Spätverschollene der Jahre 1947 bis 1953.

Überwiegend ostpreußische Landsleute, die nach sowjetischer Gefangenschaft im Grenzdurchgangslager Friedland eintrafen. Quelle: Ostpreußenblatt 1954 und 1955.

Spätverschollene der Jahre 1947 bis 1953.

Beitragvon -sd- » 09.04.2017, 08:06

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Heimkehrertransporte laufen.

Sowohl im sowjetzonalen Entlassungslager Fürstenwalde als auch direkt
in Herleshausen und Friedland trafen in der vorigen Woche eine Reihe
neuer Transporte von Heimkehrern ein. Bei Redaktionsschluß dieser Aus-
gabe sind noch einige weitere Transporte unterwegs. Heimkehrer, die am
letzten Freitag in Friedland ankamen, berichteten, daß ihnen die sowjeti-
schen Bahnbeamten erzählt hätten, es seien neben ihrem Transport noch
drei weitere Züge mit Heimkehrern, ehemaligen Soldaten und Zivilinter-
nierten im Anrollen. Bereits am Mittwoch war in Fürstenwalde ein Trans-
port von 150 früheren Soldaten und rund 340 Zivilinternierten eingetroffen.
Diese berichteten, daß während der siebenwöchigen Unterbrechung der
Entlassungsaktion im Lager Swerdlowsk noch fünf Gefangene gestorben
sind. 155 Heimkehrer aus diesem Transport begaben sich nach Herles-
hausen und Friedland, 94 direkt nach Westberlin. Bei diesem Transport
befand sich auch Generalvikar Dr. Aloys Marquardt vom Bistum Ermland.
Die Namen der inzwischen eingetroffenen ostpreußischen Heimkehrer
bringen wir, soweit sie bisher festgestellt werden konnten, in dieser Folge.
In einem Transport von 608 ehemaligen Soldaten und Zivilinternierten,
der in Friedland empfangen wurde, befanden sich u. a. der frühere Luft-
hansadirektor Luz, der 1945 in Berlin verhaftet wurde, ferner der spani-
sche Kapitän Roca, der nach seinen Angaben der letzte Angehörige der
spanischen Blauen Division war, der noch in sowjetischer Gefangenschaft
weilte. Zum Empfang dieser Heimkehrer hatte sich unter anderen der
päpstliche Nuntius Erzbischof Muench eingefunden, der den Heimkeh-
renden die besonderen Glück- und Segenswünsche auch des Papstes
übermittelte. Einige Heimkehrer erklärten, zum Jahresende sei auch mit
der Rückführung von mehreren hundert Gefangenen zu rechnen, die die
Sowjets als sogenannte "Schwerkriegsverbrecher" bezeichneten und die
sie nicht formell entlassen wollten, sondern der Bundesregierung zur
Überprüfung der Fälle übergäben.

Der Suchdienst des Roten Kreuzes hat inzwischen mitgeteilt, daß er
lange Listen der sogenannten Spätverschollenen zusammengestellt hat.
Hier handelt es sich um jene Gefangenen, die in den Jahren 1947 bis
1953 ihren Angehörigen noch geschrieben hätten oder die von Kame-
raden in dieser Zeit nachweislich noch gesehen wurden. Man hoffe,
daß nicht alle von ihnen ums Leben gekommen seien. Es solle alles
geschehen, um auch jene Deutschen wieder in die Heimat zurückzu-
führen, bei denen die Sowjets die Staatsangehörigkeit bezweifelten
und die zunächst als Sowjetbürger behandelt wurden. Eine Reihe der
in Rußland Zurückgebliebenen wohnte wohl auch so verstreut, daß sie
keine Möglichkeit gehabt hätten, sich irgendwie zu melden. Zurzeit sind
beim Roten Kreuz nahezu hundert geschulte Kräfte damit beschäftigt,
diese menschlich so wichtige Aufgabe zu lösen.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 24. Dezember 1955

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Die letzten Wochen.

Wieder steht Friedland im Mittelpunkt des Geschehens. Am 20. Oktober
dieses Jahres war auf einen sowjetischen Befehl hin die angelaufene Groß-
aktion zur Rückführung der letzten deutschen Gefangenen und Zivilver-
schleppten aus der Sowjetunion urplötzlich abgebrochen worden. Ver-
zweifelt warteten die Angehörigen auf ihre Heimkehrer, die ihre Rückkehr
teilweise bereits durch Telegramme angekündigt hatten.
Noch verzweifelter waren allerdings die Heimkehrer selbst, die bereits seit
Tagen in ihren Güterzügen auf dem Weg in die Heimat rollten und dann
plötzlich, gänzlich unerwartet, gestoppt und auf ein Abstellgleis geschoben
wurden. Oder die zur Abfährt bereit standen, die man schon zu "freien
deutschen Bürgern" erklärt hatte, die ohne Bewachung ausgehen durften,
und die man nun wieder in Lager einsperrte und zurückhielt.

Als am 13. Dezember innerhalb von zwölf Stunden zwei Transporte aus
der Sowjetunion in Friedland ankamen und als damit endlich das Wieder-
anlaufen der Entlassungsaktion begann, da erfuhren die Tausende, die
sich trotz eisiger Kälte zum Empfang eingefunden hatten, daß diese letzten
acht bis neun Wochen die schwerste Zeit der über zehnjährigen Gefangen-
schaft für die Heimkehrer gewesen sind.

Die 597 ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen, die am 13. Dezember
überglücklich in Friedland eintrafen — inzwischen sind es viel mehr
geworden —, waren bereits am 10. Oktober 1955 aus dem Entlassungs-
lager 5110/22-28 Swerdlowsk abgefahren. Nach vier Tagen, als der Trans-
port bereits 120 Kilometer westlich von Moskau war, kam der zunächst
noch gar nicht faßbare Befehl, den Transport sofort zu stoppen. Auf der
Station Moschajsk war die Fahrt in die Heimat zu Ende. Als die deutschen
Landser dann ihre wenigen Habseligkeiten zusammenpacken mußten, als
sie noch schlaftrunken aus ihren molligwarmen Waggons mit überheizten
Öfen in die Nacht hinaustorkelten und sich dann in einem gerade von
sowjetischen Frauen geräumten Barackenlager, das mit Stacheldraht um-
geben war und von Posten mit Hunden bewacht wurde, wiederfanden, da
kam ihnen so recht zum Bewußtsein, wie sehr sie der Freiheit, der Heimat,
dem Zuhause entgegengefiebert hatten.

Warum durften sie, die doch "freie Bürger" waren, nicht nach Hause fahren ?
Warum wurde der Transport so plötzlich gestoppt ? Immer wieder fragten
sie es sich, immer wieder verlangten sie Aufklärung von den sowjetischen
Dienststellen. Ein Vertreter des sowjetischen Innenministeriums erklärte
ihnen dann, Adenauer habe die seinerzeit in Moskau eingegangenen Ver-
pflichtungen nicht eingehalten.

Die nervöse Spannung, die fieberhafte Unruhe unter den Heimkehrern blieb
auch, obwohl sie keine Kriegsgefangenenverpflegung, sondern russische
Militärverpflegung erhielten, obwohl sie die Möglichkeit hatten, täglich
im Lager Kinovorstellungen zu besuchen, obwohl sie äußerst vorsichtig
behandelt wurden und obwohl man ihnen versicherte, der einmal vom
Obersten Präsidium der Sowjetunion gegebene Befehl würde unbedingt
eingehalten werden.

Niemand arbeitete im Lager, die Nerven waren zum Zerreißen gespannt.
Alle hofften, hofften. Die Tage wurden zur Ewigkeit, bis endlich, endlich am
8. Dezember die Fahrt in Richtung Westen fortgesetzt wurde. Vier Kameraden
blieben in letzter Minute zurück, einer mußte zur Operation, die drei anderen
sollten noch einmal "überprüft" werden. Es war ein erschütternder Abschied
von ihnen.

Dann ging es ohne Pause gen Westen. Tränen der Rührung und der Freude
standen den leidgeprüften Männern in den Augen, als sie auf dem großen
Lagerplatz in Friedland das erste Vaterunser voll Inbrunst beteten und aus
überglücklichem, dankbarem Herzen sangen: „Nun danket alle Gott."

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 24. Dezember 1955

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