Aussiedler brachten drei Waggons Vieh und Getreide mit.

Aussiedler brachten drei Waggons Vieh und Getreide mit.

Beitragvon -sd- » 03.11.2020, 18:27

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Mit Pferden und Kühen.
Ostpreußische Aussiedler brachten drei Waggons Vieh und Getreide mit.


Noch immer hält der große Strom der Aussiedler aus den unter polnischer
Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten in das Bundesgebiet unver-
mindert an. Nachdem allein im vergangenen Jahr über 100.000 Landsleute
aus dem Gebiet jenseits der Oder und Neiße in Westdeutschland eine Zu-
flucht gefunden haben, herrscht gerade zu Anfang dieses Jahres im Grenz-
durchgangslager Friedland bei Göttingen, der großen Menschenschleuse
zwischen Ost und West, Hochbetrieb, wie seit vielen Jahren nicht. Fast
täglich rollen die Aussiedler-Transporte in Friedland ein und bringen deut-
sche Männer, Frauen und Kinder, die die Heimat verlassen mußten, weil
das Leben dort unerträglich geworden war. Aber nicht nur für die vielen
Tausende von Menschen ist Friedland das erste Ziel auf der Reise in ein
neues Leben, sondern jetzt auch für Tiere. In diesen Tagen kam zum ersten
Mal ein eigener kleiner Vieh-Transport aus Ostpreußen nach Friedland. In
zwei polnischen Viehwagen brachten ostpreußische Aussiedler Pferde, Bullen,
Kühe und Hühner mit, und ein dritter Güterwagen war voll Getreide.

Dieses Umzugsgut gehört den Landwirten Konrad Rischewski, aus Neu-
Mertensdorf bei Bischofsburg, Kreis Rößel, und seinem Neffen, Rudolf
Rischewski, aus Braunswalde, Kreis Allenstein, die als erste Aussiedler
von den polnischen Behörden und vom Zoll die Genehmigung zur Ausfuhr
von Vieh und Getreide in diesem Umfang bekommen haben.

In der ersten Zeit durften die Aussiedler nur mit Handgepäck nach West-
deutschland ausreisen, später ließen die polnischen Behörden auch Um-
zugsgut — Kleidung, Möbel und Hausrat — zu, so daß an jedem Transport-
zug mehrere Gepäckwaggons angehängt werden mußten. Nachdem in
letzter Zeit vereinzelt auch lebende Tiere mitgenommen werden durften —
es waren meist einzelne Schweine und Kühe, aber auch vierundzwanzig
Bienenvölker in achtzehn Stöcken, die jetzt noch im Lager Friedland auf
warmes Wetter warten, — kam nun Familie Rischewski mit einem großen
Teil des lebenden Inventars zweier ostpreußischer Bauernhöfe.

Konrad Rischewski bewirtschaftete in Neu-Mertensdorf einen Hof von über
dreißig Hektar. „Ich war bei der Behörde angesehen und verstand mich auch
sehr gut mit ihr, obwohl man mir zu Anfang ganz übel mitgespielt hat",
erzählte der sechzig Jahre alte Landwirt. Nach dem Kriege hat er zwei Jahre
unschuldig — wie sich leider erst später herausstellte — im Gefängnis
gesessen, wurde dann freigesprochen und klagte gegen den polnischen
Staat, um seinen von den Polen besetzten Hof wiederzubekommen. Sein
Erstattungsantrag wurde anerkannt. Konrad Rischewski bekam seinen Hof
zurück, aber eine Schadenserstattung wurde im Gerichtsverfahren abge-
lehnt. Man verwies ihn auf den Weg der Privatklage, aber es wurde keine
neue Verhandlung anberaumt.

Im November vergangenen Jahres entschloß sich Konrad Rischewski —
er ist zu siebzig Prozent arbeitsunfähig — zur Aussiedlung. Er wurde als
"politisch verdächtig" eingereiht. Aber nach der ersten Ablehnung kam
Anfang des Jahres doch die Ausreisegenehmigung. Auch dem Antrag, Vieh
und Getreide mitnehmen zu dürfen, gaben die polnischen Behörden und
der Zoll statt. Etwa fünftausend Zloty kostet ein Güterwagen der polnischen
Eisenbahn bis nach Friedland. Ein Teil des Viehbestandes wurde in Neu-
Mertensdorf verkauft. Zwei Pferde, ein Bulle, eine dreijährige Kuh und
fünfzig Hühner wurden in einen Waggon eingeladen; in diesem richtete
sich der 28 Jahre alte Sohn Arthur ein Schlaflager ein, um unterwegs die
Tiere versorgen zu können.

Vater Konrad Rischewski, seine Frau Franziska und die 29 Jahre alte Tochter,
Hildegard, fuhren am 21. Januar mit dem Aussiedler-Transport zunächst
nach Stettin und dann weiter nach Friedland. Zwei Tage später kamen der
Viehwagen und der Getreidewaggon und noch ein zweiter Viehwagen, der
unterwegs angekoppelt worden war. In ihm war der Neffe Rudolf Rischewski,
der, ohne es zu wissen, zufällig zur gleichen Zeit im fünfzig Kilometer ent-
fernten Braunswalde die Koffer gepackt und sein Vieh — ein Pferd, einen
Ochsen, zwei Kühe und über fünfzig Hühner — verladen hatte. Auch Rudolf
hatte die Ausreise beantragt und die Genehmigung zur Mitnahme der Tiere
erhalten. So gab es denn auf dem Bahnhof Friedland ein freudiges Wieder-
sehen, zumal auch Rudolfs Bruder, Gerhard, der zwanzig Kilometer von
Friedland entfernt in Duderstadt lebt, sofort herbeigekommen war.

"Ich hatte mein Soll erfüllt, und was darüber war, das war mein Eigentum.
Das haben mir die Polen auch gelassen", sagte Konrad Rischewski. Sein
Sohn Arthur und sein Neffe Rudolf, die mit dem Vieh im Wagen gekom-
men waren, berichteten, daß die Abfertigung beim polnischen Zoll
reibungslos und höflich vor sich gegangen ist.

Das Lager Friedland ist auf alles vorbereitet und für alles eingerichtet. Nicht
nur die Menschen, sondern auch die Tiere wurden selbstverständlich ver-
pflegt und betreut. Aber schon in den nächsten Tagen wollen die beiden
ostpreußischen Landwirte ihr Vieh verkaufen. Beide sind über siebzig Prozent
arbeitsunfähig und wollen in Westdeutschland eine Landwirtschaft nicht mehr
aufbauen. Der Erlös aus dem Verkauf der Tiere und des Getreides soll als
Grundlage für den Aufbau eines neuen Lebens in der Bundesrepublik dienen,
das Familie Konrad Rischewski in Bodenburg, Kreis Warburg, und Rudolf
Rischewski bei seiner Schwester, Irmgard Poeth in St. Hubert bei Krefeld
beginnen wollen.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 1. Februar 1958

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