Pest in Memel, Tilsit, Ragnit und Insterburg.

z.B. die Pest 1709 / 1710.

Pest in Memel, Tilsit, Ragnit und Insterburg.

Beitragvon -sd- » 28.05.2019, 12:06

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Einweisung von Neusiedlern
in neuerstellte Häuser und Höfe in Nordostpreußen.


Furchtbar hatte die Pest in den Jahren 1709 und 1710 in Ostpreußen gehaust,
am furchtbarsten im nördlichen Teil der Provinz, in den vier Hauptämtern
Memel, Tilsit, Ragnit und lnsterburg. Die vorwiegend kleinbäuerliche
Bevölkerung war nahezu ausgestorben, die Ställe waren leer, die Felder wüst.
Die Menschen, die noch im Lande lebten, litten Hunger und waren in Gefahr,
auch moralisch zu verkommen. Die Bemühungen staatlicher und kirchlicher
Stellen blieben fruchtlos. Die Verwaltungs- und Steuerbehörden drangen mit
ihren Anordnungen nicht durch; die wenigen Pfarrer und Lehrer konnten die
verwilderten Menschen nicht in Zucht halten. Ohne Unterricht und Predigt,
ohne Recht und Gesetz lebten die Menschen dahin. Das Land drohte sich dem
Staat zu entfremden, so wie ein Acker am Rande eines Gutes, der lange nicht
bestellt wird, zu einer herrenlosen Wildnis wird.

In den Jahren nach dem Erlöschen der Pest waren zwar viele Bauernstellen
wieder besetzt worden, aber erst Friedrich Wilhelm I. mit seinem ausge-
prägten Sinn für die Formung und das innere Gefüge des Staates erkannte,
daß hier mehr zu tun war, als Felder zu bestellen und Häuser zu bauen.
Es galt, Nordostpreußen wieder zu einem Teil des Staates zu machen und
seine Bevölkerung nicht nur zu mehren, sondern sie zu erziehen zu
preußischen Untertanen — dieses Wort ist erst im 19. Jahrhundert in seiner
Bedeutung abgewertet worden — und zu Christen. Das ist der eigentliche Sinn
des Retablissements, wie das große Werk in der Kanzleisprache hieß. Die An-
setzung der Salzburger, bei der der König sich ebenso als Christ wie als Haus-
vater bewährte, bildete seinen Höhepunkt, aber was in den zwanzig Jahren
vorher geschah, verdient unsere Bewunderung noch mehr, weil es viel mühe-
voller war. Manchmal wollte der König fast verzweifeln, wenn Unfähigkeit
mancher Beamten, Mißwachs und Unglücksfälle den Fortgang des Werkes
immer wieder hemmten, und doch ließ er nicht locker. Wiederholt besuchte
er das Land, sah selbst nach dem Rechten, hielt unermüdlich Konferenzen,
half mit Rat und Geld, aber sparte auch nicht mit Ermahnungen, Tadel und
Strafen. Auch wenn er in Berlin war, hatte er „den kop voller Preußischer
wirdtschaft", wie er einmal an seinen Vertrauten, den Fürsten von Anhalt-
Dessau, schrieb.

Der Gang des Retablissements kann hier nicht dargestellt werden. Der König
richtete sofort nach seinem Regierungsantritt eine besondere Behörde für
das nördliche Ostpreußen ein, aus der später die Kriegs- und Domänenkammer
in Gumbinnen hervorging. Karl Heinrich Graf Truchseß zu Waldburg, dem der
König volles Vertrauen schenkte, reformierte als Präsident der Generalhufen-
schoßkommission das ländliche Steuerwesen. Königsberger Geistliche, Lysiust,
Rogall, Ouandt und andere, verbesserten die Ausbildung der Pfarrer und
reformierten in den "principia regulative" das Schulwesen, wozu der sonst so
sparsame König 50.000 Taler als mons pietatis stiftete. Besonders lag ihm eine
Besserung der Landwirtschaft auf den Domänen am Herzen, die Einführung
der deutschen an Stelle der preußischen Wirtschaft. Kurz, es gab nichts, was
nicht reformiert wurde. Sechs neue Städte, etwa zwanzig Kirchen und über
neunhundert Schulen, die neu geschaffen oder wiederhergestellt wurden,
waren der äußere Erfolg des Retablissements. Wichtiger war der innere.

Wir sind heute beim Wiederaufbau andere Größenordnungen gewöhnt und
rechnen mit Millionen von Menschen, Häusern und Geld. Aber sehen wir nicht
zu sehr auf die wirtschaftlichen Erfolge. Friedrich Wilhelm I. arbeitete mit
weniger Geld, weniger Menschen, weniger Land, aber seine Leistung ging
mehr in die Tiefe, weil sie trotz aller Rechenhaftigkeit — der Plusmacherei,
die man dem König vorwarf — getragen war von einer krisenfesten Weltan-
schauung. Staatsbewußtsein und Christentum, die er selbst in sich trug,
erzog er seinen Untertanen an. Sie wurden auch im nördlichen Ostpreußen,
dieser seiner Schöpfung, zu den Grundmauern preußischen Wesens, und sie
sind es geblieben. Dr. Gause

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Mehr als 1.200 Mennoniten wohnen heute in dem südamerikanischen Staate
Uruguay. Meist leben sie in geschlossenen Siedlungen. Zahlenmäßig ist ihr
Anteil an der deutschen Kolonie sehr stark. An das Wirken der Mennoniten in
Ost- und Westpreußen erinnerte das 'Nachrichtenblatt in deutscher Sprache
für Uruguay' durch die Veröffentlichung eines Aufsatzes von Johann Driedger,
Weiherhof (früher Heubude, Bezirk Danzig).
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