Des Vaterlandes Dank.

Des Vaterlandes Dank.

Beitragvon -sd- » 16.03.2020, 21:23

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Des Vaterlandes Dank.

Ich bin Schwerkriegsbeschädigter des Weltkriegs 1914 bis 1918: Verlust des rechten Beins
im oberen Drittel des Oberschenkels und Herzneurose. Bei meiner Entlassung aus dem
Lazarett im Herbst 1919 wurde durch das Versorgungsamt Allenstein meine Erwerbs-
minderung auf 85 vom Hundert festgesetzt. 1922 wurde meine Erwerbsminderung auf
neunzig vom Hundert festgesetzt; ich war damals Student. Im November 1939 mußte ich
wegen Herzmuskelschwäche meine berufliche Tätigkeit — als Diplom-Ingenieur im Hoch-
bau — für mehrere Monate unterbrechen. Im Frühjahr 1940 erhielt ich eine vierwöchige
Kur im Herzbad Pyrmont. Da keine wesentliche Besserung eintrat, hat das Versorgungsamt
1941 meine Erwerbsminderung von neunzig auf hundert vom Hundert festgesetzt. Jetzt,
nachdem ich im März 1945 zusehen mußte, wie mein ältester Sohn Gerhard, damals
fünfzehn Jahre alt, von den Russen weggenommen wurde, um drei Monate später im
Ural zu sterben, nachdem mir in demselben Jahr drei weitere Kinder am Hungertyphus
gestorben sind, nachdem mir selbst im Sommer 1945 wegen Hungertyphus das Wasser
aus der rechten Bauchseite zwei Monate lang gelaufen ist, nachdem ich heute nicht nur
eine Herzneurose, sondern auch eine Herzerweiterung und Erschlaffung der Herzkranz-
gefäße, Verdickung und Verkrümmung der Aorta und einen Blutdruck von nur 70/120 habe,
da hat das Versorgungsamt in Freiburg durch Rentenbescheid vom 28. Januar 1958 nur eine
Erwerbsminderung von achtzig vom Hundert festgestellt!. Mit anderen Worten, heute,
als Mann von fast sechzig Jahren, nach Erduldung der Leiden unter russischer und polni-
scher Verwaltung, da bin ich erwerbsfähiger als vor fünfunddreißig bis vierzig Jahren.

Ich bin mit meiner Familie erst im September 1957 ausgesiedelt worden. Die Landsleute
aus Ortelsburg und Umgebung wissen, daß nur ich mit meiner Familie in Ortelsburg die
einzigen waren, die die polnische Staatsangehörigkeit bis zur Aussiedlung nicht annahmen.
Es ist ja auch aus den polnischen Reisepässen zu ersehen. Sie wissen weiter, daß ich 1947
für sieben Wochen von dem polnischen Staatssicherheitsdienst — U. B. — in Allenstein
in einen Luftschutzkeller gesperrt wurde und nur knapp dem Tode wegen Herzfleischent-
zündung entging. Wie oft mußte ich auch in den Jahren nachher Haussuchungen über
mich ergehen lassen. Ich besitze noch heute Protokolle der U. B. 1953 hat man meinen
Sohn Hans-Joachim zwangsweise zur Arbeit ins oberschlesische Kohlenbergwerk genommen,
nur weil er die polnischen Papiere nicht annehmen wollte. Sechsundzwanzig Monate mußte
der schwächliche Junge dort schuften, bis er sich endlich eine Herzerweiterung und einen
Leistenbruch geholt hat. Und das alles, nur um unser Deutschtum zu erhalten. Dreizehn
Jahre lang habe ich keine Rente und keine orthopädische oder ärztliche Betreuung erhalten.
Und jetzt, — eine Rente, die geringer ist, als sie 1941 war. Dazu muß ich kranker Mensch
schon länger als sieben Monate in einem primitiven Lager leben und werde in einer Gegend
festgehalten, die laut ärztlicher Bescheinigung meiner Gesundheit unzuträglich ist.

Dipl.-Ing. Max Laskowski, Kenzingen/Breisgau (Baden), Hauptstraße 244, Flüchtlingslager.

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