Kirchenvater, Kirchenvorsteher, Kirchenältester.

Gängige Genealogie-Begriffe, Worte, Ausdrücke, Sachzusammenhänge.

Kirchenvater, Kirchenvorsteher, Kirchenältester.

Beitragvon -sd- » 08.01.2012, 12:15

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Kennt jemand die Bedeutung und Aufgabe eines Kirchenvaters 1730 in der evangelischen Kirche ?
Ich habe einen solchen Kirchenvater im Kirchspiel Lindenau, Kreis Gerdauen.
Gibt es irgendwo ergänzende Informationen über Kirchenväter:
Listen seitens der Kirche, Folianten in Berlin-Dahlem usw. ?


--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Hier hilft die Sonderschrift Nr. 18 'Was waren unsere Vorfahren ?' des VFFOW, Seite 52:

Kirchenvater: Ein von der Gemeinde gewählter Beamter, der die wirtschaftlichen Interessen
der Gemeinde dem Pfarrer gegenüber zu vertreten hat und an der Verwaltung des Kirchen-
vermögens beteiligt ist.

Siegfried Meier

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Am 2. September 1812 hatte es die "Geistliche und Schuldeputation" zu Königsberg den
Kirchengemeinden in Preußen zur Pflicht gemacht, eine Kirchen- und Schulchronik anzulegen.
Diese Kirchenchroniken sind häufig in den Kirchenbüchern enthalten oder sind als gesondertes
Buch mit den Kirchenbüchern verfilmt worden. In diesen Kirchenchroniken finden sich auch
Listen von Kirchenvätern, ebenso wie die Listen der Gemeindepfarrer. Teilweise wurden sie
auch im 19. Jahrhundert veröffentlicht, wie es z.B. mit der Kirchenchronik von Wehlau durch
den damaligen Pfarrer Heinrich Christian Ziegler 1880 geschehen ist.

Die Kirchenbücher von Lindenau, Kreis Gerdauen, sind in Leipzig verfilmt vorhanden (1727 -
1874). Man sollte einmal in Leipzig anfragen, ob auf den Filmen auch die Chronik enthalten ist;
auch sollte in Bibliographien gesucht werden, ob möglicherweise die Chronik schon einmal
gedruckt worden ist - vielleicht weiß auch die Kreisgemeinschaft Gerdauen etwas darüber.

Hans-Christoph Surkau

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Die Kirchenväter, auch Kirchenvorsteher, Kirchenälteste genannt, waren zuständig für finan-
zielle Belange der Kirchengemeinde. Sie mußten also ordentlich rechnen und schreiben können,
außerdem sollten sie das besondere Vertrauen der Gemeindemitglieder haben und absolut
integer, ehrlich und rechtschaffen sein. Meistens haben sie ihre eigene Wirtschaft in vorbild-
licher Weise geführt, waren oft nicht unvermögend - oder besser gesagt ökonomisch unab-
hängig.
 
Die Aufgabe der Kirchenväter bestand darin, die Kirchenfinanzen zu verwalten. Sie hatten zu
veranlassen, daß notwendige Reparaturen / Neubauten an der Kirche oder den Pfarrgebäuden
organisisert wurden und durch sie ordentlich bezahlt werden konnten. Sie haben über Investi-
tionen des Kirchenvermögens (mit-)entschieden: die Kirchen verfügten über Barmittel, die nicht
ungenutzt in einem Kasten verschimmeln durften, sondern gewinnbringend gegen Zinsen ver-
liehen wurden. Das Kirchenvermögen wurde wie bei einer Bank (die es damals auf dem Lande
überhaupt noch nicht gab) an solvente Antragsteller ausgeliehen. Dazu mußte peinlichst genau
das Vermögen bzw. die Sicherheiten des Antragstellers eingeschätzt werden.

Die Verträge, die ich über solche Angelegenheiten im Archiv gesehen habe, stehen heutigen
Kreditverträgen bei einer Bank in nichts nach. Wenn der Kreditnehmer nicht fristgerecht mit
Zinsen zurückzahlte, war die Kirche berechtigt, sofort die als Sicherheit benannten Immobilien
zu verwerten. Und das war dann wiederum eine Aufgabe für die Kirchenväter. Allerdings durften
sie alle diese Maßnahmen nicht selbstherrlich entscheiden und veranlassen. Sie mußten alle
Schritte immer von der übergeordneten Behörde "absegnen" lassen und über alles Rechen-
schaft legen. Aber dennoch war dieses Ehrenamt mit hoher Verantwortung verbunden, je nach-
dem, wie vermögend und bedeutend die Kirchengemeinde war. Es gab wohl auch Gemeinden,
in denen über Jahre und Jahrzehnte kaum etwas anfiel an aufwendiger Verwaltung, wo vielleicht
alles Jahr für Jahr immer im gleichen Schema abgerechnet wurde.
 
Die Kirchenkasse wurde durch vielfältige Einnahmen gespeist: die regulären Abgaben aller
Gemeindemitglieder gestaffelt nach Besitz und Stand, Gebühren für besondere Kirchenbänke /
Sitze, Zuflüsse aus der landesherrlichen Schatulle, Kirchenbußen (Bußgelder für Verfehlungen)
und vielem mehr an regionalen Besonderheiten. Es gibt dazu genaue Angaben z.B. in den
Praestationstabellen.
 
Ich hoffe, die Funktion wird nun etwas klarer nachvollziehbar.

Viktor Haupt, Berlin

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Viktor Haupt antwortete und schrieb ergänzend:

Hallo Dieter, ich freue mich, wenn meine Beiträge auch in anderen Foren zitiert werden, gern auch
mit meiner eMail-Adresse > viktorhaupt(at)aol.com, falls zu diesen Themen Rückfragen ent-
stehen, so daß ich dann direkt darauf eingehen kann.

Vieles von meinen Staatsarchiv-Recherchen verarbeite ich in Geschichten, die auf meinem Blog
nachzulesen sind: http://genealogischenotizen.blogspot.com/
Über eine Verlinkung oder einen Hinweis auf meine Seite freue ich mich ebenso.

Grüße aus Berlin
Viktor


--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Benutzeravatar
-sd-
Site Admin
 
Beiträge: 3297
Registriert: 05.01.2007, 16:50

Zurück zu Genealogischer Wortschatz

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste

cron