. Der Kapitän war ratlos
und wandte sich mit der Bitte an Herrn v. W., sich der Flüchtlingsbetreuung
anzunehmen. Er sagte selbstverständlich zu, ohne zunächst zu wissen, wie
sich diese Betreuung auswirken solle. Nachts waren wir in Pillau. Wir lagen
im Kohlenbunker auf Stroh, nur in einer Ecke brannte eine winzige
Petroleum-Laterne. Wir kamen uns vor wie im schlimmsten Gefängnis. Der
Dampfer fuhr im Schneckentempo. In der Mittagszeit des nächsten Tages bat
der Kapitän Herrn v. W. zu sich. Er eröffnete ihm, daß der Dampfer sich nur
noch etwa 1 - 2 Stunden über Wasser halten würde, da die Maschine einen
nicht unbeträchtlichen Schaden aufweise. Alle SOS-Rufe nach Gotenhafen
blieben unbeantwortet. Außer uns wenigen, wußte gottlob niemand, in welch
großer Gefahr wir uns befanden. Da kam Herr v. W. auf den Gedanken, auf Hela
zuzusteuern. Befragt antwortete der Kapitän, daß er vielleicht Hela noch
schaffen könnte. Herr v. W. fuhr mit dem Steuermann zum Kommandanten nach
Hela — ein Lotse holte sie nach erfolgter Funk-Verständigung ab — und bat um
Aufnahme für alle an Bord befindlichen Flüchtlinge. Der Kommandant sagte
sofort zu, und mit Gottes Hilfe kamen wir glücklich noch bis Hela unter Wind
und wurden dort von der Marine vorbildlich untergebracht und verpflegt. Vier
Tage waren wir Gast des dortigen Kommandanten, dann war unser Dampfer
wieder flott, nachdem die besten Ingenieure, Techniker, Schiffsbauer usw.
allen Schaden repariert hatten.

Am 30. Januar mittags bestiegen wir dann wieder unsern alten Dampfer 'Consul
Cords' und nahmen Kurs auf Kolberg. Die Fahrt ging glatt, und in der Nacht
vom 31. Januar zum 1. Februar gelangten wir in Kolberg an. Viele von uns
bezogen in Kolberg Quartier, der größere Teil setzte sich weiter nach Westen
ab. Ich möchte hier nicht unerwähnt lassen, daß Behörden und Bevölkerung in
Kolberg uns sehr nett aufnahmen und sich bei jeder Gelegenheit hilfsbereit
zeigten.

Wie unendlich froh waren wir, als wir endlich wieder in einem Bett schlafen
konnten, und im Stillen schworen wir uns, wenn es nötig sein sollte, Pommern
auch zu verlassen, nicht wieder auf einem Dampfer zu fahren.

Wir verlebten in Kolberg 17 ruhige Tage, nur zweimal Fliegeralarm, jedoch
keinen Luftangriff. Bedrohlich und immer bedrohlicher allerdings war der
tägliche Wehrmachtsbericht. Wir beschlossen dann doch, unsere Fahrt fort-
zusetzen, aber es gelang uns nicht, mit dem Zuge, einem Auto oder Flugzeug
fortzukommen, und da wir Verbindung mit dem Kapitän des 'Consul Cords'
gehalten hatten und dieser uns eines Abends erzählte, daß er Befehl hätte,
nach Warnemünde zu fahren, entschlossen wir uns nach mancher Überlegung ,
doch mit ihm zu fahren.

Der Dampfer fuhr nun nicht mehr als eigentlicher "Flüchtlingsdampfer",
sondern hatte Flugzeugmotoren und Getreide geladen. Es sollten etwa 45
Personen außer der Besatzung mitgenommen werden, als es dann aber nach
tagelangem Warten endlich losging, waren 285 Personen an Bord.

Mir bleibt bis heute noch unerklärlich, warum der Befehl zum Auslaufen des
Dampfers gerade an dem Tage kam — es war der 17. Februar —, nachdem in der
Nacht zuvor auf der Strecke Kolberg—Warnemünde von den Engländern Minen
gelegt worden waren. Es hieß: die genau vorgeschriebene Wasserstraße wäre
minenfrei. Bei mildem Wetter und ruhiger See ging die Fahrt zunächst sehr
gut vonstatten. In der Nacht zum 18. und 19. Februar gab uns ein Feuerschiff
Befehl, zu stoppen und auf ein Geleit zu warten. Da unser Dampfer nur noch
sehr wenig Kohlen hatte, bat unser Kapitän, auf dem vorgeschriebenen Seeweg
auch ohne Geleit weiterfahren zu dürfen, was ihm aus triftigen Gründen
gestattet wurde. Zwei Stunden vor dem Ziel, um 12 Uhr mittags am 19. Februar
1945, ereignete sich dann das schreckliche Unglück. Der Dampfer war auf eine
Treibmine gelaufen und sank innerhalb acht Minuten. Bei der Explosion wurde
die Notglocke ausgelöst, die weithin über das Meer erschallte.

Ich befand mich im Augenblick der Explosion in der kleinen Kajüte der Bordflak.
Da wir noch eine Fahrzeit von zwei Stunden vor uns hatten, mit der ich so recht
nichts anzufangen wußte, legte ich mich in eine mir zur Verfügung gestellte Koje,
um ein Mittagsschläfchen zu halten. Plötzlich schien mit einem unheimlichen
Krach alles über und neben mir zusammenzubrechen. Ich hörte nur eine laute
Stimme, die mir zurief: "Schnell raus !" Ich sprang auf, sah mich blitzschnell um
nach meiner Handtasche, die ich neben mir auf den Boden gestellt hatte, aber
nichts war zu finden, der Boden unter meinen Füßen war wie zermahlen — ich
wagte kaum aufzutreten, weil ich fürchten mußte, in die Tiefe zu sinken. Etwa
zwei Meter von mir entfernt war von dem Aufenthaltsraum der Flak nichts mehr
zu erkennen, es stand nur noch links von mir ein Stück Bretterwand. Rechts
unter mir sah ich in den Trümmern einen Fallschirmjäger, seine Arme aus den
Trümmern hervorstrecken und sich — wie mir schien — erfolglos bemühen,
emporzuklettern. Ich suchte einen Halt an dem stehengebliebenen Teil der
Bretterwand zu gewinnen, legte mich lang daneben und konnte eine Hand des
Feldwebels noch gerade erreichen und ihm helfen, aus seiner äußerst gefähr-
lichen Lage herauszubekommen. Etwa einen Meter tiefer erblickte ich –
bis an den Hals in den Trümmern – einen Heizer des Dampfers, den ich bei
allem guten Willen leider nicht aus seiner furchtbaren Lage befreien konnte.

So schnell wie möglich eilte ich nach der Kajüte des Kapitäns, wo sich zu
der Zeit der Explosion das Ehepaar v. W., ihre Wirtin mit achtjährigem
Töchterchen und meine Hausgehilfin aufhielten. Aber ich konnte sie nicht
mehr finden. Nie vergesse ich das Bild, das sich mir bot, als ich an der schon
genannten Bretterwand vorübereilte und an diese gelehnt eine Dame aus
Insterburg sah, eine blutende Wunde an der Stirn, stumm und starr blickend
auf die See, regungslos. Ich kannte sie gut und ging doch an ihr vorüber,
ohne ein Wort zu sprechen — so erschüttert war ich. Ihre Tochter — eine
Musikstudentin — hatte als Schwimmerin sich retten können.

Die Verbindungsbrücke des Dampfers war abgerissen, und ich watete auf
Strümpfen durch das hereinflutende Wasser und schwamm dann zuerst auf ein
noch mit einem Seil an den Dampfer gebundenes Rettungsboot, schwang mich
auf die Kante und sah, daß es leck war und einige tote Fische darin schwammen.
Ein starker Ruck, und das Boot schlug, um. Immer wieder versuchte ich verge-
bens, an die Oberfläche zu gelangen, jedoch stieß ich immer wieder mit dem
Kopf an das Boot und sah ganz deutlich meinen Tod vor mir. Aber — welch
ein Wunder: als ich doch noch einmal Mut faßte, nach oben zu schwimmen,
hatte ich plötzlich den blauen Himmel über mir und erblickte nicht allzu
weit entfernt ein Gummifloß, auf welches ich zu schwamm. An dieses hatte
sich bereits ein schwerverwundeter Feldwebel, der Fallschirmjäger geklam-
mert. Er hatte noch die Kraft, sich auf das Floß zu schwingen, was mir nicht
mehr gelang. Ihm war der glühende eiserne Ofen in der Bordflak-Unterkunft
bei der Explosion an den Kopf geschleudert worden. Er blutete entsetzlich,
aber die Schlagader war nicht getroffen. Außer uns beiden hing sich an das Floß
noch eine Frau mit einem etwa fünfjährigen Jungen, der immerfort vor sich hin
weinte. Endlich hatte ich Zeit, das ganze Elend um mich zu betrachten. Etwa
200 Meter von mir entfernt sah ich das Ehepaar v. W. sich gegenüberstehen
in der See — so sah es jedenfalls aus — und wie ich später von ihrer Wirtin hörte,
hielten sich beide an einer Tonne fest. Für mich waren sie unerreichbar, da
die herumschwimmenden Trümmer, Kisten, Bretter, Koffer, Kleider, usw. mich
von ihnen trennten. Links von mir sah ich in einiger Entfernung einen großen
Dampfer — 'Margarethe' — der Schiffbrüchige aufnahm. Auch zu diesem war der
Weg für mich versperrt. Meine kleine Haustochter konnte ich nicht erblicken;
sie war, trotzdem sie nicht schwimmen konnte, als eine der Ersten von der
Rettungsmannschaft der 'Margarete' geborgen worden, wurde dann aber einige
Wochen später doch ein Opfer der Katastrophe. Sie starb in der Rostocker Chirur-
gischen Klinik an Sepsis, nachdem ihr noch ein Bein amputiert war.

Das Ehepaar v. W., nach dem ich immer wieder blicken mußte, zuletzt mit
einer entsetzlichen Angst, sie könnten nicht durchhalten, fand dann auch den
nassen Tod, und die Wirtin von ihnen verlor ihr achtjähriges Töchterchen in
den Fluten.

Eine halbe Stunde war vergangen, und ich spürte zum ersten Mal, daß ich den
linken Arm nicht mehr so recht heben konnte, da erspähten wir ein auf unsere
Gruppe zukommendes Rettungsboot. Einen Moment kamen mir Zweifel, ob mein
Herz noch so lange schlagen würde, aber trotzdem sprach ich meiner Umgebung
Mut und Hoffnung zu und zeigte ihnen das nahende Boot.

Dann wußte ich plötzlich nichts mehr und erwachte erst vier Stunden später
auf einem Vorpostenboot in Warnemünde. Nie vergesse ich diesen Augenblick:
Als ich meine Augen aufschlug, beugte sich ein Matrose zu mir herunter und
sagte immer wieder: "Sie sind gerettet" — "Sie sind gerettet !" und schien sich
unglaublich über den Erfolg der ärztlichen Bemühungen, bei denen er geholfen
hatte, zu freuen. Da man mir alle Kleider vom Leib geschnitten hatte, stellte
er mir eine weiße Leinenhose und blauen Sweater zur Verfügung. So angezogen,
barfuß und in eine Decke gehüllt, brachte uns Schiffsbrüchige ein Autobus in die
Turnhalle einer Schule, wo wir trockene Kleidung bekamen und aus einem Haufen
nasser Kleider unser Eigentum heraussuchen konnten.

Wie man mir sagte, war ich 40 Minuten am 19. Februar 1945 in der Ostsee
gewesen. Von den zirka 285 Personen (mit Besatzung) waren nur zirka 30 übrig
geblieben, von welchen auch noch einige an den Folgen der Schiffskatastrophe
gestorben sind. Unter den Toten befanden sich auch der Kapitän, der Steuer-
mann, der Bordfunker sowie zwei blutjunge Leute der Bordflak.

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Zur Kenntnis gebracht durch Inge Barfels.
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