Wie ein memelländischer Bauer in Schleswig-Holstein seßhaft

Wie ein memelländischer Bauer in Schleswig-Holstein seßhaft

Beitragvon -sd- » 29.08.2018, 11:37

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Vom Kaninchenstall zum Bauernhof.
Wie ein memelländischer Bauer in Schleswig-Holstein seßhaft wurde.


Man schreibt das Jahr 1946. Um die Jahresmitte wird der memelländische Bauer, Adam Naujoks,
aus der Gefangenschaft entlassen. Er findet seine Familie im nördlichen Schleswig-Holstein, wo
sie auf einem Bauernhof beengte Unterkunft gefunden haben. Frau und Kinder, zwölf an der Zahl,
leben das dürftige Leben der Vertriebenen und schlagen sich notdürftig durch, so gut es eben
gehen will. Sie wurden von ihrem Hofe bei Heydekrug vertrieben, wie Hunderttausende unserer
Landsleute, und ihr Schicksal unterscheidet sich in nichts von dem anderer Vertriebener.

Als Adam zu ihnen stößt, ist sein erster Eindruck die fürchterliche Enge, in der seine Familie lebt,
und er geht sofort ans Werk, diesen Zustand zu bessern. Nahe dem Dorfe liegt eine ehemalige
Flakstellung mit festen Erdbunkern, deren einer noch unbewohnt ist. Adam erreicht, daß ihm
dieser Bunker zugewiesen wird. Eine komfortable Wohnung ist es nicht; denn alles, was nicht
niet- und nagelfest war, hatte irgendwelche Liebhaber gefunden, der Herd hatte keine Ringe,
Lichtschalter und Lampenfassungen fehlten, sogar die Fensterläden. Vor allem aber war weder
Tisch, Stuhl noch Bett vorhanden; nichts als der nackte Raum stand zur Verfügung. Es sind 36
Quadratmeter mit einem festen Dach darüber, immer noch viel zu klein für die große Familie,
aber es mußte eben gehen, und es ist entschieden eine Verbesserung. Ein wenig hilft die
Gemeinde, sehr wenig, da sie mit Heimatvertriebenen vollgestopft ist bis unter die Dächer.
Das meiste Fehlende muß Adam selbst beschaffen.

Zuerst heißt es Arbeit und Verdienst suchen. Er findet sie bei dem Bauern, der vorher seine
Familie beherbergt hatte. Aber es ist nicht seine Absicht, für unbestimmte Zeit als landwirt-
schaftlicher Arbeiter ein karges Brot zu essen. Er hat den festen Vorsatz, ganz von vorn anzu-
fangen und sich Schritt für Schritt emporzuarbeiten, um schließlich wieder auf eigenen Füßen
zu stehen.

Es ist kein Leichtes, zwölf Kinder zu ernähren, die selbst noch nicht verdienen können. Zudem
sind die Lebensmittelzuteilungen bekanntlich so knapp, daß an eine ausreichende Versorgung
der großen Kinderschar nicht zu denken ist. Adam ist also zunächst bedacht, sich aus Eigenem
Zusätze zu schaffen. Da er ein guter Rechner ist und es versteht, auch die geringfügigste
Konjunktur zu nutzen, tut er sich gründlich um und findet, daß eine ganze Reihe seiner Schick-
salsgefährten Kaninchen hält, um zusätzlich Fleisch zu haben. Kaninchen sind leicht zu halten,
die Futterbeschaffung macht keine Schwierigkeiten, einer lernt vom anderen, und die Nach-
frage nach Jungkaninchen ist lebhaft. Adam macht sich diesen Umstand sofort zu nutze. Er
schafft sich eine Häsin an, und dazu, weil gerade eine günstige Gelegenheit sich bietet, zwei
Hühner. Ein provisorischer Stall ist bald gezimmert, und mit diesen drei Tieren legt Adam den
Grundstein zu seinem weiteren Aufstieg. Von seinem Bauern pachtet er ein Stückchen Land,
das an seinen Bunker grenzt und baut darauf Kartoffeln an und etwas Futtergetreide. Im
nächsten Jahre hat die Kaninchenzucht bereits einen starken Umfang angenommen. Hundert-
zehn Jungkaninchen haben das Licht der Welt erblickt und können laufend an Interessenten
abgesetzt werden. Auch die Geflügelzucht macht gute Fortschritte. Ende des Jahres zählt
Adam bereits 45 Junghennen und -hähne. Sie werden zum größten Teil verkauft. Der Stall
muß vergrößert werden, denn nun stellt Adam zwei Schweine ein, das eine zur Zucht, das
andere als Schlachtschwein.

Adam ist ein erfahrener Bauer. Rückschläge kennt er nicht, weil alles, was er anpackt,
vorher wohlbedacht ist. Mit eingesessenen Bauern führt er lange Gespräche über die Boden-
verhältnisse und die klimatischen Bedingungen, hält überall die Augen offen und verschafft
sich so die nötigen Kenntnisse über die Wirtschaftsbedingungen in diesem Lande. Er ist ein
vorsichtiger Wirt, der niemals spekuliert, der aber auch keine Gelegenheit verpaßt, die
seinem Weiterkommen nützlich sein könnte. Heute ist er 48 Jahre alt, und die Kinder
wachsen heran. Wenn sie groß sind, muß für sie gesorgt sein, und wenn er einmal die
Augen schließen sollte, sollen sie versorgt sein. Das ist Adams Vorsatz, und ihm gilt seine
unermüdliche Arbeit. Von Sonnenaufgang bis zum Dunkelwerden ist er auf den Beinen.
Er kennt nichts anderes als seine kleine Wirtschaft, die er ständig zu vergrößern trachtet.
Jeder Gewinn wird gewissenhaft zu Erweiterungen benutzt. Er scheut keine Arbeit.
Im Sommer sticht er Torf auf dem Moor und rodet Stubben im Walde, um den Brennstoff-
bedarf für den Winter zu schaffen. Im Frühjahr pachtet er einen weiteren halben Hektar
Ackerland, baut Frühkartoffeln und Gemüse an. Der Geflügelhof wird umzäunt, darin
tummeln sich siebzig Stück Geflügel aller Art, Hühner, Enten, Gänse, Puten und Tauben.
Der Wolle wegen wird ein Schaf gehalten, und die Zuchtsau wirft acht gesunde Ferkel.

Die Währungsreform droht alles über den Haufen zu werfen, aber Adam versteht es,
durch kluge Einteilung und Wirtschaftsführung dennoch über Wasser zu bleiben. Er fängt
genau wieder von vorn an, und bald hat er den alten Stand wieder erreicht. Von nun an
geht es merklich vorwärts. Schon immer hat er mit einem eigenen Grundstück geliebäugelt,
und jetzt bietet sich Gelegenheit, im Nachbardorf eine kleine Bauernstelle von zwei Hektar
zu pachten. Adam ist entschlossen zuzugreifen. Aber es werden ihm Schwierigkeiten in den
Weg gelegt. Die Nachbargemeinde will den Zuzug nicht genehmigen, den Heimatvertriebe-
nen will man nicht als gleichberechtigt anerkennen. Adam, der sich nicht einschüchtern läßt,
geht bis zu den höchsten Regierungsstellen und kämpft um seinen Pachthof mit der zähen
Energie des Ostpreußen. Endlich bekommt er Recht und zieht auf seinen neuen Hof. Das
ist heute ein Jahr her. Das Anwesen ist ziemlich verwahrlost. Wohnhaus, Stallung und
Scheune sind zum Teil in baufälligem Zustand, Das kümmert Adam wenig. Der Winter ist
gut zu Ausbesserungsarbeiten zu nutzen. Dreieinhalb Hektar weiteres Land kann er hinzu-
pachten, so daß im Frühjahr 1950 eine Gesamtfläche von fünfeinhalb Hektar zur Verfügung
steht. Auf zwei Hektar baut Adam Getreide und Hackfrüchte, der Rest ist fürs erste Wiese
und Weide. Der Pachtvertrag lautet auf zwölf Jahre. Jetzt endlich, nachdem das meiste
aus eigener Kraft geschaffen werden konnte, bekommt Adam einen Kredit, der ihm eine
große Last von den Schultern nimmt. Jetzt ist es ihm möglich, dringend erforderliche Um-
bauten vorzunehmen, um vor allen Dingen die Stallungen zu erweitern, denn das lebende
Inventar ist bereits in diesem einen Jahre erheblich angewachsen. Wir zählen ein vierjähri-
ges Pferd, zwei Kühe, vier Schweine, siebzig Stück Geflügel und — aus alter Anhänglichkeit —
zwei Kaninchen. Es soll auch nicht verschwiegen werden, daß die Kinderzahl sich in der Zeit
seit Adams Rückkehr aus der Gefangenschaft wiederum vermehrt hat. Sie ist auf vierzehn
gestiegen, von denen neun noch im Hause sind. Das Ziel der nächsten Zeit ist, mit Hilfe
des Kredits zuerst die Baukosten für den Umbau zu decken, nach dessen Fertigstellung
in einigen Wochen zwei weitere Milchkühe und zwei Zuchtsäue einzustellen und den ver-
bleibenden Rest für dringliche Reparaturen zu verwenden.

Es hat alles Hand und Fuß, was Adam Naujoks plant. Er hat ein festes Ziel vor Augen und
will seine Wirtschaft auf zehn Hektar bringen. "Dann", so sagt er, "kann ich meine Familie
ganz aus Eigenem ernähren und bin auf keines Menschen Hilfe angewiesen. Mit mir kann
dann werden was will, Frau und Kinder sind dann versorgt."

In vier Jahren harter und unermüdlicher Arbeit hat Adam Naujoks, der Memelländer, ver-
mocht, fern seiner Heimat aus eigener Kraft festen Fuß zu fassen. Unbeirrt und mit
unbeugsamem Willen hat er alle Hindernisse und Schwierigkeiten beiseite zu räumen gewußt
und sich den Weg gebahnt, der, dessen können wir sicher sein, aufs neue, zu Ansehen und
zu einem bescheidenen Wohlstand führen wird.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 5. Oktober 1950

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