Das Schicksal einer Tilsiter Schifferfamilie.

Informationen im Zusammenhang mit der ehemaligen 'Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)' und späteren DDR.

Das Schicksal einer Tilsiter Schifferfamilie.

Beitragvon -sd- » 09.04.2019, 08:58

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Kurs in die Freiheit.
Das Schicksal einer Tilsiter Schifferfamilie.


Über den Elbstrom spannt sich bei Lauenburg eine moderne sachlich-zweckmäßige Stahlbrücke.
Etwa in zwei Kilometer Luftlinie stromaufwärts beginnt hinter einer Baumreihe die Sowjetzone.
Einige hundert Meter stromabwärts der Brücke liegen an einer Landzunge vertäut zwei 500-Tonnen-
Schleppkähne, die 'Wega' und 'Frieda'. Diese verhältnismäßig kurze Entfernung von der Zonen-
grenze bis zum jetzigen Anlegeplatz zurückzulegen, war für die beiden Schiffseigner und ihre
Angehörigen ein an die Nerven gehendes Abenteuer.

Die 'Wega' gehört dem ostpreußischen Landsmann Preukschat, die neben ihr liegende 'Frieda'
dem Danziger Paul Bauermeister. Beide unternahmen in der Nacht vom 20. zum 21. Januar das
Wagnis, mit ihren Fahrzeugen auf der Elbe nach Westen durchzubrechen.

In der geräumigen Kajüte seiner 'Wega' erzählt Landsmann Paul Preukschat von den Haupt-
stationen seines Lebensweges. Wir hören das Schicksal eines Grenzlandkindes. 1903 wurde
der heutige Schiffseigner in Schmalleningken, Kreis Tilsit-Ragnit, geboren. Sein Schulbesuch
wurde durch den Kriegsausbruch von 1914 jäh unterbrochen. Der Vater zog den feldgrauen Rock
an, um die bedrohte Heimat als Soldat zu verteidigen, und es sollten fünf lange Jahre vergehen,
bis er seine Familie wiedersah, denn die nach Ostpreußen eingedrungenen Russen schleppten
die alleingebliebene Frau mit ihren fünf Kindern weg. Bis 1919 wurden die Sechs als Zivil-
gefangene in Sibirsk an der Wolga zurückgehalten. Die Wirren und das Elend während der
bolschewistischen Revolution von 1917 erlebte der Fünfzehnjährige im Interniertenlager. Die
Rationen wurden immer knapper; schließlich blieben sie ganz weg. Nur durch harte Arbeit
konnten sich Mutter und Kinder einige Gramm Brot verschaffen. Als 1919 die Familie zurück-
kehrte, erkannten die Kinder den Vater nicht wieder — Grenzkinderschicksal !

Paul Preukschat arbeitete zunächst im Sägewerk Kallwehlen, ehe er sich entschloß, den
einstigen Beruf des Vaters zu wählen und auch Schiffer zu werden, denn 1913 hatte dieser
ein bäuerliches Grundstück in Schmalleningken erworben. Paul Preukschat fuhr in Litauen
als Bootsmann von Georgenburg die Strecke Danzig—Kaunas. Er bestand das Schiffsführer-
examen und holte von Hamburg den Flußdampfer 'Laisve' (Freiheit), den er bis 1928 als
Kapitän steuern sollte. Durch eiserne Sparsamkeit hatte er einen Betrag zusammengebracht,
der ihm 1928 den Erwerb eines eigenen Kahns erlaubte. Seit diesem Jahr ist er Schiffseigner,
als Heimathafen wählte er Tilsit. Aus Kamstigall holte er sich seine Frau Hedwig, geborene
Lapehn. Von den fünf Kindern sind noch der fünfzehnjährige Werner und der fünfjährige Jürgen
am Leben. Frau Preukschat starb 1949.

Sie hatte eine schwere Zeit allein durchzustehen, denn 1945 mußte ihr Mann zurückbleiben.
Seine Frau brachte das Fahrzeug mit Maschinenteilen der Zellstoff-Fabrik Waldhof-Tilsit nach
Neu-Wutzen an der Oder. Hilfe leistete ihr der Bruder Otto Lapehn, der mit seinem in Memel
beheimateten kurischen Reisekahn 'Baldur' die Fahrt mitmachte. Auch die Schwester war bei
dieser Reise mit; sie wirtschaftet heute an Bord der 'Wega'. Der Schiffer Otto Lapehn ist später
verschollen.

In den Oderhäfen lagen um die Zeit des Kriegsendes tausende von Schleppkähnen. Vergebens
versuchten die meisten Schiffer, nach Westen zu entkommen. Im Trebelsee sollen sich damals
fünftausend Kähne zusammengeballt haben, die den Russen als willkommene Beute zufielen.
Diese nahmen die Schiffe den Eignern weg und ließen sie nach der Sowjetunion abschleppen.

Dreitausend Fahrzeuge in Königsberg.

Einige dieser Kähne wurden nach Königsberg gebracht und dort überholt. Gerd Bauermeister,
der Sohn des Danziger Eigners der 'Frieda', berichtet hierüber: „Als verwundeter Soldat geriet
ich in meiner Heimatstadt Danzig in russische Kriegsgefangenschaft. Ich wurde im April 1946
nach Königsberg in das Kriegsgefangenenlager 382 gebracht, das sich am Hafenbecken IV
befand. Als Schifferkind sah ich besonders nach den Schiffen, die auf dem Pregel lagen. Ich
schätze, daß zu jener Zeit gut dreitausend kleinere Dampfer, Schleppkähne, Motorboote und
andere Fahrzeuge von den Russen zusammengezogen waren. Diese wurden in Königsberg see-
tüchtig gemacht, ihre Motoren überholt oder neue eingebaut. Nach solchen Reparaturarbeiten
wurden die Fahrzeuge bis Leningrad weitergeschleppt. Wir Kriegsgefangene mußten das aus
der Ostzone herausgeführte Beutegut umladen.

Es war uns streng untersagt, mit der deutschen Zivilbevölkerung irgendwelche Verbindung auf-
zunehmen; es geschah aber doch. Mit Trauer und Grimm sahen wir das Hinsterben der Königs-
berger Bevölkerung. Unsere russische Bewachungsmannschaft rührten Elend und Not nicht;
im Gegenteil, sie äußerten sogar: „Noch sind viel zu viel Deutsche auf der Welt !"

Im Juni 1947 kam ich von Königsberg nach Tiflis. Meine Leidenszeit als Kriegsgefangener sollte
insgesamt dreieinhalb Jahre dauern“.

Landsmann Preukschat mußte ebenfalls Beutegutfrachten im Auftrag der russischen Besatzungs-
behörden fahren. Er hatte nach dreizehnmonatlichem Herumirren Familie und Kahn bei Tanger-
münde wiedergefunden. Die Russen hatten sein Fahrzeug nicht weggenommen. Da sein damaliger
Kahn aus Holz gebaut war, hatten sich in der Sommerhitze die Nähte gelockert, und die russische
Kommission hielt das Schiff für unbrauchbar; sie wusste nicht, daß die Fugen sich im Wasser wieder
schließen.

Von Dresden bis Stettin wird das "Reparationsgut" transportiert, und mit jeder Schiffsfracht wird die
Ostzone ärmer gemacht. Diese Fahrten sind bei den Schiffern höchst unbeliebt, die wehrlos den bei
Greifenhagen und Ziegenort an Bord kommenden polnischen Zollbeamten ausgeliefert sind. Die
Polen erscheinen bei diesen Zollkontrollen in der Stärke von fünfzehn bis siebzehn Mann und durch-
schnüffeln das ganze Schiff, heben Bretter und Planken auf und nehmen mit, was nicht niet- und
nagelfest ist. Nichts ist vor ihnen sicher. Besonders haben sie es auf Feilen, Nägel, Hämmer und
Zangen abgesehen. Handwerkszeug ist im polnischen Verwaltungsgebiet genau so rar wie in der
Sowjetzone. Beschuldigen kann man kaum einen der polnischen Beamten, da man sie in der Uni-
form nicht gleich wiedererkennt und da bei derartigen "Enteignungen von deutschem Eigentum"
einer für den anderen schmiere steht. Uhren und Ringe schätzen sie auch sehr; doch die Schiffer
sind schon gewitzt und legen derartige Dinge in ein sicheres Versteck.

Wie die von den Moskauer Beauftragten in höchsten Tönen gepriesene 'deutsch-polnische Freund-
schaft' in Wirklichkeit aussieht, erfahren die Oderschiffer tagtäglich. Gerd Bauermeister hat in seiner
Kammer auf der 'Frieda' ein Bild von seiner Vaterstadt Danzig hängen. Als die polnischen Zöllner das
Foto erblickten, tobten sie vor Wut und beschimpften ihn mit „Du deutsches Schwein" — ein Beweis
der 'deutsch-polnischen Freundschaft'.

„Ein Schiffseigner in der Sowjetzone lebt schlechter als ein Arbeitsloser im Westen", berichtet Lands-
mann Preukschat. „Trocken Brot und Kartoffeln, mehr konnten wir uns nicht leisten“. Die Schiffer
sollen mit allen Mitteln gezwungen werden, ihre Fahrzeuge aufzugeben und sie der DSU („Deutsche
Schiffahrts-Umschlagsgesellschaft") abzutreten, die ein 'volkseigenes Unternehmen' ist. Einer nach
dem anderen wird kirre gemacht und bewußt zur Verzweiflung getrieben. Das zur Erhaltung des
Fahrzeugs notwendige Material, wie Kienteer, Öl, Farbe, Drahtnägel und anderes wird dem Schiffs-
eigner nicht geliefert. Er muß Schleusen- und Schleppgelder bezahlen; das ihm zustehende Fracht-
geld wird aber völlig willkürlich, mitunter bis auf die Hälfte der Summe, gekürzt. Immer höher schraubt
das Finanzamt seine Forderungen. Ein privater Schiffer kann kaum noch die Zahlungen aufbringen. In
weitesten Kreisen des Westens scheint es unbekannt zu sein, daß die Bewohner der Sowjetzone die
am stärksten mit Steuern und Abgaben belasteten Menschen in der ganzen Welt sind. Sieben Jahre
bin ich auf Oder und Elbe gefahren, mußte mich abrackern, hungerte und war ständig unter Druck.
Ich hatte es satt bis oben“.

Im November hatte Landsmann Preukschat Ladung für Stralsund, dort erhielt er als Zwangsfracht
Kreide nach Boizenburg. Den privaten Schiffseignern werden stets die unrentabelsten Reisen und
Frachten angehängt; Proteste nützen nichts. Die Augen des Schiffers aber leuchteten, als er den
Namen Boizenburg hörte, denn Boizenburg liegt an der Elbe und einige Kilometer hinter der Stadt
endet das Gebiet der Willkür.

Auch der Danziger Kollege Paul Bauermeister mußte Kreide an Bord nehmen. Die beiden Kollegen
kannten sich bis dahin nicht, und jedes offene Wort ist jenseits der Elbe gefährlich. Doch der Danziger
ist ein Menschenkenner. Er sah Paul Preukschat fest ins Auge und sagte unumwunden: „Wenn ich
in Boizenburg bin, reiße ich aus !" Da faßte der Tilsiter die Hand des Danzigers und erwiderte:
„Ich halte mein Wort ! Ich komme mit, und wenn‘s auf Biegen und Brechen geht“.

Fahrt in die Freiheit.

Die Fracht wurde in Boizenburg ausgeladen; die Schiffer vertäuten die Kähne miteinander durch Draht-
taue. Nicht lange mehr konnten sie in dem Hafen bleiben; wollten sie fort, dann mußten sie handeln !

Das waghalsige Unternehmen gelang in der Nacht vom 20. zum 21. Januar. Der Himmel war bezogen,
und ein heftiges Schneegestöber nahm den ausspähenden Wachtposten der Volkspolizei auf den
hohen Wachttürmen beiderseits der Elbe die Sicht. Aber die Wachtboote der sowjetzonalen Polizei
wurden durch das Wetter nicht gehindert, was die Schiffer mit Erschrecken spüren sollten.

Die Kähne hatten keine Fracht und schwammen leer auf der Elbe. Die Schiffsführer verloren bei dem
heftigen Wind die Gewalt über ihre Fahrzeuge; diese wurden gegen eine Buhne — 'Spickdamm' sagten
wir in Ostpreußen — gedrückt. Alle Mühe, die Kähne wieder flott zu bekommen, blieb ohne Erfolg. In
dieser Lage beunruhigte die geängstigten Menschen, der Scheinwerferkegel eines von Osten heran-
nahenden Fahrzeugs. Befanden sie sich bereits auf westdeutschem Gebiet oder mußten sie befürchten,
in der Ostzone als Ausreißer verhaftet zu werden ? Die Schiffer hatten angenommen, daß die Grenze
zwei Kilometer westlich Boizenburg verläuft, in Wirklichkeit waren es aber sechs Kilometer !

Die Bauermeister verließen mit Fräulein Lapehn und dem ältesten Sohn Preukschats die Schiffe und
retteten sich in die Büsche am Ufer. Landsmann Preukschat blieb mit seinem jüngsten, fünfjährigen
Sohn auf der 'Wega' zurück und stellte sich schlafend, als er die schweren Schritte der an Bord kom-
menden Volkspolizeibeamten vernahm. Er wurde verhört, ein Versuch, im Beiboot zu entkommen, von
den Volkspolizisten mit Schußandrohung verhindert; doch gelang es ihm, mit der Laterne ein Warn-
zeichen nach dem Ufer zu geben. Von der Besatzung des sowjetzonalen Wachtbootes wurden zwei
Mann an Bord der 'Wega' zurückgelassen, das Boot selbst kehrte nach Boizenburg zurück, um Ver-
stärkung heranzuholen.

Inzwischen gelang es Gerd Bauermeister, ein auf der Elbe Streife fahrendes Wachtboot des Bundes-
zollgrenzschutzes vom Ufer aus anzurufen. Er bat dessen Besatzung um schnellste Hilfe. Das Boot
nahm Kurs auf die Kähne, und unvermutet sahen sich die beiden dort zurückgelassenen Volkspolizisten
den westdeutschen Beamten gegenüber. Es entstand eine kritische Situation. Die Volkspolizisten
spielten an ihren Karabinerschlössern.

Von beiden Seiten trafen Verstärkungen ein. Zwei Grenzkommissare von hüben und drüben verhandelten
von Mitternacht bis morgens um fünf unter Deck. Vergebens versuchte der Sowjetzonale Kommissar die
Kähne als "volkseigenes Gut" hinzustellen; er konnte leicht überführt werden, denn die Schiffspapiere
bewiesen einwandfrei, daß die Fahrzeuge Privateigentum sind. Der westdeutsche Kommissar setzte
mit Entschiedenheit den Standpunkt des Rechts durch. Er belehrte seinen Verhandlungspartner, daß
sich die Kähne auf westdeutschem Gebiet befänden und landfest gemacht seien. Die Volkspolizei zog
sich von Bord zurück.

Mittlerweile hatte Paul Bauermeister Schlepperhilfe aus Lauenburg herbeigeholt, und um 10 Uhr morgens
wurden die beiden Kähne in Richtung Lauenburg abgeschleppt. Zwei westdeutsche Boote gewährten ihnen
hierbei den sehr notwendigen Schutz, denn in nur drei Meter Abstand setzten die Volkspolizisten auf ihren
Booten 'Friedenskämpfer' und 'Helgoland' nach. Die Situation war noch immer kritisch, denn die Verfolger
hatten nicht übel Lust, sich mit Gewalt der Fahrzeuge zu bemächtigen. Nur die feste Haltung der west-
deutschen Beamten, die ihre Feuerwaffen bereithielten, vereitelte ihr Vorhaben. Schließlich gaben die
Volkspolizisten das Rennen auf und zogen ab.

„Wir können den Beamten vom Grenzzollamt Hohnsdorf nicht genug danken", beteuern beide Schiffer,
die einige Tage Ruhe brauchten, um die seelischen Aufregungen dieser Nacht zu überwinden. Über ihr
zukünftiges Schicksal machen sie sich wenig Sorgen. Verwöhnt sind sie nicht, und arbeiten wollen sie.
„Die Hauptsache ist, daß man wieder freie Luft atmen kann“.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 5. Februar 1952

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