BallinStadt - Das Auswanderermuseum Hamburg.

BallinStadt - Das Auswanderermuseum Hamburg.

Beitragvon -sd- » 04.03.2017, 12:23

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Das Auswanderermuseum Hamburg:
http://www.ballinstadt.de/


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Wer zum Besuch der BallinStadt auf den Geschmack gekommen sein sollte,
tut gut daran, zuvor die nachfolgenden (Hintergrund)-Informationen zu lesen.

BallinStadt > 9,80 Euro Eintritt:
http://forum.transoceanic-emigration.ne ... .php?t=149

Einschätzungen:
http://forum.transoceanic-emigration.ne ... .php?t=150

Erlebniswelt BallinStadt / stern-online-Bericht:
http://forum.transoceanic-emigration.ne ... .php?t=151

Emigration Research Service LINK TO YOUR ROOTS eingestellt:
http://forum.transoceanic-emigration.ne ... c.php?t=94


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BallinStadt - Das Auswanderermuseum Hamburg.

Beitragvon -sd- » 04.03.2017, 17:09

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Das Tor zum Glück. Ein ZEIT-online-Bericht von Ulrich Stock:
http://www.zeit.de/2007/27/Ballinstadt

Fünf Millionen Menschen sind einst vom Hamburger Hafen aus
in die Neue Welt aufgebrochen. Im jüngsten Museum der Stadt
kann man ihre Schicksale nacherleben.


Mein Feld ist die Welt.

Fünf Millionen Menschen brachen einst von Hamburg aus nach
Übersee auf, um ein besseres Leben zu finden.
Eine Galerie historischer Bilder von Ulrich Stock:
http://www.zeit.de/online/2007/27/bg-ballinstadt

Quelle: ZEIT online, 15. Juni 2007

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Die Hamburger BallinStadt opfert die Darstellung
der Migrationsgeschichte dem Event
.


Bilder von mit Menschen überladenen albanischen Frachtern vor
Brindisi, klapprigen Fischerboote, die vor Gibraltar kentern,
oder Palästinensern in den Flüchtlingsquartieren Beiruts und
Gazas haben in Europa längst die Erinnerung daran verdrängt, wo
die Ursprünge der Massenemigration liegen. Millionen Europäer
verließen im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihre Heimat,
weniger, wie es heute so gerne umschrieben wird, um ihr Glück in
der Neuen Welt zu suchen, als aus nackter Angst. Regelmäßige
Pogrome gegen Schtetl in Russland nach dem Attentat auf Zar
Alexander II. 1881, Glaubensverfolgung und Armut in
Zentraleuropa, Hunger und Arbeitslosigkeit oder die Schikanen in
der Armee trieben die Menschen zur Flucht. Dieses Unglück bot
Reedereien ein großes Geschäft im Überseeverkehr mit Amerika, um
das in Deutschland die Hafenstädte Bremen und Hamburg konkurrierten.

Nachdem in Bremerhaven mit dem Deutschen Auswandererhaus bereits
seit 2005 ein privates Erlebnismuseum über die Geschichte der
Emigration existiert, eröffnet nun auch der damals zweitgrößte
Umschlagplatz für Menschen in Not ein großes Museum über die
Schicksale der Flucht. Allerdings darf dieses Museum nicht
Museum heißen, weil der Betreiber der Meinung ist, die
Bezeichnung schrecke Touristen ab, die Museen langweilig finden
- und genau darin besteht das Problem der 'BallinStadt'. Da
Hamburg kein Geld für die Einrichtung eines eigenen,
wissenschaftlich konzipierten Museums hat, wurde das Thema in
einer Privat-Public-Partnership entwickelt, an der sich die
Stadt mit sechs Millionen Euro für die Baukosten und beratendes
Fachpersonal beteiligt hat. Weitere drei Millionen sowie den
Betrieb übernahmen Sponsoren und eine private
Freizeitpark-Firma, die 150.000 Besucher pro Jahr in das
abgelegen Hafenviertel Veddel locken will.

Für eine umfassende Darstellung der Migrationsgeschichte ist
diese Voraussetzung wenig hilfreich, denn das Event, das hier
kreiert werden muß, verträgt sich nicht mit den überwiegend
schmutzigen Seiten des Themas. Wobei dem Betreiber, der
Leisure-Work-Group (Motto: "Freizeit braucht Lösungen"),
natürlich entgegen kam, daß die Hamburger "Auswandererhallen"
als umzäunte Kleinstadt im Hafen für damalige Verhältnisse
vorbildliche Zustände boten, die man nun museumspädagogisch
feiern kann.

Animation statt Aufarbeitung.

Albert Ballin, Generaldirektor der Hapag-Reederei in Hamburg,
hatte 1893, als der Ruf der Auswandererpensionen in St. Pauli so
desaströs wurde, daß das Geschäft der Reederei zu leiden
begann, den Plan einer seriösen Zwischenunterbringung für 5.000
Emigranten entwickelt. Drei Millionen Reichsmark investierte die
Hapag in den Bau von über 30 Gebäuden, inklusive Kirche,
Synagoge, Musikpavillons und koscherer Küche. 1901 wurde das
Areal feierlich eröffnet und bis zum ersten Weltkrieg mit großem
Gewinn betrieben, dann als Marinelazarett genutzt, in der
Weimarer Zeit noch einmal reaktiviert, um 1934 in eine Kaserne
der SS-Standarte 'Germania' umgewandelt zu werden.

Von der ursprünglichen Bausubstanz existiert nichts mehr, aber
sechs große Schlafsäle wurden für die BallinStadt originalgetreu
rekonstruiert und mit gläsernen Hofüberdachungen versehen. Der
Ausstellungsteil nimmt lediglich ein Drittel des Platzes in
Anspruch, den Rest teilen sich Sponsorenpräsentationen,
Gastronomie und ein Shop, in dem man Plüschrobben und
'Hamburg-Mützen' kaufen kann. Der Ausstellungsparcour erfüllt
das Motto der BallinStadt, "Port of Dreams", indem er eine
Erlebniswelt für den Exil-Lifestyle präsentiert. Dekorativ
gekleidete Holzpuppen sprechen die vorbeigehenden Besucher dank
Bewegunsmeldern direkt an und erzählen ihre rührenden
Biographien von Leid, Verfolgung und neuer Hoffnung, während ein
lebensgroßes Stoffpferd seine Mähne schüttelt. Dutzende
Überseekoffer, vergilbte Zertifikate und wacklige Stummfilme in
Bilderrahmen vermitteln einen Eindruck vom großen Abenteuer
Auswanderung, Chaplins "The Immigrant" läuft in einer
Schiffsbug-Attrappe. Die Mischung aus gemütlichen und modernen
Präsentationsformen unterschlägt zwar keineswegs die
historischen Fakten und Zwangslagen der Menschen, aber das
Bemühen, das Versprechen von Freiheit und Abenteuer gegenüber
dem Elend von Pogromen und Hungersnöten hervorzuheben, verleiht
der BallinStadt doch den Flair einer Nostalgia-Sammlung.

Völlig versäumt wird es, eine historische Verbindung zu knüpfen,
die über die Videoerzählung einiger Veddeler Immigranten-Kinder
hinausgeht. Daß heute eine Milliarde Menschen, die vor Armut
oder Krieg in die Städte geflohen sind, in Slums leben, wird
ebenso wenig thematisiert wie der oft tödliche Treck
afrikanischer Männer nach Europa, der amerikanisch-mexikanische
Grenzzaun oder die diversen anderen Abschottungsversuche von
Staaten und Gemeinden gegen das nomadische Elend. Auch eine
politische Diskussion über die Motive von Migration und
Strategien der Armutsbekämpfung will die Leisure-Work-Group
ihren Besuchern nicht zumuten. Die ausführliche
Selbstdarstellung der Hapag, vom Hamburg Airport oder der
Norddeutschen Affinerie, die sich als Sponsoren verdient gemacht
haben, hat eindeutig Vorrang im "Port of Dreams".

Damit ist nicht nur für Hamburg eine Chance vertan, eines der
bedeutendsten politischen Themen der Gegenwart adäquat
aufzubereiten. Es zeigt sich hier vor allem das strukturelle
Problem heutiger Museumsfinanzierung. Die Hoffnung, inhaltlich
kontroverse Themen mit privaten Partner zu realisieren, weil der
Staat seine Kulturausgaben kürzt, kann nicht gelingen:
Menschliches Elend und politisches Unrecht sind nun mal keine
Events, die man als Tourismus-Attraktionen vermarkten kann. Die
Flucht des Staates aus der finanziellen Verantwortung stellt
sich hier dar als Emigration der Inhalte. Till Briegleb


Quelle: Ein Bericht von Till Briegleb in der Süddeutsche Zeitung,
Nr. 152, Donnerstag, den 05. Juli 2007, Seite 11

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