Das Vermächtnis unserer Toten.

Das Vermächtnis unserer Toten.

Beitragvon -sd- » 04.10.2020, 13:02

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Das Vermächtnis unserer Toten.

Hier berichtet ein Ostpreuße von dem Sterben in den Internierungslagern
der sowjetisch besetzten Zone und von den letzten Wünschen seiner toten
Kameraden.

Auf meinem Wege durch die Internierungslager der Sowjetzone bin ich auch
vielen Ostpreußen begegnet, an denen der Tod nicht mehr vorübergegangen
ist. Gewiß, sie waren zäh und voller Optimismus, diese Landsleute, Stehauf-
männchen des Lebens. Aber viele von ihnen waren schon krank und ange-
schlagen, als sie in Gefangenschaft gerieten. Der Krieg, die Flucht, die Ent-
behrungen, das alles hat dazu beigetragen, daß auch mancher Ostpreuße vor
dem Hungertod in den russischen Speziallagern kapitulieren mußte.

Aber leicht hat sie der dürre Würger nicht bekommen. Ich war in Landsberq
a. d. Warthe und später auch in Buchenwald (Thüringen) mit einem Lands-
mann zusammen, der den Tod immer wieder überwand. Er stammte aus dem
gleichen Dorf wie ich. Wir waren Schlafnachbarn. Der Zufall hatte uns zu-
sammengeführt. Seite an Seite lagen wir auf der kahlen Pritsche. Gleich am
ersten Abend erzählte er von Ostpreußen. Und als seinen Geburtsort nannte
er ein kleines Dörfchen bei Bartenstein. Ich war nicht wenig überrascht,
denn hier hatte auch meine Wiege gestanden.

Trotzdem war er mir unbekannt, denn der fast zwanzig Jahre Ältere hatte
schon in jungen Jahren das Dorf verlassen, war zur See gefahren und weit
herumgekommen in der Welt. Abend für Abend unterhielten wir uns. Er
kannte meine Eltern und jeden Winkel zu Hause, als ob er gestern erst
dagewesen wäre. Er nannte Namen, die uns beiden lieb und vertraut
waren. So wurden längst vergangene Bilder wieder lebendig. Die alte
Heimat war plötzlich zu uns gekommen, um uns für ein paar Stunden zu
trösten und abzulenken, uns Kraft zu geben zum Leben wollen.

Mein Landsmann ahnte wohl, daß er den systematisch betriebenen Massen-
mord im Lager nicht überstehen würde. Immer wieder trug er mir auf,
Grüße an seine verheiratete Tochter in Berlin zu bestellen. Wie oft sind
uns Überlebenden des großen Massensterbens in den Internierungslagern
Grüße aufgetragen worden ! Aber nur die wenigsten haben wir ausrichten
können. Viele zu Hause, die diese Grüße nicht erreicht haben, mögen
vielleicht glauben, daß ihre Angehörigen nicht an sie gedacht haben, daß
sie die Gelegenheit vorübergehen ließen. Nichts ist falscher als das. Jede
Stunde haben sie an ihre Lieben gedacht. Das ganze Denken und Sorgen
der todgeweihten Kameraden galt ja doch nur ihren Angehörigen. Sie
kannten keine anderen Gedanken als die an ihre Frauen und Kinder, an
ihre Eltern und Geschwister.

Mein ostpreußischer Kamerad starb in Buchenwald. Er war über und über
mit Geschwüren bedeckt, die sich tief in seinen Körper eingefressen
hatten. Die Ärzte konnten ihm nicht helfen, da keine Medikamente da
waren. Er starb eines qualvollen Todes. Aber er ging in dem Glauben
von uns, daß ich seine Tochter benachrichtigen würde. Doch ich habe
sie nicht gefunden. Sie weiß nicht, wann und wie ihr Vater gestorben
ist und wo er begraben liegt. Ich habe auch vielen anderen Kameraden
diesen letzten Wunsch nicht erfüllen können. Denn gerade die Ostpreußen
sind ja in alle Winde zerstreut. Und so möchte ich es auf diesem Wege
noch einmal versuchen, die Grüße der Toten zu übermitteln. Viele
Familien aus der Heimat werden sich angesprochen fühlen. Denn Ost-
preußen hat ja die größten Opfer im Kriege und in der Nachkriegszeit
gebracht. Und gerade die Ostpreußen, die irgendwo im Osten in Ge-
fangenschaft geraten waren, wurden von den Russen mit Vorliebe in
die Internierungslager gesteckt, wo die Schikanen und der Hunger noch
größer und die Totenziffern noch höher waren als in den Kriegsgefan-
genenlagern.

Wenn Ihr dies lest, Ihr Landsleute, die Ihr um einen Eurer Lieben trauert,
so glaubt nur, daß seine letzten Gedanken Euch, nur Euch allein gehört
haben. Und immer war es der letzte Wunsch der Sterbenden: Sie sollen
mich zu Hause in guter Erinnerung behalten, aber sie sollen nicht klagen
und weinen, sie sollen dem Leben geben, was des Lebens ist. Wenn Ihr
auch seinen Todestag nicht wißt und sein Grab nicht kennt, aber an
seinem letzten Wunsch ist nicht zu zweifeln, nämlich, daß Ihr die alte
Heimat nicht vergessen und das Ihr alles tun sollt, um Euch und uns allen
das furchtbare Schicksal zu ersparen, das Hunderttausende von Internierten
und Verschleppten in der Hölle sowjetischer Lager erdulden mußten.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 21 November 1953

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