Riga - die kühnste Gründung im Osten.

Riga - die kühnste Gründung im Osten.

Beitragvon -sd- » 25.10.2016, 10:33

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Rote Schwerter und Kreuze in Riga. Die kühnste Gründung im Osten.
Des Bischofs Kriegsschiffe in der Düna. Die Stadt der Schwertbrüder.


Als Riga 1207 das deutsche Lehensrecht beantragte und erhielt, war es erst
sechs Jahre alt und bestand aus Holzhäusern, wie zuerst alle deutschen
Kolonisationsorte im Osten. Doch es war sich seiner kommenden großen
Bedeutung von der ersten Stunde an bewusst. Sieben Jahre vorher war eine
Flotte von 23 bewaffneten Schiffen in der Dünamündung erschienen. Ihr
Befehlshaber, Bischof Albert, ein niedersächsischer Adliger, bezeichnete
einen noch unbebauten Ort als Standort einer deutschen Ansiedlung. Im
Sommer darauf wurde hier die Erbauung Rigas begonnen. Der sichere Blick
des Kolonisators hatte sofort einen Platz gefunden, der seither geschichts-
trächtiger Schlüsselpunkt des baltischen Raumes geblieben ist.

Unter allen Gründungen der Deutschen im Osten war Riga die kühnste.
Keine andere entstand auf einer von Menschen bis dahin unbewohnten
Stelle. Und es war ein mehr als wagemutiger Entschluß der Niedersachsen,
Westfalen und Lübecker, sich tausend Kilometer entfernt vom einzigen
Ostseehafen des Reiches Lübeck anzusetzen, unter Überspringung ganz
unerschlossener Gebiete wie Preußens und des kriegerischen Litauens.
Erst eine Generation später begann der Deutsche Orden vom Hause Marien
die Inbesitznahme des Preußenlandes. So war Riga noch kaum vier Jahre alt
und eben befestigt, als es den ersten Ansturm der Litauer zu bestehen hatte
und bestand.

Rote Schwerter und rote Kreuze auf den Mänteln trugen die Ritter des Schwert-
brüderordens, den Bischof Albert sogleich nach der Gründung seiner Stadt zum
Schutz der livländischen Erwerbungen ins Leben rief. Für ihn und die Ritter
galt vom ersten Tage, daß die Annahme der christlichen Taufe, die sie in Liv-
land betrieben, gleichbedeutend war mit der Anerkennung deutscher politischer
Oberhoheit. In der damaligen Anschauung war diese Koppelung, die wir heute
nicht mehr kennen, eine nicht nur von den Deutschen ausgeübte Selbstverständ-
lichkeit. Die Ritterschaft ganz Europas ist im Heiligen Lande nicht anders verfah-
ren.

Dem Recht nach hat der Schwertbrüderorden nur dreißig Jahre bestanden. Er
erlitt 1236 in Schaulen eine lebensgefährliche Niederlage durch die Litauer.
1237 fertigte Papst Gregor zu Viterbo eine Urkunde aus — in der geschwungenen,
eleganten Schrift damaliger Kanzleien italienischen Stiles — durch die er den
Schwertbrüderorden mit dem Deutschen Ritterorden vereinigte. Wäre diese
Verschmelzung glatt von statten gegangen, so könnte man heute die 720.
Wiederkehr eines glücklichen Tages in der nordostdeutschen Geschichte feiern.
So aber wurde daraus eher ein Tag des Unheils. Zwischen den Deutschrittern,
den Schwertbrüdern und dem Rigaer Erzbischof brannten Generationen lang
Probleme, von denen der Norden widerhallte und die es nicht zu einem wirkungs-
vollen gemeinsamen Vorgehen der deutschen Gründungen kommen ließen.
Als später das Rittertum in Preußen seinen Todeskampf gegen Polen und
Litauen focht, blieben die Livländer beiseite. Dafür überlebte ihre Ritterschaft
den Untergang des preußischen Ordensreiches ... und fiel im 17. Jahrhundert
den Stürmen eines neuen Reichs allein zum Opfer, den Angriffen des Reichs
Moskau.

Die Stadt Riga jedoch überstand alle Umwälzungen in unbeirrbarer Lebenskraft.
Papst, Kaiser und später der Zar bestätigen immer wieder aufs Neue ihre Privi-
legien — und ihr Deutschtum. Hier hatte ein genialer Städtegründer einen Ort
gefunden, der die Lebenslinien eines weiten Raumes ganz zwangsläufig an sich
zog. Vom ersten Jahrzehnt ihres Bestehens an wurde die Stadt Riga zum Nadelöhr,
durch das der Rußlandhandel des ganzen Landes an Düna und oberem Dnjepr
hindurchlief — und so ist es heute noch und wieder.

Ende 1915 verließ Wilhelm von Bulmerincq, das letzte deutsche Stadtoberhaupt
von Riga, seine Stadt — ausgewiesen. In Sibirien, später in Finnland, zuletzt in
Stettin hat er unermüdlich für seine Landsleute gewirkt. Aber Rigas deutsche
Geschichte war und blieb ununterbrochen. Die Zeit der bis dahin kaum bekannten
nationalen Verhetzungen hatte im ersten Weltkrieg begonnen. Das Dritte Reich,
das gerade im Osten für die Geltung des Deutschtums zu streben vorgab, zog den
vorläufigen Schlußstrich. Seither ertragen die Völker der baltischen Familie die
bittere Erfahrung, daß die nationale Zersplitterung der kleinen Völker in unserem
Jahrhundert gerade in die Tyrannis der Großen führt.

In Westdeutschland, in Amerika, zu Zehntausenden auch in Skandinavien warten
die deutschen Balten darauf, was das weitere Schicksal ihrer Heimat, der
Gründung ihrer Vorfahren, sein wird. (VDA)

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, April 1958

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