Was denken 1955 Heimgekehrte über unsere Zeit ?

Was denken 1955 Heimgekehrte über unsere Zeit ?

Beitragvon -sd- » 09.04.2017, 11:47

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Was denken die im Oktober 1955 Heimgekehrten über uns und unsere Zeit ?
Ihr habt alle keine Zeit …“ Immer auf der Jagd nach einem besseren Leben.


Von Peter Marquardt

In diesem Beitrag werden – über die allgemeine Friedland-Berichterstattung hinaus –
einige grundsätzliche Meinungen unserer Heimkehrer wiedergegeben, die für die
Meinungsbildung auf politischen, wirtschaftlichen und kulturellem Gebiet von Bedeutung
sind.

Die Männer und Frauen, die im Oktober aus der Sowjetunion kamen, sind jetzt einige
Wochen bei uns. Was sagen sie ? Zunächst sind sie dankbar. Ihre Dankbarkeit hält noch
Wochen nach der Entlassung an. Sie danken uns allen dafür, daß wir sie in den langen
zehn Jahren nicht vergessen haben , daß wir ihnen Pakete schickten, daß wir sie mit
einem Wort teilhaben ließen. Aber diese Menschen sind kritisch. Sie hatten ein Jahr-
zehnt Zeit zum Nachdenken. Neben unseren Paketen und neben aller gemeinsamen
Sehnsucht nach der Heimat, war das einzige was sie „drüben“ stärken und zur Gemein-
schaft zusammenschließen konnte, die Kameradschaft, Ehre und Vaterlandsliebe,
Begriffe, die bei uns altmodisch zu werden beginnen, sind diesen Männern jahrelang
tägliche Realität gewesen. Nur so war es ihnen möglich, dem Tode, der Hoffnungslosig-
keit, der Taiga und Sibirien ins Auge zu sehen — zehn Jahre lang. Ihre Körper sind bis
zum letzten Quentchen Energie ausgebeutet und ihre Seelen ausgebrannt. Es sind harte
Männer, die zu uns gekommen sind.

Die Heimkehrer haben sich die Heimat anders vorgestellt als sie sie jetzt antrafen. Die
Sehnsucht nach Frau und Kind, Geborgenheit und Familie, Güte und Liebe, haben die
Erinnerung in ein rosiges Licht getaucht, verschönt und bunt gefärbt. Und mit diesen
Sehnsüchten, Hoffnungen und Erwartungen sind sie heimgekehrt in unsere Wirklichkeit
des Jahres 1955. Das gab den meisten von ihnen einen schweren seelischen Schock.
Das drückt einer von ihnen so aus: „Ich bin von einem Fünf-Meter-Brett ins Wasser ge-
sprungen, und das Wasser hält mich jetzt noch umfangen." Sie können diese Eindrücke,
die täglich immer neu auf sie einstürmen — noch — nicht verarbeiten. Was das heißt ?
Nun, man mußte ihnen verdolmetschen, was das heißt: H-Linie, Nylon, Moped, Coca Cola.
Und erst allmählich wissen sie, daß Schuhe ohne Schnürsenkel Slipper heißen. Windjacken
Lumberjacks, Regenmäntel Dufflecoats. Sie kennen weder die rührseligen Prinzessin-
Margaret-Geschichten noch die Film- und Sportidole unserer Jugend.

Die Ellenbogenmenschen.

Was sagen sie über uns und unsere Zeit ? „Ihr habt alle keine Zeit." — „Mein stärkster
Eindruck: die hier herrschende Nüchternheit, Rücksichtslosigkeit und Härte." — „Die
Ellenbogenmenschen kassieren den Hauptanteil am Kuchen. Der Arbeitsplatz ist zum
Job geworden. Die starke Amerikanisierung ist unverkennbar." — „Das soll Reklame sein ?
Ich dachte, Kinder hätten einen Bauzaun bepinselt." — „Eine zivilisierte, hochentwickelte
Bürokratie." — „Tief beeindruckt vom Wiederaufbau und vom regen wirtschaftlichen Leben."
— „Gebäude, die man von früher her kannte, stehen nicht mehr oder sind durch Neubauten
ersetzt. Es ist alles ganz anders, als ich dachte." — „Wir sind überrascht, in wie viel Dutzend
Formblättern und Karteien wir bereits wieder erfaßt sind. Eine ungeheuer komplizierte
Verwaltungsmaschinerie bei keineswegs unfreundlichen Beamten." — „Junge Mädchen
tragen knielange Hosen. Die Männer enge Hosen, kurze Mäntel, kaum länger als ihre Jacken
und Sakkos, die wie Säcke herabhangen. — Ich wohne in einem abbruchreifen Haus, das
bald geräumt werden muß. Man hat doch gewußt, daß ich komme, jetzt erst beginnen die
Ämter sich um meine Angehörigen zu kümmern " — „Unglaubliche Zunahme des Verkehrs,
Neubau von Wohnungen und der hohe Lebensstandard beeindruckten mich am meisten " -
„Weshalb tragen die Polizeibeamten in unserem Land alle hundert Kilometer eine andere
Uniform ? — ..Die mit zwölf bis vierzehn Jahren bereits von einer überraschenden Selb-
ständigkeit. Die Ansprüche, die heute von der Jugend gestellt werden sind für mich Neuland."
- „Man müßte doch errechnen können, daß die Stadt einen Raum mietet, in dem von jeder
Behörde ein Vertreter anwesend ist. Wir müssen viele Angaben zigfach wiederholen. Weshalb
die viele Lauferei ?“ – „Alles kauft auf Raten. Das kenne ich von früher her nicht.“ – "Wie ein
Bäuerlein vom Lande kommt man sich als ehemaliger Großstädter vor.“ – Hier gilt der Anzug,
nicht was drin steckt.“ – Das Leben hält hier ständig Neuigkeiten bereit und läßt uns von
einer Überraschung zur nächsten taumeln.“

Die Unzufriedenheit.

„Was muß eigentlich noch geschehen, damit die Menschen zufrieden sind ?“, fragte ein
Heimkehrer. „Bei vielen, denen es persönlich gut bis sehr gut geht und die das auch zu-
geben, ist eine allgemeine Unzufriedenheit weit verbreitet.“ Und ein anderer hält etwas
fest, was wir uns alle einmal vorgenommen hatten und was wir schon wieder vergessen
haben: „Und wir dachten in der Gefangenschaft, daß unser Volk auf Grund der schlechten
Erfahrungen in zwei Weltkriegen zu Hause nur noch in den Tag hinein und von der Hand
in den Mund lebt. Wie froh bin ich, daß wir uns getäuscht haben.“ Dinge die uns kaum
noch berühren, werden zu Problemen. Ein Beispiel: In einem vorzüglich geleiteten Sana-
torium wurden Heimkehrer untergebracht. Man umsorgte sie, es fehlte ihnen an nichts.
Nur ein winziger Stacheldraht störte. Man hatte die Blumenrabatten mit einem einfachen
kniehohen Stacheldraht umgeben. Die Heimkehrer rissen ihn eigenhändig heraus. Sie
konnten keinen Stacheldraht mehr sehen. Kleinigkeiten für den Normalverbraucher –
Probleme für den Heimkehrer.

Die weit vorangeschrittene Technisierung und Modernisierung auf allen Gebieten beein-
druckt die Heimkehrer immer wieder besonders stark. Oft bleiben sie im Verkehrsgewühl,
das sie unsicher macht, stehen und bestaunen die immer neueren Autotypen, Motorroller,
die sie noch nie sahen und die Kleinautos, die sie anfänglich für Kinderspielzeuge reicher
Kinder hielten. Sie haben festgestellt, daß unsere Geschäfte im Gegensatz zu früher
Glas und nochmals Glas als Baustoff und Dekorationselement bevorzugen. Sie empfinden
die Kinoreklame als marktschreierisch, die überall vorherrschenden bunten Farben zu
grell, die Werbung im Ganzen gesehen zu aufdringlich, und die Preise sind für sie völlig
ungewohnt.

Ämterdünkel, Luxus.

Sie bescheinigen den Westdeutschen immer wieder, daß sie alle zu sehr auf der Jagd
nach dem Glück seien und sich von der Hast auffressen ließen. „Wir sind in Sibirien
stiller geworden und zielsicherer. Und wir haben den Leuten hier das Wissen voraus,
daß Glück schon etwas ist, was nur im Menschen selber liegt und nicht im hohen
Lebensstandard. Der Deutsche scheint heute sein Auto, seine Familie und sein Glück
auf Raten zu kaufen. Die allgemeine Stimmung ist hektisch." — „Es scheint neben dem
Job nur noch Hobbys zu geben, das Gegenteil von Geist. Ämterdünkel, Überheblichkeit
und Titelsucht grassieren. Der Luxus unseres öffentlichen Lebens ist überraschend —
Luxusautos, Luxuslokale und Luxusfrauen." — „Als kleiner Junge wollte ich immer mal
nach Amerika, weil dort alles so schrecklich fortschrittlich sein sollte. Heute komme
ich mir so vor, als ob ich dort wäre." — „Überall Kritik kleinlicher Art, spießiger Egois-
mus, weitverbreitet das Gefühl eigener Wichtigkeit." — „Der hohe Lebensstandard wird
allerdings überschattet von der Lage der Rentner." — „Ich benötigte einige Zeit, bis ich
mir zutraute, allein über die Straße zu gehen. Man sieht gar keinen Arbeiter mehr. Alle
sind elegant gekleidet.* — „Hastigkeit und Nervosität scheinen mir die Hauptmerkmale
zu sein. Alles ist unentwegt auf der Jagd nach einem besseren Leben."

Vergessen wir nicht: den Heimkehrern lief die Zeit davon. Sie müssen ein zehnjähriges
schwarzes Loch mit Informationen anfüllen, Dinge, die wir uns an den Stiefelsohlen ab-
gelaufen haben. Sie sprechen ganz einfach von Deutschland, es erscheint ihnen nichts
selbstverständlicher als die Wiedervereinigung. Sie fragen besorgt, ob auf dem Boden
unseres fast ausschließlich materiell-wirtschaftlichen Wiederaufbaues auch eine Idee
gewachsen ist, die man dem Bolschewismus entgegenstellen kann. Fast allen fällt auf,
daß unser relativ gutes Leben die Bewohner der Bundesrepublik im Gegensatz zum Osten
zu völlig unpolitischem Denken geführt hat. Sie bekennen sich nahezu ausnahmslos leiden-
schaftlich zu Europa, in einer Zeit, da die Berufs-Europäer ihre alten Manuskripte vorlesen
und die Nüchternen, Europa auf das Jahr 2000 vertagt haben.

Verzweifelter Existenzkampf.

Das dringendste Anliegen, das der Heimkehrer an die Wirtschaft hat, ist ein Arbeitsplatz.
Alle wollen endlich am Wiederaufbau ihrer Heimat mitwirken. Man hat ihnen in Friedland
offiziell gesagt, daß sie nicht zu spät kämen. Ist das so ? Sind die Heimkehrer denn unseren
rationalisierten Methoden des modernen Existenzkampfes gewachsen oder müssen sie zu-
nächst vor den Anforderungen der Betriebsführung von heute zunächst versaufen ? Sie
wollen kein Mitleid, aber sie brauchen Zeit. Zeit und Geduld zur Umstellung und Anpassung,
unmerkliche Hilfe von Arbeitskollegen und die stille unaufdringliche Begegnung von Mensch
zu Mensch. Mit Geld, Wohnung, Kleidung und Arbeitsplatz allein ist es nicht getan. Wir
müssen ihnen die seelische Brücke zwischen Gestern und Heute bauen helfen. Vergessen
wir nicht: einige von den soeben Heimgekehrten sind nicht am Krieg und nicht an der Ge-
fangenschaft, wohl aber an den Schwierigkeiten der Heimat, zerbrochen. Heute noch sind
von den 1953/54 Heimgekehrten knapp tausend (bei zehntausend Heimkehrern) ohne
Arbeitsplatz. Viele von ihnen führen einen verzweifelten Existenzkampf. In der Statistik
der Bundesarbeitsverwaltung werden ständig sechstausend bis siebentausend arbeitslose
Heimkehrer geführt. Das ist keine konjunkturbedingte, sondern eine Dauerarbeitslosigkeit.
Es sind Männer, die vor ihrer Einberufung noch ohne Beruf waren („Abiturient mit Ost-
erfahrung“), Kranke, Versehrte, ältere Angestellte, Bewohner der Randzonen unserer
Konjunktur (Bayrischer Wald, Berlin, Schleswig-Hostein, Zonengrenzgürtel). 126.000
Heimkehrer-Familien suchen Ende des Jahres 1955 eine Wohnung ! Der Verlust von Zeit
und Erfahrung durch die lange Gefangenschaft läßt sich praktisch kaum aufholen. Besonders
schwierig sind die freien Berufe: „Wer wird einem Bildhauer etwas abkaufen, meine Finger
sind ungelenk und steif geworden vom Bäumefällen." — „Wer vertraut sich schon einem
Rechtsanwalt an, der vor zehn Jahren seinen letzten Mandanten verteidigt hat ?" Der
Existenzkampf ist in der Nachkriegszeit in einem Ausmaß härter geworden, das die
Heimkehrer erschreckt. Die unverbrauchten nachdrückenden Jahrgänge drücken das
Arbeitstempo und bestimmen das Zeitmaß. Wer wird einem Sechzigjährigen eine feste
Stellung anbieten, der für eine Umschulung zu alt ist und in einigen Jahren ohnehin
pensionsreif ist ? Oder ein Alltagsfall: 1939 Abitur, Soldat, zehn Jahre Gefangenschaft.
Wenn dieser Heimkehrer jetzt sein Jura-Studium beginnt und in sechs Jahren vielleicht
sein Examen macht, dann ist der „junge Mann" vierzig Jahre alt, aber die Altersgrenzen
im öffentlichen Dienst liegen fest, dabei sind zehn Jahre Rußland nicht mit eingeplant.
Die 131er, die Jüngeren mit fertigen Berufserfahrungen, die Älteren, die Mangelberufe
haben — sie werden leicht vom Arbeitsmarkt aufgenommen. Aber die anderen ? Vergessen
wir nicht, daß es heute schon viele Heimkehrer gibt, die sich nachts im Bett herumwälzen
und über die Frage nachgrübeln, wie sie in einem halben Jahr ihre Miete bezahlen sollen !
Die Herzen der Heimkehrer dürfen von uns nicht enttäuscht werden. Sie müssen ihren
Platz an unserem Tisch erhalten. Denken wir daran, wenn die kommenden Heimkehrer
in Herleshausen ihre Omnibusse besteigen und die Glocken von Dorf zu Dorf zu läuten
beginnen. Ihr Klang begleitet unsere Kameraden bis nach Friedland. Es gibt dort bei diesen
unendlich vielen Gesten dieser Tage kein „Dankeschön" und kein „Bitteschön". Es ist alles
so klar, so selbstverständlich, so ohne Worte. Wir alle fühlen es wohl: wir gehören zusammen,
wir sind eines, wir sind ein Volk, und für wenige Tage sind wir sogar wieder eine Nation.
Wenn sich in Friedland der Schlagbaum hebt, schlägt das Herz Deutschlands. Versuchen
wir etwas davon in unseren nüchternen Alltag hinüberzuretten.

Volk ohne Zeit.

Unser aller Gefangenschaft begann mit der Wegnahme der Uhr. Seitdem ist unser Volk ohne
Zeit. Nur wenn sich an der deutsch-deutschen Grenze der Schlagbaum hebt, beginnt die Uhr
unserer Nation für Tage wieder zu ticken. Aber schon nach kurzer Zeit, wenn die Schlagzeilen
vergessen sind, wenn die Zeitungen mit den Heimkehrerberichten beim Altwarenhändler
liegen, wenn die Wochenschau-Eindrücke von den „Heide-Alpen-Filmen" zugedeckt werden,
wenn die Heimkehrer — wie Generationen Heimkehrer vor ihnen — nicht mehr „aktuell" sind,
wenn die Wirtschaftswunderkinder ihr Überstundensoll für Eisschrank und Italien-Reise leisten,
wird dieses für eine Geschichtssekunde Nation-Sein der Deutschen dort in Friedland nur noch
Archivmaterial der westdeutschen Verbraucher-GmbH sein.

Es wird nicht zuletzt auch an den jetzt aus Krieg und Gefangenschaft Heimgekehrten liegen,
ob sie genügend Sauerteig-Willen von drüben mitbrachten, um dafür zu sorgen, daß die
Wiedervereinigung unseres Vaterlandes vor sozialer Sättigung zu gehen hat, daß menschlich-
sozialer Flugsand nicht zum politischen Flugsand wird, daß beim hemmungslosen Kampf
um vollere Lohntüten Berlin und Leipzig, Weimar und Workuta nicht vergessen werden,
wo zu dieser Stunde noch viele tausende Deutsche sich in Sehnsucht nach dem Schlagbaum
an der deutsch-deutschen Grenze im Werratal verzehren.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 24. Dezember 1955

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