Friedrich der Große und Westpreußen.

Friedrich der Große und Westpreußen.

Beitragvon -sd- » 30.12.2016, 18:23

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Friedrich der Große schrieb: Westpreußen.

Ursprünglich wurde das Gebiet des Deutschen Ritterordens zwischen Weichsel
und Memel kurzweg 'Preußen' genannt. Die Bezeichnungen Ost- und Westpreußen
erschienen erstmalig in einer Kabinettsorder Friedrichs des Großen vom 31. Januar 1773.

Schon um 1400 war bei den Deutschen im Ordensland ein neues deutsch-preußisches
Stammesbewußtsein entstanden; die deutschen Siedler aus allen Gauen fühlten sich
als 'Preußen' und traten auch nach außen hin als solche auf. Als im zweiten Thorner
Frieden der westliche Teil des Ordenslandes unter die Herrschaft des Polenkönigs
gestellt wurde, blieb dennoch das preußische Stammesgefühl bestehen. Westpreußen
war damals ein überwiegend deutsches Land, und unter der Krone Polens bewahrte
seine Bevölkerung weiterhin den preußischen Namen und das preußische Staatsbewußt-
sein. Daran hat selbst das berüchtigte Dekret von Lublin von 1569, das Westpreußen in
den polnischen Staat einzugliedern versuchte, nichts geändert. Noch im 18. Jahrhundert
wurde Westpreußen als "die preußischen Lande königlich polnischen Anteils" bezeichnet.
Sie wurden nie ein Teil des Polenstaates, sondern besaßen ihre eigenen Verfassungs-
organe, einen Landtag und einen Landesrat, der sich bis zum Ende der polnischen Zeit
hielt. Als Symbol seiner Eigenstaatlichkeit führte Westpreußen schon 1457 ein eigenes
Landessiegel, der zum Unterschied von dem Ostpreußens auf seiner Brust eine Krone
trägt und aus seiner rechten Brustseite wächst ein Arm heraus, der ein Schwert schwingt.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 5. September 1951

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------

-----------------------------------------------------------------------------------------------

Friedrich der Große und Westpreußen.
Ein Blatt aus dem Buch der Geschichte / Geschrieben von Gustav Freytag

Im Jahre 1772 vereinigte Friedrich II. Westpreußen mit dem preußischen
Staate. Die Mehrzahl des Landvolks lebte damals in Zuständen, welche den
Beamten des Königs jämmerlich erschien, zumal an der Grenze Pommerns,
wo die wendischen Kassuben saßen. Wer dort einem Dorf nahte, der sah
graue Hütten und zerrissene Strohdächer auf kahler Fläche, ohne einen
Baum, ohne einen Garten — nur die Sauerkirschbäume waren altheimisch.
Die Häuser waren aus hölzernen Sprossen gebaut, mit Lehm ausgeklebt,
durch die Haustür trat man in die Stube mit großem Herd ohne Schornstein.
Stubenöfen waren unbekannt, selten wurde ein Licht angezündet, nur der
Kienspan erhellte das Dunkel der Stube.

Wer einen Brief befördern wollte, mußte einen besonderen Boten schicken,
denn es gab keine Post im Lande; freilich fühlte man in den Dörfern auch
nicht das Bedürfnis danach, denn ein großer Teil der Edelleute konnte so
wenig lesen und schreiben wie die Bauern. Wer erkrankte, fand keine Hilfe
als die Geheimmittel der alten Dorffrau.

Brachen die Pocken aus, kam eine ansteckende Krankheit ins Land, dann
sahen die Leute die weiße Gestalt der Pest durch die Luft fliegen und sich
auf ihren Hütten niederlassen; sie wußten, was solche Gestalt bedeutete,
es war eine Verödung ihrer Hütten, Untergang ganzer Gemeinden.

Es gab kaum eine Rechtspflege im Lande, nur die größeren Städte bewahr-
ten unkräftige Gerichte; der Edelmann, der Starost verfügten mit schran-
kenloserWillkür ihre Strafen, sie schlugen und warfen in scheußliche Kerker
nicht nur den Bauern, auch den Bürger der Landstädte, der unter ihnen saß
oder in ihre Hände fiel. In den Händeln, die sie untereinander hatten,
kämpften sie durch Bestechungen bei den Gerichtshöfen, die sie aburteilen
durften. In den letzten Jahren hatte auch das fast aufgehört, sie suchten
ihre Rache auf eigene Faust durch Überfall und blutige Hiebe.

Es war in der Tat ein verlassenes Land, ohne Zucht, ohne Gesetz, ohne
Herzen; es war eine Einöde, auf 600 Quadratmeilen wohnten 500.000
Menschen, nicht 850 auf der Meile. Und wie eine herrenlose Einöde be-
handelte der Preußenkönig seinen Erwerb, fast nach Belieben setzte er
sich die Grenzsteine. 'Westpreußen' wurde, wie bis dahin Schlesien, sein
Lieblingskind, das er mit unendlicher Sorge wusch und bürstete, neu
kleidete, zur Schule und Ordnung zwang und immer im Auge behielt. Er
warf eine Schar seiner besten Beamten in die Wildnis; wieder wurden die
Landschaften in Kreise geteilt, jeder Kreis mit einem Landrat, einem
Gericht, mit Post und Sanitätspolizei versehen. Eine Kompanie von 187
Schullehrern wurde in das Land geführt.

Im ersten Jahre nach der Besitznahme wurde der große Kanal gegraben,
welcher in einem Lauf von drei Meilen die Weichsel durch die Netze mit
der Oder und Elbe verbindet; ein Jahr, nachdem der König den Befehl
erteilt, sah er selbst beladene Oderkähne von 120 Fuß Länge nach dem
Osten zur Weichsel einfahren. Durch die neue Wasserstraße wurden weite
Strecken Landes entsumpft und sofort durch neue Kolonisten besetzt.
Unablässig trieb der König, er lobte und schalt, wie groß der Eifer der
Beamten war, sie vermochten ihm selten genug zu tun. Dadurch geschah
es, daß in wenig Jahrzehnten das wilde Unkraut gebändigt wurde, daß
auch die polnischen Landstriche sich an die Ordnung des neuen Lebens
gewöhnten, und daß Westpreußen sich in den Kriegen seit 1806 fast ebenso
preußisch bewährte wie die alten Provinzen.

Quelle: OSPREUSSEN-WARTE, November 1959

-----------------------------------------------------------------------------------------------
Benutzeravatar
-sd-
Site Admin
 
Beiträge: 4076
Registriert: 05.01.2007, 16:50

Zurück zu Regionalforschung

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste