Schlesien - Versuch einer Deutung.

Schlesien - Versuch einer Deutung.

Beitragvon -sd- » 12.01.2019, 11:40

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SchlesienVersuch einer Deutung.

Eingekeilt in den böhmisch-mährischen und polnischen Siedlungsraum schiebt
sich — einem Eichenblatt gleich, dessen Hauptrippe die Oder bildet, genährt
aus unzähligen Strömen und Rinnsalen, die aus den Bergen kommen, wie Bober
und Queis, oder aus den sumpfigen Ebenen, wie Bartsch und Malapane diese
fruchtbare Provinz in den südöstlichen Raum sozusagen ein Zeigefinger des
Deutschtums, der sich seiner geschichtlichen Vergangenheit bewußt ist oder
— was leider nur allzu gerne übersehen wird — ein Brückenpfeiler zum so oft
unverstandenen Slawentum.

Schlesien — »ein zehnfach interessantes Land", das hat schon Goethe gesagt,
als er in Begleitung seines Thüringer Landesfürsten auf schwankenden Kale-
schen und müden Pferden durch die Wälder und Brüche streifte; auch Ober-
schlesien nicht zu vergessen, jener Riese, der im ungeschlachten Schlaf an der
Grenze des Reiches dahindämmerte, bis die eisernen Fäuste eines Graf Reden,
Godulla und von hunderttausend ungenannten und ungekannten Bergleuten
ihn kitzelten, bis er brüllend auffuhr im Ton der Dampfsirenen, Schächte und
Gruben. Und immer noch, seit den Tagen her, da die erste Dampfmaschine des
europäischen Kontinents bei Tarnowitz Aufstellung fand und der schwarze
Diamant, die Kohle, Landschaft und Leute veränderte, dehnen sich am Rande
der himmelhochtürmenden Halden und singenden Förderräder die weizen-
goldenen Kornfelder, breitet sich ein undurchdringlicher Waldgürtel, der
Grenze folgend, schützend um das schaffende Land. Die Oder blinkt durch die
vermorschten Zweige und urwelthaften Stämme, ein leichter Kahn fließt dahin,
als wäre nichts geschehen in all den hundert Jahren als das, betört zu sein
von der Liebe eines Sommerabends oder in die Augen einer Frau zu sehen, in
denen noch das Flackern des „wilden Jägers" verglimmt und aus deren Blau die
beiden Teiche des Riesengebirges schimmern, opalen und klar, tief und nicht
zu fassen.

Schon ergreift uns die selige Paradoxie dieses Landes: das Himmlische steht
neben dem allzu Irdischen (der „Kratschem" neben dem Gotteshaus, die Genüg-
samkeit neben dem Kauzig-verschrobenen); die Arbeit — auf den Dörfern
rackert sich Alt und Jung bei der Ernte ab, bis spät in die Nacht — besteht
neben den Musensöhnen, deren Adel einer unvergänglichen Leistung nicht auf
der Stirn geschrieben steht, sondern die eines Tages aufsteigen, jäh und un-
vermittelt und entweder als glühender Stern im Meer der Gezeiten versinken
(wie Johann Christian Günther, der liederselige Vagabund aus Striegau) oder
deren Glanz noch lange leuchtet in fernste Zeiten.

Diese erlauchten und erleuchteten Namen halten Worte, Töne und Bilder,
Werke und Segnungen über uns und über dem ganzen Volk. Da kommt, während
im Westen des Vaterlands die romantische Schule sich rührt (mit Clemens Bren-
tano und Achim von Arnim), eine Stimme aus jenem Raum, in dem die schwarz-
grünen Wälder unruhig werden, weil es unter ihren Wurzeln klopft und pocht und
drängt zur rußigen, staubverkrusteten Arbeit eine Stimme wie Waldhornklang
und Mondscheinnacht: Joseph Freiherr von Eichendorff. — Und lange zuvor hatte
man andere Stimmen gehört aus den Gebieten, die näher dem Reich lagen:
aus Görlitz die oftmals so verworren klingenden Sprüche des Schusters Jakob
Böhme, aus Breslau, der Landeshauptstadt, den „Cherubinischen Wandersmann"
Angelus Silesius (Johannes Scheffler), in seinem wahnhaften religiösen Eifer
ein recht getreues Abbild schlesischer Zerrissenheit; da hatte, als nach dem
furchtbaren Dreißigjährigen Krieg alle Musen und Leiern schwiegen, ein Mann
aus Glogau, Andreas Gryphius (1616 - 1664), seine apokalytischen Strophen
hinausgeschleudert: Höre, o Mensch, auf die Stimme deines Herren ! (und zum
Beweis des „Zweiseitigen" Schlesiers sich als „Vater des deutschen Lustspiels"
betätigt mit der „Geliebten Dornrose" und dem vielgespielten Rüpelschwang
„Peter Squenz").

Die Dichter, Romantiker, Philosophen und Gottsucher purzeln aus dem Land in
einem nie versiegenden Strom. „Das Land der 999 Dichter" sagt Liliencron mit
lächelndem Spott. Und in diesem Metier geben sich Schwaben und Schlesien
brüderlich die Hand. Denn was kam nicht noch alles ans Licht der Sonne: die
Epigramme und Sinnsprüche eines Freiherrn Friedrich von Logau (1604 - 1655)
aus Brockut bei Nimptsch; das entscheidende und anklagende Buch von der
„Teutschen Poeterey" das Martin Opitz aus Boberfeld bei Bunzlau, epochal in
seiner „welschen Zeit"; Heinrich Laube (Burgtheaterdirektor in Wien) aus
Sprottau; Gustav Freytag („Soll und Haben") aus Kreuzburg in Oberschlesien;
Hermann Stehr („Der Heiligenhof") aus Habelschwerdt; Gerhart und Carl
Hauptmann aus Ober-Salzbrunn.

Vor dieser erdrückenden literarischen Fülle (die auch heute noch immer
anhält) rücken die anderen Fakultäten ins zweite Glied: die „Kleine Exzel-
lenz" des Malers Adolf von Menzel aus Breslau, dessen preußische Geschichts-
bilder wie unverwischliche Momentaufnahmen entscheidender Augenblicke
anmuten; der in Mozartkreisen gefeierte Singspielkomponist
(„Doktor und Apotheker") Karl Ditters von Dittersdorf.

Und das Quartett der chemischen Nobelpreisträger aus den Sphären ernster,
forschender Wissenschaft: Paul Ehrlich (1854 - 1915, „Salversan"), Fritz
Haber (1868 - 1934, Stickstoff-Wasserstoff-Verbindung), Friedrich Bergius
(1884 - 1949, „deutsches Benzin") und Kurt Alder (geb. 1902) aus Königshütte.

In allen Werken und Namen, bekannten und unbekannteren, manifestiert sich
die existentielle Perfektion des schlesischen Neustammes, der ja vor sieben-
hundert Jahren, als es galt, den Urwald zu roden und Recht zu schaffen
im wilden Land, gar nicht bestand; denn die Siedler kamen aus Franken,
Thüringen, Schwaben, Flamen, Hessen, aus sämtlichen deutschen Landen und
brachten ihre eigenen Sitten, Gebräuche und Anschauungen mit. Aber was
wurde aus diesem Konglomerat für ein eigenwilliges, tüchtiges und beständiges
Völkchen. Immer tendierte es zwischen südöstlicher Weichheit und musischer
Verzückung (Wien, Habsburg und Böhmen lagen nicht nur vor der Tür, sondern
waren für Jahrhunderte zur Herrschaft gesetzt, ohne diese freilich recht zu
nutzen) und preußischem Pflichtgefühl und Strenge (der „alte Fritz" fand
offene Herzen und Türen, als er mit seinen Grenadieren auf schlesischem
Boden in drei schweren Kriegen die geschichtsentscheidenden Schlachten
schlug, gewann und verlor).

Jede Enge war diesem Lande fremd. Es gefiel sich in einer verschwenderischen
Weite, aus der die schwarze fruchtbare Erde brach, Lösboden und Humus. Nur
in den Bergen, wie ein dünner, kompakter Strich hing die Sudetenkette
sommers wie winters am südlichen Rand und setzte sich in immer neuen
Gebirgen fort (Isergebirge, Riesengebirge, Waldenburger Bergland, Heuscheuer,
Glatzer Gebirge, Mährisches Gesenke) hatten es die Häusler schwer, in den
wenigen Sommermonaten, das kärgliche Heu zu bergen. Hiertrieben die Kühe,
glockenumsummt, auf grünen Matten und bei Zitherspiel und fröhlichem Um-
trunk lockten Hütten und Bauden. Als die Fremden hereinströmten, der Winter-
sport um die Jahrhundertwende auch in unwirtlichen Zeiten das Gebirge erschloß,
rollte das Geld in die verschwiegendsten Waldhufendörfer. Ein Sonnenaufgang,
vom Koppenplan (1604 m) beobachtet, ließ eilfertige Städter still werden. Bei
klarer Sicht lagen Breslau und Prag im Blickfeld der Touristen. Das waren die
beiden Pole, zwischen denen Land, Geist und Mensch sich rieben und aner-
kannten. Denn jenseits der Grenze, die getreulich den Gebirgskamm nach-
zeichnete, wohnten Menschen gleichen Blutes und gleicher Art. Nicht umsonst
prägte sich der Begriff „Sudetenschlesien".

Charakter und Wesen des Schlesiers können nicht ausgeschöpft werden. Immer
bleiben alle Versuche ein Fragment. Zwiespältig, „getuppelt": aufgeschlossen
dem Fremden und Neuen — bewahrend das Alte und Bewährte, aufbrausend und
demütig, herzlich und verschlagen, unduldsam und tolerant, in sich nicht ein-
heitlich: Der Mensch aus den Niederungen des Oderstromes war ein ganz
anderer als jener des Gebirges, das niederschlesische Profil gab sich anders
als oberschlesische Mentalität mit derbem Witz (Antek und Franzek) und
scharfem Schnaps. Eines hatten sie alle gemeinsam: Sie wußten um das
größere Vaterland, sie wurden keine blinden Provinzler, selbst in den kleinsten
Katen nicht. Als der König von Breslau aus seinen Aufruf „An mein Volk" verfaßte,
kamen die Bauern und Tagelöhner von Feld und Meiler. Hier schlug dann der
greise Blücher an der Katzbach seine entscheidende Schlacht gegen Napoleon.
Hier an der Wahlstatt bei Liegnitz verblutete das deutsche Ritterheer mit
schlesischen Bergknappen aus Goldberg und polnischen Bauern; hier aber
auch stoppten sie den asiatischen Sturm und bewahrten Land und Reich für
Jahrhunderte (1241). Und schließlich in neuerer Zeit: Um den Annaberg, das
Wahrzeichen Oberschlesiens, standen Schlesier und Bayern, Ostpreußen und
Pommern und halfen noch einmal, die Grenze zurückzudrücken (1920).

Ein Deutschland im Kleinen, hat man gesagt. Mit Heide (bei Sagan), Mittel-
gebirge (Bober-Katzbachkamm, Gröditzburg, Propsthainer Spitzberg), Seen-
platte (bei Militsch und Trachenberg) Ruhrgebiet (Oberschlesien) und
alpinem Charakter (Riesengebirge). Stufenförmig steigt das Land an, aus der
Ebene heraus, über Hügel und Einzelkuppen formt sich Stein und Granit.

Mag dieser schöne Vergleich immer dazu verholfen haben, auch die Menschen
vom größeren Vaterland wissen zu lassen. Schlesien, das Land der Reforma-
tion, sandte seine Ströme aus, Ströme vielfältiger Art. Und auch Ostpreußen,
jene Schwesternprovinz im hohen Norden, ist davon bedacht worden. Nach
der ersten Siedlungswelle rückten Planwagen und Dorfgemeinschaften weiter
ins Ostpreußische und brachten schon ein Quentlein Schesisches mit, das
dann freilich im Laufe der Jahrhunderte unterging. Eichendorff setzte sich
in Wort und Schrift für die Erneuerung der Marienburg ein. Schlesische Regi-
menter halfen mit, im Ersten Weltkrieg den russischen Einfall zu vereiteln.
In Kunst und Kultur befruchteten sich die beiden Länder unaufhörlich. Und
nicht zuletzt das „Evangelische" bildete kulminierenden Berührungspunkt.

Schlesien zu deuten, dem eigenen Landsmann oder dem Fremden, muß als
Versuch gewertet werden. Daß wir das Schlesische in uns nicht verleugnen
können, vielleicht ist dies die entscheidende Macht des Landes, der wir uns
willig beugen. Jochen Hoffbauer

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, Oktober 1957

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