Ostpreußen starben für die Freiheit eines neuen Europas.

Ostpreußen starben für die Freiheit eines neuen Europas.

Beitragvon -sd- » 08.06.2019, 20:15

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Die ostpreußische Passion.
Ostpreußen starben für die Freiheit eines neuen Europas.


Der Seehafen Pillau erlebte vor zehn Jahren dramatische Wochen. Hunderttausende
Ostpreußen wurden von hier aus von der deutschen Kriegsmarine über See in Sicher-
heit nach dem Westen gebracht. Schon im ersten Weltkrieg war Ostpreußen das
einzige Gebiet unseres Vaterlandes, das an sich die Schrecken des Krieges unmittelbar
erlebt hat. Weite Teile des Landes wurden verwüstet und die Bewohner von Haus und
Hof vertrieben. Und doch waren die Schreckenstage von 1914 nur ein schwaches
Piano gegen das ungeheure Fortissimo, das 30 Jahre später über Ostpreußen herein-
brechen sollte, für ein Inferno, das in der Geschichte ohne Beispiel ist.

Innerhalb weniger Wochen wurde von der roten Flut ein Land verschlungen, das nicht
nur deutsch, sondern — wie die Welt erst viel zu spät erkennen mußte — auch euro-
päisch war. Zu allen Zeiten war Ostpreußen nicht nur ein wichtiger Brückenkopf für
den europäischen Handel mit dem Osten, sondern zugleich auch der bedeutendste
nordöstliche Verteidigungspfeiler gegen Asien.

Verbunden mit diesem territorialen war ein ungeheurer biologischer Verlust. Die
Verluste der Heimatvertriebenen durch Ermordung, Tod auf der Flucht und in den
Lagern und durch Verschleppung — also ohne Kriegsverluste an Gefallenen, Vermißten
und Gefangenen — betragen über dreieinhalb Millionen. Das bedeutet, daß die Be-
völkerung in den deutschen Ostgebieten in wenigen Monaten mehr Menschen verlor,
als die gesamte deutsche Wehrmacht während der sechs Kriegsjahre. Die Ernte, die
der Tod unter der ostdeutschen Bevölkerung hielt, war sechsmal größer als die der
gesamten deutschen Zivilbevölkerung während des Luftkrieges. Davon entfällt ein
sehr hoher Prozentsatz auf die Bevölkerung Ostpreußens. Eine erschreckende Sta-
tistik, die erschüttern muß, hinter deren nüchternen Zahlen aber nicht die Summe
an Leid, Not, Elend und Teufeleien abzulesen ist, die die Opfer der Katastrophe und
ein Großteil der überlebenden unter den Heimatvertriebenen erdulden mußten.

Das erste blutige Fanal.

Schon Ende Oktober 1944 erhielt die ostpreußische Bevölkerung einen recht deut-
lichen Vorgeschmack von dem, was auch ihr bevorstehen sollte. Ein Panzerkeil der
Roten Armee war bis in den Raum von Goldap vorgestoßen. Er konnte zwar von den
Truppen des Generals Hoßbach abgeriegelt und das Gebiet schon nach kurzer Zeit
wieder freigekämpft werden. Doch was sich den Befreiern an Schrecklichem und
Furchtbarem darbot, übertraf alles, was das deutsche Volk draußen und drinnen
bisher in den Kriegsjahren erlebt hatte. An der unschuldigen und wehrlosen deut-
schen Bevölkerung hatten die Sowjets teuflische Rache genommen. Man fand Männer
und Greise erschlagen und in Nemmersdorf Frauen lebend an die Scheunentore ge-
schlagen. Was nicht tot in den Gräben lag, war verschleppt worden und nicht einmal
vor den französischen Kriegsgefangenen hat die unsinnige Mordgier haltgemacht.

Dies blutige Fanal von Nemmersdorf hätte einer verantwortlichen Führung ernste
Warnung sein müssen, umso mehr, als allgemein bekannt war, daß die deutschen
Linien viel zu schwach waren, um einem massiven Angriff der Sowjets für längere
Zeit zu widerstehen. Noch wäre es Zeit gewesen, aber nichts geschah. Im Gegenteil !
Ostpreußens Gauleiter Erich Koch widersetzte sich den ernsten Vorstellungen der
Militärs und verhinderte den Abtransport der gefährdeten Bevölkerung. Statt plan-
mäßige Verteidigungs- und Evakuierungsvorbereitungen zu treffen, vertröstete man
die Bevölkerung mit leerem Gerede von der deutschen Wunderwaffe. Und so trat
ein, was kommen mußte.

Die Hölle bricht los.

Bittere Winterkälte herrscht in Ostpreußen, als am 12. Januar 1945 an der gesamten
Front von der Ostsee bis zu den Karpaten der Generalangriff der Roten Armee los-
bricht und den schwachen Schleier der deutschen Verteidigung innerhalb weniger
Tage aufreißt. Nun ist es zu spät für einen geordneten Abtransport. Mit überstürzter
Hast raffen die erschrockenen Menschen das Notwendigste zusammen und fliehen
mitten in der Nacht, mit Pferd und Wagen oder zu Fuß, ihre wenigen Habseligkeiten
auf dem Rücken. Die panische Angst vor einem zweiten Nemmersdorf sitzt ihnen im
Nacken, spornt sie zu höchster Eile an. Doch für Tausende und aber Tausende ist es
bereits zu spät. Ihre Trecks werden überholt oder von den Panzerketten der Stalin-
panzer rücksichtslos niedergewalzt. Wehe denen, die von der sowjetischen Soldateska
noch in ihren Dörfern überrascht werden, ihr Schicksal war von vornherein besiegelt:
Die Männer werden erschlagen, die Frauen vergewaltigt und wieder vergewaltigt und
verschleppt, die Kinder ihrem Schicksal überlassen. Nach 14 Tagen stehen russische
Panzer bei Elbing; der Strom der Flüchtlinge und ganze deutsche Divisionen sind hier
in einem Kessel zusammengedrängt. Ihre Ausfallsversuche werden abgeschlagen und
ein Angriff zu ihrer Entsetzung durch die 7. Panzerdivision, der von Marienburg vor-
getragen wird, erstickt in Blut und Schnee.

Das Samland gleicht einem riesigen Heerlager, aber die einzelnen Trecks sind kleiner
geworden. Was nicht gesund und widerstandsfähig ist, hat den Elendsmarsch nicht
überstanden. Auch hier gibt es kein Durchkommen nach Süden und Westen mehr, es
bleibt nur die Hoffnung auf ein rettendes Schiff oder die Flucht über das Eis des Haffs
zur Nehrung. Zehntausende gehen bei dieser Flucht zugrunde. Ganze Gespanne mit
Pferd und Wagen brechen ein und versinken in den eisigen Fluten, derweil die bersten-
den Granaten der sowjetischen Armee die Fliehenden verfolgen. Jagdflieger stürzen
sich immer wieder auf den Menschenstrom und speien aus ihren Bordwaffen Tod und
Verderben.

Ende April retten sich die Überlebenden aus Königsberg auf die Nehrung vor den wü-
tenden Angriffen Wassilewskis, bis auch hier der schmale Landstreifen nach Süden ab-
geriegelt war und die letzten erschöpften Soldaten der 2. Armee zusammen mit den
letzten flüchtenden Frauen und Kindern hilflos der Wut der Roten Armee preisgege-
ben waren.

Genug ! Wer diese Unglücksmenschen gesehen hat, die Alten mit stumpfem, hoffnungs-
losem Blick, bleiche Frauen mit tiefliegenden Augen, darunter auch schwangere, Kinder
mit greisenhaften Zügen, dem haben sich diese furchtbaren Bilder so tief in das Herz
eingegraben, daß er sie nie wieder vergessen kann.

Sie starben für Europa.

Millionen von Toten ! Wofür — so drängt sich, wenn wir ihrer Gedenken, immer erneut
die Frage auf, wofür gingen sie in den Tod ? Waren sie „die Front der lebenden Leiber“,
die nach der nationalsozialistischen Terminologie den Weg ins Reich versperrte ?
Starben sie für die Heimat — für Deutschland ? Die Heimat ging verloren und Deutschland
wurde zu einem Torso ! Und doch war dies grausige Menschenopfer nicht zwecklos, nicht
ohne einen Sinn. Die unmenschlichen Qualen und Leiden, die sie erdulden mußten, ent-
hüllten der Welt in deutlicher Klarheit das wahre Wesen des Bolschewismus in seiner
zynischen Grausamkeit und erbarmungslosen Brutalität. Die Welt erfuhr durch diese
furchtbare Katastrophe, was ihr droht, wenn der Bolschewismus zum Zugekommen sollte.
Darum wurde der Opfertod der Ostpreußen und der anderen Ostdeutschen zu einem
gewaltigen Fanal an das Weltgewissen.

So und nur so finden wir, zehn Jahre nach dem in seiner Größe geschichtlich einmaligen
Opfergang die Antwort auf die quälende Frage nach dem „Wofür“. Sie starben unter den
Qualen asiatischer Grausamkeit — damit ein politisches Europa geboren werden kann.
Sie starben, unbewußt zwar, für die Freiheit dieses neuen Europas !

Dies Europa ist nach der Annahme der Pariser Verträge durch Deutschland, Frankreich
und weiterer europäischer Staaten keine Fiktion mehr, sondern eine recht feste Realität,
mit der der Osten rechnen und sich auseinandersetzen muß. Die Zeit wurde reif für
einen festen Zusammenschluß der europäischen Nationalstaaten, da sie ohne ihn früher
oder später ein Opfer des Bolschewismus zu werden drohten. Wie sehr sich gerade da-
durch Moskau in seinen Plänen und Absichten durchkreuzt sieht, das beweisen die wü-
tenden Haßtiraden, mit denen es auf die Verträge reagiert. Das neue Europa wird sich
wirtschaftlich kräftigen und militärisch erstarken, so daß jeder Angriff auf sein Territo-
rium zu einem gefährlichen Risiko für den Angreifer wird. Und wenn es überhaupt einen
Weg zur Wiedervereinigung und zur Rückgewinnung der abgetretenen Gebiete gibt,
dann kann er nur über dieses Europa führen.

Für dieses Europa starben unsere Landsleute !

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, April 1955

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