Die Seuchenepidemie von 1945/1947 in Königsberg.

z.B. die Pest 1709 / 1710.

Die Seuchenepidemie von 1945/1947 in Königsberg.

Beitragvon -sd- » 01.12.2018, 21:51

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Das große Sterben. Die Seuchenepidemie von 1945/1947 in Königsberg.

In einem Beitrag zum Jahrbuch der Albertus-Universität in Königsberg
(Herausgeber: Göttinger Arbeitskreis, erschienen im Holzner-Verlag)
schildert Wilhelm Starlinger den Verlauf der Großseuchenbewegung von
1945/1947 in Königsberg. Der bekannte Universitätsprofessor, der bis
zu seiner Verschleppung in die Sowjetunion als leitender Arzt an der
Spitze des Seuchenkrankenhauses stand, und dem es wohl in erster Linie
zu danken ist, daß die Seuchen einen relativ „glimpflichen“ Verlauf
nahmen, unternimmt es in diesen Darlegungen vom Gesichtspunkt der
sanitär-hygienischen und klinischen Epidemiologie den Ablauf der aus
dem Ostraum hereingebrochenem Epidemien aufzuzeichnen. Ohne auf die
wissenschaftliche Seite und ihre Folgerungen einzugehen, veröffentlichen
wir im Folgenden eine kurze Inhaltsangabe, die unsere Leser sicherlich
interessieren dürfte.

Königsberger Passion.

Für die Bevölkerung, die die harten Straßenkämpfe überlebt hatte, begann
nach der Eroberung der Stadt eine wahre Leidenszeit, eine Zeit schwerster
leiblicher und seelischer Not. Viele der Familien waren auseinandergerissen,
der Wohnraum auf das äußerste beschränkt, sodaß Tausende in den Keller-
löchern der zerstörten Häuser hausen mußten. Vor allem aber litten die
Königsberger bittersten Hunger. Vierhundert Gramm sehr wasserreiches Brot
blieb bis zum Sommer 1946 die einzige, aber nicht regelmäßige Versorgung
und kam nur dem kleinsten Teil der Bevölkerung zugute. Es wurde Fleisch
von längst vergrabenen und wieder ausgegrabenen Tieren gegessen und selbst
vereinzelte Fälle von Kannibalismus wurden festgestellt. In den Wintern
gesellte sich zu dem furchtbaren Hunger auch noch die Kälte. Das Holz
genügte kaum zum Kochen einer wässrigen Suppe und in dem schwersten
Winter 1946/1947 starben in mancher Nacht ganze Familien an Hunger und
Entkräftung. In gleicher Weise begünstigten die allgemeinen hygienischen
Verhältnisse die Ausbreitung von Seuchen, besonders von Typhus und Fleck-
fieber. Im Herbst 1945 lebte Königsberg allein aus seinen Brunnen, die
größtenteils stark verunreinigt waren. Man wusch sich mit dem Wasser aus
den Bombentrichtern, wobei Seife vielfach ein besonderer Luxusartikel war,
und weil der Weg zum Pregel oft zu weit und zu gefährlich war, konnte die
Wäsche nur selten gewaschen und gewechselt werden. Eine allgemeine Verlau-
sung war die natürliche Folge dieser Zustände. Zugleich nahm auch die
Rattenplage derartig zu, daß sogar Menschen im Schlaf von diesen Tieren
überfallen wurden. Vergegenwärtigt man sich weiter, daß die Kanalisation
zerstört und zunächst noch keine Bedürfnisanstalten vorhanden waren, daß
ferner auch keinerlei Desinfektionsmittel für die Bevölkerung zur Verfügung
standen, dann wird es auch dem Laien klar, in welchem Ausmaß diese Verhält-
nisse der Ausbreitung ansteckender Krankheiten Vorschub leisten mußten.

Die deutschen Seuchenkrankenhäuser.

In der durch Waffenwirkung stark zerstörten Universitäts-Nervenklinik,
wohin bereits die restliche Infektionsabteilung des Städt. Krankenhauses
mit einigen Schwestern und Kranken gebracht worden war, wurde auf Anord-
nung der Besatzungsmacht am 21. April 1945 das erste deutsche Seuchen-
krankenhaus unter Leitung von Prof. Dr. Starlinger auf Befehl der Besat-
zungsmacht eröffnet; unter kaum vorstellbaren primitiven Verhältnissen.
Es fehlte an allem. Weder Wasser noch Kanalisation, weder eine Küche
noch eine Wäscherei waren vorhanden, ebenso fehlten Beleuchtung und
Beheizung vollständig. Die Gebäude befanden sich in einem total verwahr-
losten Zustand und waren von ihrem früheren Inventar fast vollständig
entblößt. Das Personal bestand aus wenigen Vollschwestern, zwei deutschen
und einer litauischen Ärztin, die sofort gemeinsam ans Werk gingen. Bergungs-
kommandos wurden ausgeschickt, um das Fehlende zu ergänzen und zu
beschaffen und schon nach kurzer Zeit konnten Küche und Wäscherei wieder
behelfsmäßig in Gang gesetzt, Fenster und Türen ersetzt und fast jedem
Kranken ein Bettplatz zugewiesen werden. Ende Mai und im Juni stieg die
Kurve der Typhuserkrankungen steil an, sodaß das Haus für die Neuzugänge
nicht mehr ausreichte. Nach schwierigen und langwierigen Verhandlungen
stellte deshalb die Besatzungsmacht zunächst das frühere Garnisonlazarett I
in der Yorckstraße und etwas später dann auch noch das St. Elisabeth-
Krankenhaus der Grauen Schwestern, dessen Leiter Prof. Starlinger bis zur
Einnahme Königsbergs gewesen war, zur Verfügung. Von neuem wurde das
Personal, vor allem im Yorck-Krankenhaus von der Last der Nebenarbeit
fast erdrückt, aber auch dieses Mal wurde es geschafft, obwohl die Zahl
der Kranken fast 2.000 erreicht und das DSK seine höchste Belegungsfähig-
keit erreicht hatte.

Die Verpflegung erfolgte durch die Besatzungsmacht und war völlig unzurei-
chend. Im Durchschnitt erhielt die tägliche Lieferung pro Kopf 400 g Brot,
dazu etwas Fisch, manchmal einige Konserven, wenige Gramm Zucker und
Fett, im Durchschnitt 1.000 Kalorien. Das Personal erhielt auch weiterhin
nur 400 g Brot, aber ab Sommer 1946 Barbezahlung, die bei Ärzten bis 900
bei Schwestern bis 600 und bei Helfern zwischen 200 und 400 Rubel betrug,
zu einer Zeit, als Brot im freien Handel etwa 180 Rubel je Kilo kostete. Am
30. August 1946 erfolgte die Umwandlung der DSK, die bis dahin die Rot-
kreuzflagge gezeigt hatten, in das „Kaliningrader Städtische Infektions-
Krankenhaus“. Professor Dr. Starlinger wurde durch eine sowjetische Direk-
torin ersetzt, blieb aber bis zu seinem endgültigen Ausscheiden im März
1947 als beratender Arzt tätig.

Allgemeine Todesursachen überwogen Seuchensterblichkeit.

Es muß überraschen, daß trotz aller günstigen Vorbedingungen für eine weit-
gehende Infektionsgefahr für die Bevölkerung die Seuchensterblichkeit, so
niederdrückend sie im Einzelnen auch war, längst nicht die Sterblichkeits-
ziffer der allgemeinen Todesursachen erreichte. Die deutsche Bevölkerung
Königsberg zählte nach sehr vorsichtigen Schätzungen im April 1945 noch
rd. 100.000 (110.000 von Versorgungsämtern und Wehrmachtsdienststellen
geschätzt) sie dezimierte sich bis zum Frühjahr 1947 auf rd. 25.000. Es
starben in diesem Zeitraum 75.000 Menschen, also 75 v. H. der gesamten
Bevölkerung, dabei betrug die Seuchenmorbidität (Erkrankungsziffer auf
die Gesamtbevölkerung an Ruhr, Typhus, Fleckfieber usw. 10.400 Personen,
wobei nur 2.600 Fälle zum Tode führten. Das ungeheure Massensterben der
Königsberger Bevölkerung war also wesentlich weniger auf die Seuchenaus-
breitung als vielmehr auf die furchtbaren Lebensbedingungen zurückzuführen,
die für fast 73.000 Menschen den Tod zur Folge hatten.

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, März 1955

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