Waren die Dänen schuld am Tod deutscher Flüchtlingskinder ?

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Waren die Dänen schuld am Tod deutscher Flüchtlingskinder ?

Beitragvon -sd- » 08.12.2016, 18:02

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Waren die Dänen 1945 schuld am Tod
von fast 8.000 deutschen Flüchtlingskindern ?


Wenn man sie sich genau anschaut, kann einem nicht entgehen, daß die
erwähnte Rezension des Autors des Ostpreußenblatts von 2002 über das
Buch des dänischen Autors Ipsen
vor Vorurteilen, Ressentiments und
Ablehnung gegenüber den dänischen Nachbarn nur so trieft und sehr
widersprüchlich und zwiespältig ist. Einserseits schreibt Hans-Joachim
von Leesen, die Verhältnisse in Dänemark seien human gewesen und es
müsse anerkannt werden, daß das Vier-Millionen-Volk der Dänen sich
bemüht habe, alle 250.000 deutschen Flüchtlinge solange unter einiger-
maßen humanen Bedingungen über die Zeit zu bringen, bis sie in ihr
Vaterland zurückkehren konnten. Andererseits - bemerkt er weiter -
bleibe bei ihm bei der Lektüre des Buches ein merkwürdiges Gefühl
zurück, und zwar der Eindruck, daß die Dänen kein Verständnis gehabt
hätten für das Schicksal der deutschen Flüchtlinge, die in ihren Augen
Feinde geblieben seien. Der Autor des Ostpreußenblatts wirft den Dänen
Zwiespältigkeit und Doppeldeutigkeit in ihrer "Einstellung zum Zweiten
Weltkrieg" vor. Er kritisiert, daß Dänemark noch immer davon spricht,
das Land sei 1940 von Hitler-Deutschland heimtückisch überfallen worden,
und er wirft die aberwitzige Frage auf, ob es etwa für Deutschland
damals gar keine andere Wahl gab, als das Land zu besetzen. Solches
Denken - muß man dem entgegenhalten - war im stalinistischen Ostblock
gang und gebe, wenn die Genossen zum Heil des Landes das Brudervolk
und den großen Diktator zum Einmarsch "einluden", wie damals in der
Tschechoslowakei. Im Ostpreußenblatt ist also von der Vergangenheits-
bewältigung einer Diktatur nicht viel zu bemerken. Aus diesem Bild der
Geschichte leitet sich dann die Behauptung ab, die bösen unbelehrbaren
dänischen Behörden hätten den Ärzten und Krankenhäusern des Landes
verboten, deutschen Flüchtlingen medizinische Hilfe zu leisten und
diesen "unmenschlichen Anordnungen" seien tausende von kleinen
Kindern zum Opfer gefallen. Dies ist ein infamer Vorwurf an die däni-
schen Nachbarn, der einer Prüfung nicht standhält, da er mit den Tat-
sachen und auch mit dem historischen Kontext und Hintergrund wenig
zu tun hat.

1. Dänemark war von Hitler-Deutschland überfallen worden und jahre-
lang besetzt. Im Mai 1945 befanden sich neben den 245.000 deutschen
Flüchtlingen noch 250.000 deutsche Soldaten in dem kleinen Land. Das
Land wurde ausgepowert. Die dänische Wirtschaft wurde abgeschöpft
und das Land vom deutschen Militär als großes Lazarett benutzt, wo
deutsche Soldaten von ihren Verwundungen an den Fronten genesen
und sich erholen konnten. Beim Ansturm der deutschen Flüchtlinge ab
Anfang 1945 wurden über das bisherige Besatzungsregime hinaus zahl-
reiche Schulen und öffentliche Einrichtungen Dänemarks von den deut-
schen Besatzungsbehörden beschlagnahmt, so daß die Dänen in große
Schwierigkeiten kamen. Es konnte daher nicht erwartet werden, daß die
überfallenen und ausgenutzten Dänen nun den Deutschen wohlgesonnen
sind und sich als Retter der durch eigene Schuld in Schwierigkeiten gera-
tenen Deutschen auserkoren sehen, nachdem deren große Eroberungspläne
schief gegangen waren. Der letzte deutsche Befehlshaber in Dänemark,
Ostfrontgeneral Lindemann, hatte mit den Flüchtlingen wenig im Sinn,
denn er kündigte an, "die letzte anständige Schlacht des Zweiten Welt-
krieges in Dänemark auszufechten". Was sagt dazu der Autor des Ost-
preußenblatts ?

2. Das kleine Volk Dänemark war durch die Besetzung und mit der Ver-
sorgung von insgesamt einer halben Million Deutschen sowie tausenden
von Verwundeten und alliierten Flüchtlingen völlig überfordert, worauf
zu Recht Rolf-Peter Perrey in seiner Mail hinweist. Das kleine Dänemark
war nicht darauf vorbereitet, neben den 250.000 deutschen Besatzungs-
soldaten plötzlich auch noch weitere 245.000 deutsche Zivilisten aufzu-
nehmen, die seit 11. 2. 1945 in Panik vor der Sowjetarmee über die
Ostsee nach Dänemark geflüchtet waren. Zur Unterbringung der Flücht-
linge beschlagnahmte die deutsche Besatzungsmacht kurzerhand 1.100
private und öffentliche Gebäude, darunter zahlreiche Schulen, und
baute Militärunterkünfte zu Barackenstädten aus. Es wurde in dem
kleinen Land also eine weitere "Besetzung" installiert.

3. Nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 5. Mai 1945
überließ Dänemark die ärztliche Betreuung der deutschen Flüchtlinge
wie bisher den deutschen Wehrmachtsärzten und zivilen Ärzten, die
sich unter den Flüchtlingen befanden - nun unter dänischer Aufsicht.
Es kann also keine Rede davon sein, daß Flüchtlinge nicht ärztlich
betreut wurden. So war z. B. meine Mutter von Juni bis August 1945
in stationärer Behandlung wegen Typhus und ich als Dreijähriger 1947
sechs Wochen im Lazarett wegen Rachendiphterie und Rachitis. Anderen
Familien blieb es nicht erspart, daß die Mütter starben, womit die Kinder
oft zu Vollwaisen wurden. Dänische Krankenhäuser nahmen Deutsche
nur in schweren Fällen oder bei Ansteckungsgefahr auf. Weitergehende
ärztliche Hilfen knüpfte die dänische Seite an die Bedingung, daß
tausende von dänischen Polizeibeamten aus KZs in Deutschland freige-
lassen werden, die die Gestapo am 19. 9. 1944 unter dem Vorwurf der
Zusammenarbeit mit dem dänischen Widerstand festgenommen und
wie die dänischen Kommunisten in KZs deportiert hatte. Zuvor war
auch das dänische Heer interniert und dann aufgelöst worden. Täglich
gab es Hinrichtungen dänischer Widerständler. Dänemark war somit
sehr verbittert über das "deutsche Herrenvolk". Beim weitaus größten
Teil der Bevölkerung bestand der Wunsch, die Deutschen für ihre Ver-
brechen büßen zu lassen und sie streng zu behandeln. Daher isolierten
die Dänen die Flüchtlinge im Laufe des Jahres 1945 in Internierungs-
lagern hinter Stacheldraht. Viele Dänen ließen aber schließlich Gnade
vor Recht ergehen und kümmerten sich persönlich um die deutschen
Flüchtlinge. Entsprechende Anerkennung brachten später viele Flücht-
linge zum Ausdruck. Verwandte von mir hatten sogar freundschaftlichen
Kontakt zu dem dänischen Lagerkommandanten, und ich habe diesen
in den Sechziger Jahren in Dänemark besucht.

4. 1945 starben in Dänemark 13.500 deutsche Flüchtlinge - darunter
7.746 Kinder. Der schwäbische Arzt Dr. Helmut Wagner, der mit 35
Kollegen im größten Lager Oxböl Dienst tat, berichtete schon 1982 in
seinen Lebenserinnerungen, auch die beste Pflege im Kinderlazarett
habe nichts gegen "das große Kindersterben" ausrichten können, das
"aus Mangel an Milch und Nährmitteln" innerhalb weniger Monate "fast
alle Säuglinge hinwegraffte". Frisches Obst und Gemüse fehlten völlig.
Der Zeitzeuge Horst Suckau berichtete, die Wehrmacht sei anfangs gar
nicht darauf eingestellt gewesen, Frauen und Kinder zu verpflegen und
Babies und Kleinkinder ärztlich zu versorgen. Die überwiegend ostpreus-
sischen Flüchtlinge erreichten Dänemark nach den Strapazen einer meist
überstürzten und zudem wochenlangen Flucht im Kriegschaos unter Kälte,
Hunger und Krankheiten in einem elenden Zustand. Auf den überfüllten
Schiffen herrschten katastrophale hygienische Verhältnisse. Viele Flücht-
linge starben schon auf dem Schiff oder kurz nach der Ankunft in Däne-
mark. Allein in drei Tagen vom 30. März bis 1. April 1945 kamen 10
Schiffe mit 24.300 Flüchtlingen und 9.300 verwundeten Soldaten im
Freihafen von Kopenhagen an, wodurch die dänische Hauptstadt zu
einem großen Lazarett und der Freihafen in ein Leichenhaus verwandelt
wurde, wie berichtet wurde. Man sah sich gezwungen, zu Massenbegräb-
nissen überzugehen. Die Säuglingssterblichkeit lag bei nahezu 100 Prozent.
Es ist somit ein Wunder, daß ich - 1944 geboren - im März und April 1945
die wochenlange Flucht aus dem berüchtigten militärischen "Kessel von
Heiligenbeil" über Pillau und Hela nach Dänemark und die dortige
Internierung bis Ende 1948 überlebt habe. Die Babies und viele Klein-
kinder erlagen den Strapazen der Flucht. Noch während der Zeit der
deutschen Besatzung starben vom Februar bis 5. Mai 1945 6.580 deutsche
Flüchtlinge, darunter 4.132 kleine Kinder. Vom 6. Mai bis 30. Juni starben
weitere 4.362 Flüchtlinge, darunter 2 408 Kinder. Auch für die meisten
von ihnen waren noch allein die deutschen Ärzte verantwortlich, da nach
der deutschen Kapitulation die Dänen die Aufsicht erst nach einer Über-
gangsphase ab Juni 1945 übernommen haben. Somit sind unter der
alleinigen Verantwortung der deutschen Ärzte von Februar bis Ende Mai
1945 etwa 5.200 Kinder gestorben, im ganzen Jahr 1945 waren es 7.746
deutsche Kinder. Das große Sterben war im Sommer 1945 abgeebbt und
ab 1946 die Sterblichkeit aller deutschen Flüchtlinge stark gesunken.
Somit kann man nicht die dänischen Ärzte für das große Kindersterben
im ersten Halbjahr 1945 verantwortlich machen.

Die Vorgänge in Dänemark 1945 und danach müssen unter Beachtung
der Tatsachen und vor dem Hintergrund der historischen Situation unvor-
eingenommen beurteilt werden - nicht mit ideologischen Scheuklappen.

Manfred Böttcher

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Sie dürfen den genannten Text über die Lage der deutschen Flüchtlinge
auf Ihrer Internetseite einstellen. Manfred Böttcher
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