Die ostpreußische Arbeiterbewegung.

Einige Berufsgruppen und deren Arbeitsbedingungen
u.a. Eisenbahner, Postbedienstete, Lehrer/innen, Förster, Müller, 'Unstete Berufe'.
Biographien deutscher Parlamentarier 1848 bis heute.

Die ostpreußische Arbeiterbewegung.

Beitragvon -sd- » 04.11.2016, 15:24

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Die ostpreußische Arbeiterbewegung.
Tragende Schicht: LandarbeiterStaatsbürger III. Klasse.


Die Arbeiterbewegung in den deutschen Ostgebieten war, ebenso wie ihre
große Vorläuferin im Reich, ein Kind der industriellen und sozialen
Entwicklung im Ausgang des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Wirtschaftsgeschichte kennt Ostpreußen im Wesentlichen als typisches
Agrarland, dessen wirtschaftliche Struktur ausschlaggebend von der Land-
wirtschaft bestimmt wurde. Die in der Landwirtschaft vorherrschende
Besitzform war der Großgrundbesitz, in den vier ermländischen Land-
kreisen, in der Elchniederung und in Masuren, allerdings von guten
Bauernwirtschaften unterschiedlicher Größe durchbrochen.

Die aus der wirtschaftlichen Situation Ostpreußens entstandenen gesell-
schaftlichen Auswirkungen bildeten die soziale Grundlage, auf der sich
die ostpreußische Arbeiterbewegung entwickelte. Diese ostpreußische
Arbeiterbewegung war eine Bewegung der Landarbeiter, sie war aber auch
in starkem Maße eine Bewegung der Industriearbeiter.

Wirtschaftlich gesehen war eben auch damals keine großräumige Landwirt-
schaft denkbar, die nicht aus ihren eigenen Bedürfnissen heraus nahe-
liegende industrielle Unternehmen nach sich zog. So zeigte Ostpreußens
Wirtschaft ein vielfaches Bild. In nahezu allen Kreisstädten der 36
ostpreußischen Landkreise gab es Maschinenfabriken und Mühlen. In den
Waldgebieten Masurens und der Johannisburger Heide arbeiteten bedeutende
Sägewerke. Es gab im Lande eine Anzahl Zuckerfabriken und etwa fünfzehn
Brauereien. Die ostpreußische Wirtschaft zeigte also, obwohl sie vor-
wiegend von der Landwirtschaft getragen wurde, in erheblichem Ausmaß
gewerbliche und industrielle Züge.

Hinzu kam die günstige Lage der Hafenstädte an den Flußmündungen der
Ostseeküste. Königsberg und Tilsit-Ragnit waren Zentralplätze der Holz-
einfuhr auf dem Wasserwege und der Holzverarbeitung in großen Zellstoff-
werken. Die als führendes Schiffsbauunternehmen im deutschen Osten
bekannte Firma Schichau aus der westpreußischen Stadt Elbing errichtete
in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg eine zweite Schiffswerft in
Königsberg. In allen diesen Wirtschaftszweigen, im Handel, in der
Industrie und in der Landwirtschaft wirkte eine Arbeiterschaft, die mit
beruflichem Können und persönlicher Zuverlässigkeit dazu beitrug, die
Leistungsfähigkeit der Betriebe auszugestalten und zu verbessern.

Fragt man nach den Entstehungsursachen der Arbeiterbewegung in diesen
Gebieten, so stößt man auf die sozialen Verhältnisse der Zeit. Das Leben
der Landarbeiter in Preußen wird rechtlich bis zum Ende des Ersten Welt-
krieges durch die aus dem Feudalismus stammenden Vorschriften der Land-
gesindeordnung bestimmt. Der Landarbeiter war rechtlich nicht frei und
in allen Lebensäußerungen, ähnlich wie die hörigen Bauern vor der Bauern-
befreiung, an die Zustimmung der Gutsherren gebunden. Er durfte nicht
freizügig Wohnsitz und Beruf seiner Kinder bestimmen, sondern mußte dem
Gutsherrn die erforderliche Zahl von Arbeitskräften stellen. Selbst das
Recht der Eheschließung unterlag Einschränkungen durch den Gutsherrn,
die in unserer Zeit nur ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen würden.
Es paßte zum Geist der Landgesindeordnung, daß den Landarbeitern ein
Koalitionsrecht nicht zugestanden wurde. Durch das in Preußen geltende
Dreiklassenwahlrecht waren sie Staatsbürger III. Klasse und die Fürsorge-
pflicht des Gutsherrn kam damals nur in selten freundlich hergerichteten
Landarbeiterwohnungen zum Ausdruck.

Völlig anders und vor allem viel fortschrittlicher waren die Verhältnisse
in den Handwerksberufen und in der Industrie. Hier galt die Freizügigkeit,
und hier hatten die von Ort zu Ort wandernden Handwerksgesellen sich nach
dem Muster der Zünfte das Recht erkämpft, Löhne und Arbeitsbedingungen durch
den Zusammenschluß zu verbessern. Wandernde Handwerksgesellen aus dem deut-
schen Osten sind es gewesen, die auf ihrer Wanderschaft in Mittel- und Nord-
deutschland Berührung mit den Arbeiterbildungsvereinen fanden und bei ihrer
Rückkehr mit dem Gedanken des Zusammenschlusses den Geist der sozialisti-
schen Gedankenwelt in ihre Heimat brachten. Bessere Bezahlung und bessere
Arbeitsbedingungen in der Industrie bewirkten im Übrigen nach der Jahrhundert-
wende einen Sog von der unterbezahlten Landarbeit im Osten zur besserbezahlten
Industriearbeit im Westen. Die Maschinensäle vieler westdeutscher Industrie-
betriebe wurden hauptsächlich durch die Landflucht aus dem Osten mit Arbeits-
kräften gefüllt. Der berufstreue ostpreußische Landarbeiter, der mit dem
Boden verwurzelt seiner heimischen Landarbeit nachging, war erst nach der
Beseitigung der Landgesindeordnung im November 1918 in der Lage, den Weg
des sozialen Aufstiegs durch wirtschaftlichen und politischen Zusammen-
schluß zu beschreiten.

Zeigt schon diese knappe Schilderung die großen Schwierigkeiten, die im
weiträumigen Osten dem Wachsen der Arbeiterbewegung entgegenstanden, so
sind auf der anderen Seite umso mehr der Mut und das Selbstvertrauen ein-
zuschätzen, mit dem die Anhänger der Bewegung für ihre Sache einstanden.
Schon im Jahre 1914 hatte die Königsberger Arbeiterschaft aus eigenen
Mitteln auf dem Vorderroßgarten ihr Gewerkschaftshaus gebaut. Die Verwaltungs-
stellen der Gewerkschaften, die Bezirksleitung und der Ortsverein der SPD
und die Arbeiterwohlfahrt fanden in diesem Hause gute, zusammenhängende
Büroräume. Das Organ der Königsberger Sozialdemokratie, die täglich erschei-
nende 'Königsberger Volkszeitung', wurde jahrelang im Gewerkschaftshaus
redigiert, bis Redaktion und Druckerei im Jahre 1930 in das neuerrichtete
Otto-Braun-Haus in der II. Fließstraße übersiedelten. Das Königsberger
Gewerkschaftshaus hatte einen guten Gaststättenbetrieb und ausreichende
Versammlungssäle, die allen Veranstaltungen der verschiedenen Organisations-
zweige der Bewegung genügend Raum boten. Es ist hervorzuheben, daß auch die
Elbinger Arbeiterschaft in der Nähe des Stadttheaters ein Volkshaus und damit
einen Mittelpunkt ihrer geselligen und kulturellen Bestrebungen besaß.


In den Jahren der Weimarer Republik war auch der ostpreußischen Arbeiter-
bewegung in zäher Arbeit der Aufstieg der Arbeiterschaft aus manchen
Niederungen des Elends zu den Gütern der Kultur gelungen. Alles was an
geistigen und kulturellen Werten im deutschen Volke lebendig war, fand im
Organisationsleben der Arbeiterbewegung seinen Niederschlag. Der soziale
Wohnungsbau, die Volksbühnenbewegung, der Arbeitersport die Musik- und
Gesangpflege, wurden auch in Ostpreußen Wesenszüge eines Lebensstils, zu
dem der arbeitende Mensch sich in heißem Streben emporgerungen hatte. Die
Arbeiterbewegung setzte sich in Ostpreußen das besondere Ziel, auch den
Landarbeiter in den Kreis sozialer und kultureller Aufstiegsbestrebungen
einzubeziehen. Der deutsche Landarbeiterverband unterhielt in Ostpreußen bis
zum Jahre 1933 etwa 20 Kreisgeschäftsstellen, in denen seine Mitglieder Rat
und Hilfe in Fragen des Arbeits- und Sozialrechts fanden. Es steht außer
Zweifel, daß das unermüdliche Drängen der Arbeiterbewegung, auf politischer
und gewerkschaftlicher Ebene, schon in der Weimarer Zeit zu entscheidenden
Verbesserungen der unzulänglichen Verhältnisse im Landarbeiterwohnungswesen
führte.

Jede Schilderung der Vergangenheit bleibt unvollständig, wenn sie nicht der
Kräfte gedenkt, deren persönliches Wirken ihre Zeit überragt. Ostpreußens
Sozialdemokraten denken in erster Linie an Otto Braun, diesen Sohn ihrer
Heimat, der seinen Lebensweg als Buchdruckerlehrling in Königsberg begann,
zum Ministerpräsidenten des Landes Preußen aufstieg und der stärkste Hort
der Freiheit in der Weimarer Zeit blieb, bis die verhängnisvolle Destruktion
der Kommunisten, Nationalsozialisten und des Herrenklubs seine politische
Arbeit zerschlug.

Es gibt einen anderen ostpreußischen Sozialisten, dessen Wirken mit ehernen
Lettern in das Schriftbild der Geschichte eingetragen ist. Alfred Gottschalk,
langjähriger Vorsitzender des Ortsvereins der SPD und der sozialdemokratischen
Stadtverordnetenfraktion in Königsberg, war einer der geachtetsten Kommunal-
politiker im Königsberger Stadtparlament. Wie selten ein anderer verzehrte er
sein Leben in selbstgewählter Armut, im Dienste seiner Mitmenschen und der
Allgemeinheit. Diesen aufrechten Charakter konnte selbst die Grausamkeit der
Nationalsozialisten nicht brechen. Er starb im Winter 1944 im Königsberger
Polizeigefängnis, nachdem er den Ausweisungsbefehl nach Theresienstadt erhalten
hatte.

So zählt die ostpreußische Arbeiterbewegung eine stattliche Zahl stolzer
Namen, deren Wirken weit über ihre Zeit und über den engeren Bereich ihrer
Heimat hinausreichte. Wenn Gespräche alter Freunde sich um gemeinsames
Wollen bewegen, gedenken sie häufig derer, die nicht mehr unter den Lebenden
sind, zu ihren Lebzeiten aber das Banner der Freiheit im deutschen Osten
getragen haben. Diese wenigen Namen, unvergessen allen, die sie kannten,
mögen für viele zeugen, die an der Sache des Aufstiegs der Arbeitenden
gewirkt haben. Hermann Bludau, Otto Borowski, Arthur Crispien, Franz
Donalies, Albert Drews, Wilhelm Endrulat, Erwin Feustel, Hugo Haase, Max
Hofer, Adolf Kalesse, Paul Kraschewski, Fritz Krise, Paul Lange, Ferdinand
Mertins, August Quallo, Franz Scharkowski, Fritz Schikorr, Hermann Schulz,
Max Wirdin, Hans Weitschat und Otto Wyrgatsch. Sie alle dienten der Freiheit.
Als machthungrige Kräfte 1933 die Arbeiterbewegung und die Freiheit zerschlu-
gen, war im Rausch der Macht dann bald die Heimat verspielt. Heute ringen
alle, denen die Heimat etwas wert ist, mit den Mächten des Unrechts um das
Heimatrecht. Mag die Erinnerung an die Kämpfe der Vergangenheit den Kampf
der Gegenwart um das Heimatrecht stärken.

Max Sommerfeld *)

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, Juni 1958

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Ergänzende Informationen zum Autor Max Sommerfeld *):
http://forum.sommerfeldfamilien.net/vie ... php?t=3839

WIKIPEDIA-Hinweise zu Max Sommerfeld
http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Sommerfeld


Max Sommerfeld
* 25. Februar 1905 in Preußisch Stargard,
10. Juni 1967 in Ahrensburg,
war ein deutscher Politiker (SPD).


Sozialdemokrat Max Sommerfeld:
http://forum.sommerfeldfamilien.net/vie ... php?t=1133


Details zur Vita von Max Sommerfeld:
http://forum.sommerfeldfamilien.net/pos ... f=8&p=4958
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