Fünf Jahre Zangsarbeit für ein paar halbreife Äpfel.

Fünf Jahre Zangsarbeit für ein paar halbreife Äpfel.

Beitragvon -sd- » 25.02.2017, 09:50

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400 Gramm Brot und ein Teller Suppe.
Für zusätzliches Obst gab es fünf Jahre Zwangsarbeit.


Ein Dutzend halbreife Äpfel wurden ihr zum Verhängnis. Es war einige Jahre
nach dem Kriege in Preußisch Eylau, wo die ehemalige Wirtschafterin aus
Königsberg, Elsa Ratuschny, wegen dieser zwölf Äpfel zu fünf Jahren Zwangs-
arbeit verurteilt wurde, abzubüßen in Sibirien.

Als im Frühjahr 1945 die Russen nach Ostpreußen kamen, konnte Elsa
Ratuschny nicht schnell genug entkommen. Die Russen trieben sie mit
vielen anderen zusammen vor sich her nach Preußisch Eylau und brachten
sie in ein Lager. Sie wurden alle in der Landwirtschaft und zu Aufräumungs-
arbeiten eingesetzt. Dafür erhielt jede Frau 400 Gramm Brot und einen
Teller warme Suppe am Tage. Es blieb nicht aus, daß viele schwer erkrankten;
Elsa Ratuschny konnte die Zeit einigermaßen überstehen. Aber dann eines
Tages wollte sie dem ewigen Hunger mit den zwölf Äpfeln begegnen, die sie
sich nahm. Man ertappte sie jedoch und verurteilte sie zu Zwangsarbeit.
Mit anderen Frauen zusammen — es waren Deutsche und Russinnen —
mußte sie in einem Lager im Uralgebiet schwer arbeiten.

Als sie nach fünf Jahren ihre harte Strafe abgebüßt hatte, wurde sie zwar
entlassen, hatte aber keine Möglichkeit, auch wieder in die Heimat zurück-
zufahren. In den Jahren im Ural konnte sie auch nichts darüber erfahren,
wie es dort aussah und wie es den Bekannten und Verwandten erging.
Sie erhielt keine Nachricht und durfte auch nicht versuchen, Kontakt mit
jemand zu bekommen. Das einzige, was sie noch vor ihrer Verurteilung
erfahren hatte, war, daß der Vater nicht mehr lebte. Vor drei Jahren erst
kam Elsa Ratuschny in den Besitz zweier Adressen, die sie interessierten:
des Roten Kreuzes und der Botschaft der Sowjetzone. Nun beantragte sie
ihre Rückführung nach Deutschland, schrieb und schrieb, erhielt aber keine
Antwort, bis schließlich vor gerade einem Jahre die Bestätigung kam, daß
ihr Antrag vorgemerkt sei. Drei Paßbilder und fünf Rubel schickte sie
wunschgemäß ein und wartete weiter. Wieder schrieb sie, schrieb und
hörte nichts. Eines Tages dann dauerte es ihr zu lange. Elsa Ratuschny
begab sich selber im November auf die Reise nach Moskau, langte nach
einer Bahnfahrt von vier Tagen dort an und bekam auch wirklich Anfang
Januar einen Paß. Bald darauf konnte sie in Richtung Berlin weiterreisen,
mußte dort noch zwei Wochen warten und trat dann die letzte Etappe
ihrer langen Heimkehr an. Nun ist sie bei ihrer Schwester Emma in Bützfleth
bei Stade.

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, März 1957

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