Die Schotten in Ostpreußen.

Die Schotten in Ostpreußen.

Beitragvon -sd- » 15.12.2014, 18:06

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Dr. Franz Philipp 'Die Schotten in Ostpreußen.'

Der Raub des schottischen Krönungssteines brachte vor kurzem die alten noch immer nicht begrabenen Gegensätze
zwischen Schotten und Engländern wieder an das Licht der Weltöffentlichkeit. In früheren Jahrhunderten haben
diese Gegensätze immer wieder in kriegerischen, religiösen und wirtschaftlichen Verwicklungen dazu beigetragen,
daß ungezählte Schotten die Heimat verließen, die die Fülle ihrer Kinder ohnehin nicht ernähren konnte.

Der Ruhm schottischer Krieger aus dem "Rekrutendepot Europas" ist von der Geschichtsschreibung nicht vergessen
worden. Ich erinnere nur an Jakob Keith, den Feldmarschall Friedrichs II. Aber von den vielen Tausenden schottischer
Emigranten, die über die Küsten des Baltischen Meeres vor allem in Ostpreußen eine neue Heimat fanden, weiß die
Historie weniger laut zu melden. Dabei haben vor allem schottische Kaufleute, aber auch Geistliche und Gelehrte,
Handwerker und Landwirte zweifellos einen gewichtigen Anteil am Aufstieg unseres Landes gehabt. Sie haben sicher
auch zur Formung des ostpreußischen Volkscharakters beigetragen. Bearbeiter der schottischen Emigration urteilten,
daß etwa die eigentümliche Verbindung von Scharfsinn und Starrsinn, die die Einwohner ostpreußischer Kleinstädte
nach ihrem Eindruck kennzeichnete, ihre Wurzel in der natürlichen Veranlagung der Schotten habe. Wahrscheinlich
rechnen die Nachkommen jener schottischen Einwanderer unter den heutigen Heimatvertriebenen nach Zehntausenden.
Mit ihrem Einzug in die westdeutschen Länder beginnt ein neues Kapitel schottischer Emigrationsgeschichte, das freilich
die wenigsten von ihnen im Kampf um die nackte Existenz bewußt erleben dürften und das man im Westen gar nicht
erfaßt, weil man nicht gewohnt ist, den tieferen Ursprüngen unseres ostdeutschen Volkstums nachzugehen.

Die schottischen Ritter, die seit dem 13. Jahrhundert in den Ordensheeren kämpften, und die schottischen Kaufleute
und Siedler, die zur Zeit des Höhepunktes der Einwanderung im 16. und 17. Jahrhundert sich seßhaft machten, wirk-
ten unter dem bodenständigen altpreußisch-deutschen Volkstum anfänglich noch recht fremdartig und wurden in
unterschiedlicher Weise aufgenommen und willkommen geheißen. Die regierenden Herren, die Hochmeister des
deutschen Ordens und später die Herzöge und Kurfürsten, erkannten wohl zuerst, welche wirtschaftlichen Antriebe
von den überseeischen Einwanderern für Preußen zu erwarten waren, und förderten die Ankömmlinge nach Kräften.
Herzog Albrecht, der mit Mitarbeitern Luthers in seinem Herzogtum die Reformation einführte und damit anderen
deutschen Landesfürsten voranging, schreibt z. B. am 9. September 1549 an Kasper Nostiz:

„Es ist allhier bei Uns gegenwärtig Zeiger Wilhelmus Skotus erschienen und hat vermeldet, wie ehr aus Schottland
umb des Evangelii vertrieben, unns auch umb eine gnedige Steuer zu seiner Unterhaltung gebeten, als haben wir
aus gnaden ein Chleydlin desgleichen 4 Gulden zur Zehrung geben zugesagt. Ist demnach unser Bevhell du wollest
Ihme ein Gheydlin daneben die 4 Gulden aus der Kammer geben lassen."

Die einheimischen Kaufleute aber, besonders in den Seehäfen Königsberg und Danzig, sahen in den schottischen
Kaufleuten ihre unbequemen Konkurrenten. Hart und rigoros sind die unzähligen Ratsbeschlüsse, die die Handels-
freiheit der Schotten einengen und Beschlagnahme der Waren, Gefängnisstrafe, ja Landesverweisung androhen.

1557 beklagt sich der Schotte Thomas Gebsen (Gibsen) beim Herzog. Sein Brief lautet verkürzt und frei erzählt:
„Als ich vergangene Weihnachten zum Jahrmarkt in Rastenburg war, kam der Bürgermeister mit anderen vom
Magistrat, um meine Maße und Gewichte zu prüfen. Er fand alles in Ordnung, fragte mich aber: "Was tust du hier ?"
Ich antwortete, daß ich etwas Geld machen möchte. Da fing er an: "Du weißt doch, daß dir das Herzogtum
verboten ist; weil du gegen dieses Gebot gehandelt hast, wird all dein Gut beschlagnahmt." Als ich antwortete,
ich wüßte wohl, daß es verboten sei, zu handeln von Dorf zu Dorf und meine Waren den Bauern zu verkaufen,
aber daß es uns auch untersagt wäre, zu den freien Jahrmärkten in den Städten zu gehen, davon wüßte ich nichts,
stürzte er sich in Wut auf mich, nahm mir alles, was ich besaß und warf mich in ein schlimmes Gefängnis, wo ich
14 Tage verblieb und fast verhungerte. Zuletzt mußte ich meine Finger durch ein Loch in der Gefängnismauer
stecken und einen Eid schwören, daß ich auf der Stelle das Land verlassen und nimmer zurückkehren würde.
Der Bürgermeister behielt meine Waren und mein Geld, und ich war gezwungen, in elender Weise, um Brot
bettelnd, aus dem Lande zu gehen."

Der lutherische Bischof Paul Speratus (bekannt als Sänger der Reformation, Ostpr. Ges. B. Nr. 278) nahm sich des
Schotten an; der Herzog ließ sich berichten. Obwohl die Quelle abbricht, dürfen wir hoffen, daß Gebsen sein Recht
wurde.

Nur der unverdrossenen Energie der schottischen Kaufleute, verbunden mit physischer Ausdauer und persönlichem
Mut (viele wurden auf den Landwegen der unerschlossenen baltischen Gebiete beraubt und erschlagen) ließen sie
alle Widerstände am Ende doch überwinden. Erlangten sie endlich, oft erst in der 2. oder 3. Generation, das Bürger-
recht, so fanden sie durch Heirat auch Zugang zu Besitz und Ehrenstellungen im Lande ihrer Wahlheimat. Ein Teil
wurde sogar in den Adelsstand erhoben. Die preußischen Grafen Douglas stammen z. B. von dem Handelsmann
Douglas aus Schippenbeil ab.

In den kleinen Binnenstädten und besonders beim ostpreußischen Landvolk waren die schottischen Kaufleute von
vornherein lieber gesehen. Sie scheuten sich nicht, als "Paudel- und Tabulettkrämer" zu Fuß oder mit einem Pferde-
karren weit über Land zu ziehen und schottische Tuche und Kleinwaren aller Art bis ins abgelegenste Dorf zu bringen.
Schon in der Ordenszeit pflegte man, dort jeden dieser fliegenden Händler mit dem Ausdruck "Schotte" zu bezeichnen,
und der landläufige Anruf: "Warte bis der Schotte kommt !" war oft ein Ausdruck der Ermutigung, öfter aber ein
Schreckmitte! für nichtsnutzige Kinder.

Unter den schottischen Kaufmannsfamilien Preußens, den Anderson, Marshall, Ogilvie, Abernetti, Gibson, Kolborn,
Maclean, Muttray, Nelson u. v. a., sei hier die Familie Simpson, die sich von Memel aus über das ganze Herzogtum
Preußen ausbreitete, besonders erwähnt. Ihr entstammt der Schriftsteller William von Simpson, der in den Romanen
'Die Barrings' und 'Der Enkel' schottische Familiengeschichte auf ostpreußischem Boden zeichnet.

Soldaten erstellten neben vielen anderen die Familien Douglas, Hamilton, Barclay, Stuart, Ramsay, Karr (Kerr), Ross,
Mackensen (Mackenzie). 1390 oder 1391 kam bei einem Handgemenge zwischen englischen und schottischen Rittern
auf der Langenbrücke in Danzig der schottische Edelmann William Douglas ums Leben. Das hohe Tor in Danzig hieß
seit dem Jahrhunderte hindurch Douglastor und trug zur ehrenden Erinnerung das Familienwappen der Douglas.
Bei der Belagerung Danzigs durch den Polenkönig Sephan Bathory im Jahre 1577 errang sich der Oberst William
Stuart mit seinen 700 schottischen Söldnern die Dankbarkeit der Stadt. Wie er selbst der Gefahr, gefangengenom-
men zu werden, entging, berichtet der Chronist: "An dem Sonnabend ist auch der Schotten Oberster, ein feiner
und stattlicher Kriegsmann von königlichem Geschlechte mit seinen Pferden, die er gekauft hatte, vor die Stadt
spazieren geritten und tummelte sich bei dem Gebürge an der Bürgerschießschanze ... Wie aber der Feind solches
merkte, stürzte er aus dem Gebürge heraus und wollte ihn berennen. Er rannte aber flugs mit seinem Volk nach
dem Heil. Leichnamstor. Do durften sie nicht unter das Geschütz ebenteuern und zogen sich zurück."

Unter den gelehrten Berufen finden sich Namen wie Leslie, Patterson, Forster, Mitchell, Spalding (die Familie
des berühmten Aufklärungstheologen) u. a. m. Der große Königsberger Philosoph Immanuel Kant betonte seine
schottische Abstammung entschieden: "... daß mein Großvater ... aus Schottland abgestammt sey: daß er einer
von den Vielen war, die am Ende des vorigen oder im Anfange dieses Jahrhunderts aus Schottland, ich weiß
nicht aus welcher Ursache, in großen Haufen emigrierten, beweisen die dort (in Preußen) noch bestehenden
Familien der Simpson, (M)aclean, Douglas, Hamilton und andere mehr, unter denen auch mein Großvater
gewesen ... war mir längst gar wohl bekannt" (An Bishof Lindblom, den 13.10.1797).

Kants Großvater ist freilich schon in Ostpreußen geboren, so muß man den schottischen Stammvater weiter
rückwärts suchen. Als solchen spricht man seitens der Genealogie (Ostpr. Geschlechterbuch, Band 1) den
Schotten Hans Cant aus Danzig an, der seine Tochter 1635 an den Schotten Thomas Philipp verheiratete,
dessen Vater ebenda am 21. 3. 1621 das große Bürgerrecht erwarb und bereits 1626 starb.

Auf Kants schottische Abstammung deutet auch die Tatsache hin, daß seine Vorfahren reformiert waren.
Die presbyterianische Mutterkirche in Schottland verlor die religiöse Wohlfahrt ihrer Landsleute in Preußen
nicht aus den Augen; diese schlössen sich früh, wo es in größeren Orten nur anging, zu selbständigen
Gemeinden zusammen, oft in freundschaftlicher Nachbarschaft mit reformierten holländischen Siedlern
und französischen Hugenotten. In der Folgezeit ging freilich der überwiegende Teil der schottischen
reformierten Gemeinden im bodenständigen Luthertum Ostpreußens auf. Getragen wurden die schottischen
Gemeinden in kultischer und wirtschaftlicher Hinsicht von den "Bruderschaften" der schottischen Siedler,
für die 1616 Patrick Gordon in 80 Artikeln eine Verfassung zusammenstellte. Fünf Artikel derselben handeln
"de Divino cultu". Unentschuldigtes Fernbleiben vom sonntäglichen Gottesdienst und der Feier des heiligen
Abendmahls wird mit einer Geldbuße bestraft. Auch die Fürsorge für die alten, verarmten oder erkrankten
Landsleute wird in sieben Artikeln den Brüdern nachdrücklich ans Herz gelegt. Wie großzügig die Caritas
gehandhabt wurde, zeigt die Erbauung und reichliche Ausstattung besonderer "Schottenstuben" im
Königsberger Löbenichtschen Hospital durch die dortige "schottische Nation".

Eine große Zahl schottischer Emigranten folgte dem Rufe der Kirche zum Predigtamte. In Danzig wirkten
unter anderen David Grim (Graham), Jakob und Peter Buchan , Adrian Stoddart. In Elbing trat die Pastoren-
familie Achenwall hervor, der auch der berühmte Professor der Jurisprudenz Achenwall in Göttingen
entsprossen war. In Königsberg wirkten im 18. Jahrhundert Schotten aus den Familien Chrichton und
Thomsen als Hofprediger, Konsistorialräte und Professoren. Allgemeiner bekannt ist der Schotte Johann
Duräus (Dury) geworden, der in seinem ersten geistlichen Amt während des Dreißigjährigen Krieges
englische Ansiedler in Elbing betreute und dann in vielen europäischen Ländern für die Einigung von
Reformierten und Lutheranern wirkte. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte er in Hessen, wo
der Landgraf Wilhelm II. von Hessen-Kassel und dessen Witwe Hedwig-Sophie sein Lebenswerk nach Kräften
förderten.

Ost- und Westpreußen und die angrenzenden Gebiete sind für viele schottische, aber auch englische Kauf-
leute und Siedler das Australien und Kanada des 16. und 17. Jahrhunderts gewesen. Sie vermittelten ebenso
zwischen Ost und West wie das Netz schottisch-stämmiger Rektoren, Pastoren und Offiziere (Barclay de Tolly),
das den Ostraum bis nach Rußland hinein überspannte. Altem gälischen Brauch folgend, hielten sie auch bei
äußerster Armut auf ihre Familiensymbole, deren sich viele auf Siegeln und Steinen in Kirchen und Kapellen
erhalten haben: das Fallgatter der Spaldings, die ausgerissenen Wolfshäupter der Robertsons, der Eberkopf
der Ross, die Schlüssel der Gibsons, die Monde der Simpsons und viele andere mehr.

Dem Prozess der allmählichen Eindeutschung der schottischen Siedler ging parallel die Angleichung ihrer
Familien- und Rufnamen, bei der sich mitunter gälische Klänge verraten. So wurde aus Smith Schmidt, aus
Cook Kock oder Koch, aus Newman Neumann, aus Morris Moritz, aus Young Jung, aus Brown Braun, aus
Macmillan Machmüller, aus Hamilton Hammelthon, aus Finlayson Feinlosen, aus Somerfeld Sommerfeld.
Auch Namen mit polnischen und litauischen Endungen (Rossek, Cockranek, Tailarowitz) finden sich. So ist
es kein Wunder, daß viele der heutigen Heimatvertriebenen sich ihrer ursprünglichen Herkunft aus den
schottischen Hoch- und Niederlanden nicht mehr bewußt sind.

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Quelle: Ein lesenswerter Aufsatz aus der 'Ostpreußen-Warte', Februar 1951.
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