Die Abwanderung der Ukrainer aus Ostpreußen.

Die Abwanderung der Ukrainer aus Ostpreußen.

Beitragvon -sd- » 06.09.2018, 20:29

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Massenrückkehr der Ukrainer unerwünscht.
Ein Beschluß der Woiwodschaft Lublin.

Einem Bericht der Warschauer Zeitschrift 'Zycie gospodarcze' (Wirtschaftsleben)
zufolge hat der "Volksrat" der Woiwodschaft Lublin sich kürzlich mit der Frage
der Rückkehr der zwangsweise in den polnisch besetzten Gebieten jenseits von
Oder und Neiße angesiedelten Ukrainer in ihre im Bereiche der Woiwodschaft
liegenden Heimatdörfer befaßt und hierzu beschlossen, daß eine vereinzelte
Rückkehr genehmigt, eine "Massenrückkehr" der Ukrainer aber verhindert
werden soll. Der Volksrat zog dabei in Betracht, daß „es in der Woiwodschaft
Lublin noch viel unbestellten Brachland-Boden gibt", während andererseits
„die vorhandenen Gebäude alle besetzt sind". So bestehe nur die Möglichkeit,
zurückkehrende Ukrainer auf den Staatsgütern oder auch in einigen Kolchosen
unterzubringen. Allein bei den Behörden des Kreises Tomaszow seien jedoch
binnen vierzehn Tagen (vom 12. bis 26.09.1956) nicht weniger als fünfzig "Rück-
kehranträge" von Ukrainern eingegangen, die jetzt in den Oder-Neiße-Gebieten
wohnhaft sind.

Hierzu schreibt 'Zycie gospodarcze' des Weiteren: „Unter volkswirtschaftlichem
Gesichtspunkt betrachtet, wäre die Abwanderung der vielen Tausende von
Ukrainern aus den Westgebieten (Oder-Neiße-Gebieten) eine unliebsame Er-
scheinung, denn wir dürfen die besondere Lage der Westgebiete nicht über-
sehen. Unsere hauptsächliche Aufgabe während der vergangenen zwölf Jahre
war die Besiedlung der Westgebiete, und wir müssen jetzt angesichts der Zu-
nahme des deutschen Revisionismus unsere Wirtschaft dort weiterhin stärken“.
Die "historischen Tatsachen" machten somit eine „Massenrückwanderung der
Ukrainer unmöglich". Abschließend wird jedoch betont, daß es „ein Zeugnis
großer Heimatliebe" sei, wenn die Ukrainer trotz aller Schwierigkeiten und
„negativen Aussichten" in ihre eigene Heimat zurückstrebten.

Quelle: OSPREUSSENBLATT, 8. Dezember 1956

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Die Abwanderung der Ukrainer aus Ostpreußen.
Ukrainer beschließen in Massenversammlungen Rückkehr in die eigene Heimat
.


Angesichts der Tatsache, daß gegenwärtig in sämtlichen Siedlungsgebieten der in
den Oder-Neiße-Gebieten zwangsangesiedelten Ukrainer Massenversammlungen
stattfinden, in denen die Rückkehr in die eigene Heimat jeweils — wie die polnische
Presse berichtet — „mit lebhafter Zustimmung" beschlossen wird, gab die in Allenstein
erscheinende polnische Zeitung 'Glos Olsztynski'" eine Sonderbeilage heraus, die sich
ausschließlich mit der "ukrainischen Frage" befaßt. In dieser Ausgabe wird zunächst
auf Grund einer Umfrage über die Beweggründe berichtet, aus denen die im Jahre
1947 aus ihrer Heimat vertriebenen Ukrainer nunmehr in ihrer weitaus über-
wiegenden Mehrheit und mit allem Nachdruck für eine baldige Rückkehr in die öst-
lichen Wojewodschaften der Volksrepublik Polen eintreten.

Die Gründe für die Rückkehr Die von der Redaktion des 'Glos Olsztynski' befragten
Ukrainer begründeten ihren Rückkehrwillen verschieden, und zwar wurde vor allem
folgendes hervorgehoben:

1. Die klimatischen Unterschiede;
2. die Unsicherheit der Lage in den Oder-Neiße-Gebieten;
3. „Wir wollen, daß die Aktion W (Wolnosz-,Freiheit‘, unter welchem Decknamen
die Zwangsumsiedlung der Ukrainer vorgenommen wurde) als Unrecht anerkannt
wird";
4. „Es geht uns um den Nachweis, daß wir gleichberechtigte Bürger sind";
5. „Alle aus meinem Dorfe kehren zurück, also werde ich nicht bleiben";
6. „Dort ist meine Heimat".

Insbesondere fand die unverbrüchliche Heimatliebe der in Ostpreußen angesiedelten
heimatvertriebenen Ukrainer einen ergreifenden Ausdruck. Einer der Befragten erklärte:
„Lieber dort auf einem kleinen Stück Land, lieber dort in einer Erdhöhle oder Lehmhütte
als hier auf einer großen Wirtschaft.
Lieber dort in Armut leben als hier im Wohlstand, lieber dort schwere Arbeit leisten
als hier Wohlstand erwerben. Nur dort ! Nur dort !"
Ein anderer Ukrainer führte aus: „Ich will zurückkehren und werde alles tun, um dieses
Ziel zu erreichen; denn dort ist meine Heimat, hier aber — weiß der Teufel …“
„Glos Olsztynski" führt hierzu aus, daß sich unter den Ukrainern „eine deutliche
leidenschaftliche Bewegung und ein Tun, das auf Organisierung der Rückkehr gerichtet
ist", bemerkbar mache.

Die ukrainische Zeitung „Nasze Slowo", das Organ der 'Sozialkulturellen ukrainischen
Gesellschaft', veröffentlichte in diesem Zusammenhange einen Aufsatz, in dem
darauf hingewiesen wird, daß die polnischen Verwaltungsbehörden in den Heimat-
gebieten der Ukrainer falsche Angaben über den Stand der Bewirtschaftung und der
Eigentumsverteilung an die dort angesetzten polnischen Neusiedler machten. In Wirk-
lichkeit, so führt 'Nasze Slowo' aus, gebe es in den Kreisen Gorlice, Przemysl, Sanok,
Lesko, Lubaczow und anderen „bedeutend mehr freistehende Wirtschaften", als von
polnischer Seite zugegeben werde.

Kundschafter werden vorausgeschickt.

Nach dem Bericht von 'Glos Olsztynski' werden nunmehr nicht nur die polnischen
Verwaltungsbehörden in den Heimatgebieten der Ukrainer mit Zuschriften über-
schüttet, in denen die Rückkehr der Heimatvertriebenen in ussicht gestellt wird,
sondern es sind — dem Bericht von 'Glos Olsztynski' zufolge — die ukrainischen
Gemeinden in den Oder-Neiße-Gebieten bereits dazu übergegangen, „Vorhuten" und
„Kundschafter“ in die Heimatdörfer zu entsenden. Gleichzeitig werden auch die pol-
nischen Neusiedler, die ukrainischen Besitz zugewiesen erhielten, von den Ukrainern
aufgefordert, diesen unverzüglich zu verlassen. Diesem Ansuchen haben — dies geht
aus dem Bericht von 'Glos Olsztynski' hervor — bereits zahlreiche polnische Neusiedler
entsprochen, denn das polnische Blatt hebt hervor, daß die polnischen Dienststellen
in den Heimatgebieten der Ukrainer erklärten, „eine unmittelbare Rückgabe" der Wirt-
schaften an die ukrainischen Eigentümer sei „keineswegs zulässig", sondern unterliege
der Genehmigungspflicht durch die Kreis-Landwirtschaftsverwaltungen. Die polnischen
Behörden erklärten, daß eine unmittelbare Rückgabe schon deswegen nicht zugelassen
werden könne, „weil Fälle von Drohungen und Erpressungsversuchen zu verzeichnen"
gewesen seien.

Polnische Gegenmaßnahmen.

Gleichzeitig wurde von polnischer Regierungsseite veranlaßt, daß die Heimatgebiete der
Ukrainer beschleunigt mit weiteren polnischen Neusiedlern besetzt werden sollen. So
veröffentlicht das Zentralorgan der kommunistischen 'Vereinigten polnischen Arbeiterpartei',
die 'Trybuna Ludu', nunmehr Berichte über „Resolutionen" verschiedener polnischer Dorf-
gemeinden, mit denen die Ansiedlung ihrer gesamten Einwohnerschaft in den Heimat-
gebieten der Ukrainer „gefordert" wird. Die Anträge werden jeweils damit begründet,
daß die Bewirtschaftung des bisher bearbeiteten Bodens sich nicht lohne, während es
in den östlichen polnischen Wojewodschaften fruchtbares Land gebe, das bisher brach
liege. Mit staatlicher Hilfe sollen daraufhin zahlreiche Umsiedlungen vorgenommen werden,
darüber hinaus sollen auch — der 'Trybuna Ludu' zufolge — polnische Repatrianten aus der
Sowjetunion in den Heimatgebieten der Ukrainer angesetzt werden.

Demgegenüber weist die polnische Presse in den Oder-Neiße-Gebieten die Ukrainer, die
in ihre Heimat zurückkehren wollen, darauf hin, daß diese Rückkehr „wirtschaftlich un-
zweckmäßig" sei, da der Neuaufbau dort einen großen Aufwand an Geld und Arbeit er-
fordere. Man müsse sich „einmal ausrechnen, was man mit demselben Aufwand bei der
Ausnutzung der hiesigen Wirtschaft (in den Oder-Neiße-Gebieten) erzielen könnte". Auch
würden die polnischen Neusiedler den ukrainischen „Ankömmlingen" keineswegs freundlich
begegnen, sondern ihnen vielmehr „in den Weg treten".

Quelle: OSTPREUSSENBLATT: 13. April 1957

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