Die Gburreks fanden sich nach zwölf Jahren.

Die Gburreks fanden sich nach zwölf Jahren.

Beitragvon -sd- » 27.01.2018, 07:44

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Die Gburreks fanden sich.
Die Eltern nach zwölf Jahren mit allen sechs Kindern wieder vereint.


'Landsleute, die jetzt aus Ostpreußen kamen', das ist seit langem eine fest-
stehende Rubrik der Zeitung 'OSTPREUSSENBLATT'. Nüchtern und sachlich
nehmen sich die knappen Namens- und Ortsangaben aus. Sie sind wie ein
Stichwortverzeichnis aus dem großen Schicksalsbuch unserer Landsmann-
schaft, in dem unendlich viel Leid, aber auch Glück und Freude verzeichnet
stehen. Schlagen wir eines seiner Kapitel auf, das einen glücklichen Ab-
schluß fand, und das deshalb bemerkenswert ist, weil es auch in der Ge-
schichte der Familienzusammenführung nicht alltäglich ist, daß sechs Kinder
nach zwölfjähriger Trennung gemeinsam mit ihren Eltern und zwei weiteren
Geschwistern zusammenfinden. Hier sei nun das Schicksal der zehn Gburreks
aus Julienhöfen, im Kreis Sensburg, erzählt.

Als sich Mutter Gburrek im Januar 1945 mit sechs Kindern im Alter von drei
bis fünfzehn Jahren auf die Flucht begab, befanden sich ihr Mann und der
älteste Sohn, der mit sechzehn Jahren zum Wehrdienst eingezogen worden
war, bereits in Gefangenschaft. Auch die Daheimgebliebenen wurden nach
wenigen Kilometern zu "Gefangenen" in ihrer von den Russen umzingelten
engeren Heimat. Nachdem es kein Entrinnen mehr gab, kehrten Mutter und
Kinder nach Julienhöfen zurück.

"Wir bestatteten die Toten und vergruben das herumliegende Vieh". In der
Erinnerung verblaßt das Grausige. Und so vermag Frau Gburrek heute auch
den schicksalsschweren Augenblick, da sie von ihren Kindern getrennt wurde,
nur mit wenigen Worten anzudeuten.

"Für drei Tage Du arbeiten kommen", hatte der russische Ortskommandant
gesagt. Aus den drei Tagen wurden drei Jahre, die die Mutter unter Lebens-
bedingungen, wie sie härter kaum zu denken sind, im Ural, verbringen
mußte. Sie blieb ohne jedes Lebenszeichen von ihren Kindern, die zunächst
von einer Verwandten betreut wurden, soweit unter damaligen Verhältnissen
überhaupt von Betreuung die Rede sein konnte. Nicht arbeiten hieß ver-
hungern, und so mußten selbst die kleineren Geschwister bald hart zupak-
ken, um sich ohne elterliche Fürsorge zu behaupten. Das Schwere dieser
Jahre liegt heute noch wie ein Schatten auf dem Gesicht des ältesten, der
jetzt Heimgekehrten, der mit fünfzehn Jahren zum "Oberhaupt" der in alle
Winde zerstreuten Restfamilie geworden war.

Als ruhender Pol lebte "im Reich" das älteste der Kinder, eine Tochter,
deren Anschrift alle Familienmitglieder kannten. Sie war bereits seit 1943
in Tübingen beruflich tätig. Über sie liefen die ersten Fäden der Familie
wieder zusammen, als der Vater und der Bruder 1947 aus der Gefangen-
schaft entlassen wurden. Der Vater, der zunächst in Sachsen gelandet war,
siedelte sehr bald zu seinem Sohn über, den sein Geschick nach Salzkotten,
in der Nähe von Paderborn, verschlagen hatte. In ihrem alten Beruf als
Landarbeiter überstanden die beiden die Hungerjahre und trugen gemein-
sam die Sorgen über die in der Heimat zurückgebliebenen Angehörigen, mit
denen sie briefliche Verbindung bekommen hatten. Über das Schicksal der
Mutter wußten sie zunächst nichts. Erst ein Jahr später erhielten sie das erste
Lebenszeichen, als Frau Gburrek im Jahre 1948 nach Sachsen entlassen worden
war. Die hinter ihr liegenden schweren Jahre hatten ihren eisernen Willen
nicht zu brechen vermocht, so schnell wie möglich die Familie wieder zu
vereinen. Im Spätherbst des gleichen Jahres erhielt sie ihre Genehmigung
zur Übersiedlung in die britische Zone und wenige Tage später stand sie in
der bescheidenen Kammer ihres Mannes.

Bald darauf siedelten Eltern und Sohn auf das Gut Forst bei Niedermarsberg
im Kreis Brilon über, wo Vater Gburrek noch heute als Futtermeister tätig
ist. Die drei schnallten den Leibriemen so eng es nur irgend ging und legten
Mark auf Mark aufeinander, um wieder einen bescheidenen Hausstand zu
gründen und alles vorzubereiten, wenn die Kinder eines Tages nach Hause
kommen.

Ein dickes Aktenstück, in dem der ganze Schriftwechsel mit deutschen und
polnischen Behörden und mit dem Deutschen Roten Kreuz aufbewahrt ist,
vermittelt eine Ahnung von dem jahrelangen Ringen um das nun endlich
erreichte Ziel. Im Januar 1957 hatten sie den letzten unzähliger bisher
vergeblicher Versuche unternommen. "Wenn es diesmal nicht klappt, dann
schreibe ich an Gomulka", hatte damals Mutter Gburrek gesagt. Wenn sie
heute darüber berichtet, zweifelt man nicht daran, daß dieser Brief an
Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig gelassen hätte. Aber diesmal klappte
das vereinte Bemühen von hüben und drüben, denn auch die Kinder in der
Heimat hatten einen endlosen Papierkrieg hinter sich. Anfang Mai schrieben
sie: "Wir können unsere Pässe abholen". Aus dem Verkauf ihrer Habe, zu der
als größtes Kapital eine Kuh gehörte und von dem gewiß nicht leicht erspar-
ten Geld, bezahlten sie die erheblichen Kosten für die Visa und die Fahr-
karten. Am 18. Mai 1957 kam dann endlich auf Gut Forst der erlösende
Telefonanruf aus Friedland: "Wir sind da !"

Seitdem sind einige Wochen ins Land gegangen. Alle sechs zurückgekehrten
Gburrek-Kinder, die heute im Alter von sechzehn bis siebenundzwanzig Jah-
ren stehen, sind bereits in Lohn und Brot: die beiden jüngsten als Landarbeiter
auf dem gleichen Gut wie der Vater und ihr ältester inzwischen verheirateter
Bruder. Ein anderer arbeitet in der Steingrube, ein weiterer in einer Ziegelei
und der älteste der Heimgekehrten und die Schwester in der Glashütte.

Noch hat nicht jeder der acht Menschen, die in der aus zwei Stuben und einer
Wohnküche bestehenden Wohnung leben, ein eigenes Bett, und es wird noch
vieler Anstrengungen bedürfen, bis all' die anderen notwendigsten Bedürf-
nisse befriedigt sind. Aber wir gewannen bei unserem Besuch die Gewißheit,
daß die vergangenen zwölf schweren Jahre und das Los der Trennung dieser
Familie etwas bewahrt haben, das heute nicht mehr so selbstverständlich
ist: Das Gefühl der Verantwortung und des Sorgens der Familienmitglieder
füreinander. Sechs junge Menschen haben in den entscheidenden Jahren ihres
Lebens erfahren, welche Stärke der feste Zusammenhalt einer kleinen Gemein-
schaft gibt. Sie wird auch — diesen Eindruck nahmen wir mit — für die Zukunft
Bestand haben. Gertrud Hammer

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 6. Juli 1957

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