Wen man nicht wählen soll.

Wen man nicht wählen soll.

Beitragvon -sd- » 09.01.2020, 19:14

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Wen man nicht wählen soll. Von Adalbert Stifter.

Liest man diesen Beitrag aus der Feder des großen Dichters des neunzehnten
Jahrhunderts, so glaubt man nicht, daß seit seinem ersten Erscheinen im Jahre
1849 über hundert Jahre ins Land gegangen sind. So wenig hat sich geändert
im Streben nach Macht und Ruhm. Wir bringen diesen Beitrag daher als einen
durchaus zeitgemäßen. Wir sind uns allerdings darüber im Klaren, daß wir auf
diese Weise dem Wähler selbst die letzte Entscheidung überlassen müssen;
es ist eine Gewissensentscheidung, die ihm niemand abnehmen kann. Dieser
Beitrag soll lediglich dazu dienen, den Kandidaten seiner Wahl eingehend zu
prüfen.

Außer den zwei allgemeinen Merkmalen, daß man keinen Verstandlosen und
keinen Schlechten zu einem Amte oder einem Vertreter wählen soll, gibt es
noch andere, die zwar nicht gerade unverständig oder schlecht, doch aber so
sind, daß ihre Wahl sehr bedenklich ist. Ich will einige Gattungen anführen.

Wenn eine neue Zeit anbricht, in der der alte Gebrauch plötzlich umgeändert
wird, so dringen natürlich immer zuerst die heftigen und ungestümen Menschen
hervor, sie wollen gleich alles ändern, sie sind mit nichts zufrieden, sie wollen
auch alles sehr schnell tun, gebrauchen gerne, wenn ihnen Hindernisse ent-
gegenstehen, Gewalt und nehmen in ihrem Eifer jedes Mittel her, das ihnen
tauglich erscheint. Es ist natürlich, daß diese Leute nicht viel Zeit haben, die
Mittel zu prüfen, daß sie dieselben schnell aus dem Zusammenhange mit
anderen Dingen herausreißen, daß so das Gebäude, wenn ich mich so aus-
drücken darf, zu rollen anfängt, und daß endlich Einsturz und Verwirrung
erscheint. Solche Leute sind es meistens, die die ersprießlichen Verbesser-
ungen, welche die Besonnenen und Vorsichtigen eingeleitet haben, wieder
zugrunde richten; denn sie laufen herzu, greifen heftig die Sache an, wollen
sie im Fluge abgetan haben, erregen Unruhe und Hast in vielen Köpfen, bringen
oft alle Ordnung im Lande in Verwirrung, regen die Leute auf und machen,
wenn die Unordnung groß geworden ist, nötig, daß man mit Gewalt wieder
die Ordnung einführe, und daß bei dieser Gelegenheit manche Verbesserungen
unterbleiben, die man sonst eingeführt hätte, weil man sich fürchtet, bei
einer Veränderung laufen diese Menschen wieder herzu und machen wieder
Verwirrung und Gefahr.

Wie weit könnte die Menschheit schon vorgerückt sein, wenn es keine Eiferer
und Schreier gäbe, die, wie das alte Sprichwort sagt, das Kind mit dem Bade
verschütten. Selbst der edelste Mensch, wenn er diese Heftigkeit hat, ist
untauglich zum Aufbau von Staatsdingen, weil er die Mittel überhastet und
übereilt. Der größte Kriegsminister der neuen Zeit, Napoleon, ist an seiner
Heftigkeit, mit der er sich in Unternehmungen, Händel, Kriege stürzte, zu-
grunde gegangen; denn sie hat ihm zuletzt die ungeheure Macht von Feinden
erregt, die ihn stürzten. Staatsdinge sind wie eine Blume, die man hegt und
wartet, dann wächst sie, die man aber über Nacht durchaus nicht hervor-
bringen kann. Man wähle daher niemals Leute, die sich zu der Wahl und zu
anderen Dingen mit großer Heftigkeit und großem Ungestüme herzudrängen.
Gerade der ausgezeichnete und gelassene Mann drängt sich nicht herbei,
sondern will gesucht werden.

Eine andere Klasse von bedenklichen Menschen sind die Phantasten. Das sind
solche, welche die Dinge der Welt nicht mit dem Verstande, sondern mit der
Einbildung anschauen. Der Verstand nimmt die Dinge, wie sie sind, und leitet
aus ihnen die Folge ab, welche natürlich aus ihnen kommen kann: die Ein-
bildung aber betrachtet die Dinge gar nicht oder oberflächlich, sie hat nur
Einfälle, betrachtet dieselben als wahr, handelt danach und irrt sich gewaltig.
Solche Leute haben Hirngespinste, Phantasien, Bilderwerke und dergleichen
in ihrem Haupte und hängen ihnen nach. Ihnen fallen auch viel mehr solche
Dinge ein als anderen Leuten, weil sie immer innerlich mit sich beschäftigt
sind, die anderen Leute aber äußerlich die Dinge betrachten müssen.

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, September 1957

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