Vom Hunger getrieben. Hunger, Haß und gute Hände.

Vom Hunger getrieben. Hunger, Haß und gute Hände.

Beitragvon -sd- » 09.04.2020, 19:27

--------------------------------------------------------------------------------------------------

Elisabeth Pfeil 'Vom Hunger getrieben'.

Elisabeth Pfeil, eine Königsbergerin, die bis 1948 in ihrer Heimatstadt weilte,
erzählt in ihren Erinnerungen 'Hunger, Haß und gute Hände' (Elchland-Verlag,
Göttingen) ihre Erlebnisse aus dieser Zeit. Um nicht den Hungertod zu erleiden,
unternimmt sie immer wieder, zusammen mit anderen Frauen und Kindern,
nicht ganz ungefährliche und abenteuerliche Fahrten in das benachbarte
Litauen. Sie erlebt hier Land und Leute und erzählt davon in ihrem Buch.
Alle diese Fahrten standen, wie sie am Schluß bekennt, unter dem Schatten
einer außerordentlichen Zeit und erfolgten unter außergewöhnlichen Um-
ständen, als die Welt noch im Wundkrampf des letzten Krieges lag und der
Haß unter den Völkern brannte. Mir war es vergönnt zu erfahren, daß sich
trotz allem die Menschlichkeit über die Zeiten gerettet hatte. Sie war uns auf
allen unseren Wegen begegnet, bedroht von der Geißel der Barbarei, geduckt
und eingeschüchtert von Verboten und Verordnungen, aber unversehrt flak-
kernd in den Herzen dieses kleinen Bauervolkes.

Nachstehend bringen wir einen Abschnitt aus diesem Buch, das von der Kritik
einhellig als ein Dokument der Menschlichkeit bezeichnet wird.

Wir saßen zwei Tage und zwei Nächte lang auf dem Bahnhof in einer wind-
geschützten Ecke, ohne daß ein Zug abfuhr. Eine große Holzbaracke diente
als Wartesaal — aber beileibe nicht für uns Deutsche. Die Kinder hatten
sich trotzdem hineingeschmuggelt. Da es nachts recht kalt wurde, machten
wir ebenfalls den schüchternen Versuch. uns mit hineinzuquetschen. An
der Tür aber bekam ich von einem liebenswürdigen Matrosen einen Faust-
schlag ins Gesicht, daß mir gleich das Blut aus der Nase schoß. So mußten
wir weiter mit unserer Ecke vorliebnehmen.

Am dritten Tag war mein Vorrat aufgegessen. Die Kinder hatten sich im
Wartesaal etwas zusammengebettelt und brachten ihrer Mutter davon
heraus.

Plötzlich ertönte ein Pfiff. Die ganze Kolonne ergoß sich aus dem Wartesaal,
kroch unter und über leerstehende Züge, da der abfahrende Zug auf einem
der mittleren Gleise hielt. Wir schlossen uns natürlich an und kletterten
auf dem unendlich langen Güterzug in einen leeren Kohlenwagen und
legten uns sofort lang auf den Boden. Alles spielte sich verhältnismäßig
schnell ab, und plötzlich zog der Zug an. Wir fuhren !

Ein Seufzer der Erleichterung entstieg unserm Innern. Der Zug fuhr glatt
durch bis Eydtkuhnen, wenn auch sehr langsam. Als wir die Grenze passier-
ten, war von einer Kontrolle und Bahnpolizei nichts zu sehen. Ich schlug vor,
bis zur Endstation, die wahrscheinlich Kowno sein würde, mitzufahren. Meine
jetzige Kameradin war sonst schon immer an der Grenze ausgestiegen.

Wir schliefen ein. Als wir erwachten, graute bereits der Morgen. Es dauerte
auch nicht mehr lange, da näherten wir uns einer größeren Stadt; wie ich
feststellen konnte, war es Kowno. Der Zug hielt weit draußen.

Wir streckten unsere steifen Glieder, hielten vorsichtig Ausschau, kletterten
hinunter, liefen schnell über die Gleise, umschlichen die Güterschuppen und
standen auf der Straße, — alles nicht ohne Herzklopfen. Es war gegen sechs
Uhr morgens. Wortlos sahen wir uns an und wären uns vor Freude beinahe
um den Hals gefallen. Ich schickte ein Dankgebet gen Himmel.

In einer Anlage fanden wir eine Pumpe. Da wir nicht gerade vertrauener-
weckend aussahen, wuschen und erfrischten wir uns hier erst einmal. Auf
einer Bank überlegten wir dann unser Tagesprogramm.

Meine Kameradin bat mich, ihr das jüngere Kind abzunehmen. Gegen Mittag
wollten wir uns wieder in dieser Anlage treffen.

An diesem ersten Vormittag hatte ich bereits fünfundzwanzig Rubel und die
Kleine etwa dreißig Rubel freiwillig von Straßenpassanten geschenkt bekom-
men. Man wird fragen, wie das zugegangen sei, ohne zu betteln. Einfach,
weil man uns schon von weitem ansah, an unserer zerlumpten Aufmachung
und dem schleichenden Gang, daß wir Deutsche und dem Totengräber gerade
noch im letzten Moment von der Schippe gesprungen waren. Zu Essen und zu
trinken bekamen wir fast in jedem Hause, in dem wir vorsprachen.

Allerdings muß ich sagen, daß mein Herz erst einen gehörigen Anlauf nehmen
mußte, bevor ich an die erste Tür klopfte. Doch ich gedachte der russischen
Aristokratinnen, die mit niedergeschlagenen Augen in ihrer verblichenen, ab-
geschabten Eleganz auf kleinen Stühlen im Vorraum der russischen Kathedrale
von Riga gesessen hatten, ein Tellerchen auf dem Schoß und jedes Mal dank-
bar mit dem Kopf nickend, wenn man ihnen einen Lat hineinwarf. Wenn der
Hunger hinter einem steht, bekommt man alles fertig, und ich möchte den
sehen, der am Ertrinken ist und nicht nach der rettenden Planke greift.

Die Litauer hatten großes Verständnis, waren lieb und nett und machten es
uns leicht. Wortlos gaben sie uns Kaffee, Brötchen und sogar gekochte Eier,
ein wahres Labsal für unsere ausgehungerten Mägen. Natürlich verzichteten
sie auf jede Hilfeleistung als Entgelt.

Als wir uns mittags wieder trafen, hatten wir bereits einen Mundvorrat für
zwei Tage. Da wir aber nicht wußten, wo und wie wir die Nacht zubringen
sollten, beschlossen wir, sofort auf die Dörfer zu gehen. Denn ein Nacht-
quartier war für uns schwer zu finden, wie mir meine Freundin erzählte,
was ich natürlich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen bestätigen konnte.
Kein Bauer durfte Deutsche bei sich aufnehmen. Darauf standen hohe Strafen.
Und die Miliz war auf dem Posten.

Wenn wir Glück hatten, versteckte uns der Bauer auf dem Heuboden. Sonst
schliefen wir auf Feldern oder unter Bäumen in der stets gastfreien Natur.
Mehr als einmal habe ich auf diese Weise die Nacht verbracht.

Zehn Tage war ich mit meiner Freundin in Litauen. Wir verabredeten uns
immer in einem Dorf. Ging es gegen Abend, suchten wir uns je zu zweit
wieder ein Nachtquartier. Es hatte seine Vor- und Nachteile, daß ich das
Kind bei mir hatte. Nachteile deshalb, weil man mich für die Mutter des
Kindes hielt und daher meist nur dem Kind Geldgeschenke gab, das aber
eigensinnig darauf bestand, nicht zu teilen. Ein großer Vorteil dagegen war,
daß man mit einem Kind leichter ein Unterkommen fand.

Morgens trafen wir uns dann wieder, um gemeinsam weiterzuwandern. Als
wir genügend gesammelt hatten, Rucksack und Taschen gefüllt waren, be-
schlossen wir, die Heimfahrt nach Königsberg anzutreten.

Dreimal fuhr ich mit dieser Frau nach Litauen, immer dann, wenn unsere ge-
sammelten Vorräte in Königsberg aufgezehrt waren. Stets begleitete uns auf
diesen Fahrten ein guter Stern, der uns für die großen Strapazen und tausend
Ängste belohnte. Wie leicht hätte uns die Miliz schnappen können, die uns
sofort unsere Rucksäcke abgenommen und uns auf eine Kolchose verfrachtet
hätte, wie es manch einem ergangen ist. Ebensogut konnte uns auch unterwegs
ein Unglück zustoßen. Mehr als einer hat diese Fahrten mit seinem Leben
bezahlen müssen, indem er vom Wagendach rutschte oder auf den Puffern
einschlief und herunterstürzte.

Auch bei der Ankunft in Königsberg mußten wir große Vorsicht und Eile walten
lassen, damit uns nicht noch die Bahn-Miliz erwischte oder halbwüchsige
Banditen hinter uns her waren, uns die Rucksäcke abschnitten und die Taschen
wegrissen.

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, Juli 1958

--------------------------------------------------------------------------------------------------
Benutzeravatar
-sd-
Site Admin
 
Beiträge: 4686
Registriert: 05.01.2007, 16:50

Zurück zu Lebensgeschichten. Lebensbedingungen.

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Majestic-12 [Bot] und 1 Gast