Donauschwäbische Bilanz. Der Weg einer Volksgruppe.

Familienforschung in den Ländern der ehemaligen K.u.K-Doppel-Monarchie.

Donauschwäbische Bilanz. Der Weg einer Volksgruppe.

Beitragvon -sd- » 02.12.2018, 11:08

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Donauschwäbische Bilanz - Der Weg einer Volksgruppe.

Ein Bericht über die Donauschwaben hätte vor zehn Jahren wohl noch mit einer
Begriffsbestimmung anfangen müssen. Heute ist das anders; es gibt zwar keine
Volksgruppenpropaganda mehr, dafür aber leben große Teile der Donauschwaben
mitten unter uns und bieten uns eine unmittelbare Anschauung ihrer Eigenart.
Die schwarzen Kopftücher ihrer Frauen, die schwarzen Hüte und oft auf ungarische
Art geschnittenen üppigen Schnurrbärte ihrer Männer sind in unseren Dörfern und
Städten ein täglicher Anblick geworden, dem nichts Sensationelles mehr anhaftet.
Und besonders in Baden-Württemberg findet man wohl keinen Verwaltungsbeamten
mehr, dem ein Donauschwabe zu seiner Identifizierung lange Erklärungen geben
müßte. Es ist kein Zufall, daß gerade dieses Bundesland die Patenschaft über die
Donauschwaben übernommen hat, — über die Namensverwandtschaft mit den
Württembergern hinaus bestehen bis in das 18. Jahrhundert zurückreichende
Sippenverbindungen zum südwestdeutschen Raum einschließlich der Pfalz, gemein-
same Anklänge in Mundart und Brauchtum und enge Berührungspunkte in der Men-
talität. Es ist darum begründet, die donauschwäbische Bilanz mit der positiven Fest-
Stellung zu beginnen, daß diese Menschen ihrer neuen Umwelt keine Fremden mehr
sind. Allerdings mußte dieser Posten auf der Habenseite mit einem ungeheuren Soll
erkauft werden: mit dem Verlust der eigenen Volksgeschichte außerhalb des
geschlossenen deutschen Sprachgebiets.

Diese Geschichte war die Geschichte von Pionieren. Die Vorfahren der Donauschwaben
kamen vor zwei Jahrhunderten aus den Gegenden um Rhein, Mosel und Neckar als freie
Bauern des Wiener Hofs in das damals nach endlosen Türkenkriegen fast völlig verheerte
Land um Donau, Theiß und Marosch. Sie begannen in einem friedfertigen "furor teutonicus"
sofort, Ordnung zu schaffen und "aus Sümpfen eine neue Welt" zu heben. Einem über-
lieferten Worte nach hatten dabei die Ersten den Tod, die Zweiten die Not und erst die
Dritten das wohlschmeckende weiße Brot Pannoniens. Sie erbauten schnurgerade, weiß-
getünchte Dörfer von den Ausmaßen deutscher Kreisstädte, und jedes dieser Dörfer
bildete wirtschaftlich, gesellschaftlich und sprachlich eine in sich geschlossene Welt.
Die Sicherheit der Donauschwaben im Umgang mit dem Ackerboden grenzte schließlich
an das Bravouröse; sie wurden anerkanntermaßen die meisterhaftesten Bauern Europas.
Obwohl sie weder eine Adelsschicht noch Gutsbesitzer im feudalen Sinne hervorbrachten,
zeichnete sich ihre Agrikultur durch einen Zug ins Große, ja sogar schon durch eine
gewisse Eleganz aus. Diese ihre Stärke — gepaart mit bienenhaftem Fleiß und fast schon
geiziger Sparsamkeit — erhob sie zu technischen Lehrmeistern der übrigen Völker des
Raumes, die von Natur aus gewiß nicht weniger begabt, aber weniger gut organisiert
waren.

Ein flüchtiger Blick auf die Statistik zeigt, wie erschreckend stark gerade diese Volks-
gruppe von der Katastrophe von 1945 betroffen wurde. Aus den schätzungsweise
100.000 Familien, die von Maria Theresia und Joseph II. auf den heutigen Territorien
Ungarns, Jugoslawiens und Rumäniens angesiedelt worden waren, hatten sich bis 1944
knapp 2 Millionen Donauschwaben entwickelt. Etwa 1.770.000 davon lebten in den
geschlossenen Siedlungsgebieten im Südosten Europas, der Rest war schon vorher nach
Übersee ausgewandert, hauptsächlich in die USA.

Und heute ? Ungefähr 300.000 Donauschwaben sind überhaupt nicht mehr registrierbar;
sie sind im Kriege gefallen oder nach dem Kriege in Konzentrationslagern umgekommen.
Von den 650.000, die einst auf Jugoslawien entfielen, gibt es dort noch etwa 40.000;
sie werden mit jedem Tage weniger, weil es sie nach Deutschland zieht. Besser sieht
es in Ungarn aus, wo von den einst 600.000 Deutschen beinahe die Hälfte zurückgeblie-
ben ist, während der Schwund der vormals 350.000 Donauschwaben in Rumänien sogar
nur etwas mehr als ein Drittel beträgt. Insgesamt leben in den südöstlichen Herkunfts-
gebieten gegenwärtig noch an die 660.000 Donauschwaben — ungefähr ebenso viele
wie in Deutschland, Österreich und Frankreich zusammengenommen. Wenn man hinzu-
nimmt, daß der amerikanische Ableger sich in den letzten Jahren stark vermehrt hat
und heute etwa 400.000 Seelen betragen dürfte, wird einem klar, daß sich die Donau-
schwaben aus der Gemeinschaft der übrigen vertriebenen ostdeutschen Stämme durch
eine besonders starke Streuung über Kontinente hinweg herausheben. Ihre in Salzburg
erscheinende Wochenzeitung 'Neuland' wird in 24 Länder der Erde verschickt.

Besonders kraß wird das donauschwäbische Schicksal von folgendem Fall beleuchtet,
der auf den ersten Blick unglaubwürdig wirkt, jedoch leider kein Einzelfall ist: Der
Mann lebt in Argentinien, seine Frau mit Tochter in Deutschland, die Schwester in
Australien, die Großmutter in Hatzfeld im Banat, ein Onkel in Ungarn, eine Tante in
Kanada, und der Rest der Verwandtschaft ist über die Baragan-Steppe am Schwarzen
Meer verstreut.

Das ist aber nicht nur weltweites Leid, es sind auch weltweite Möglichkeiten. Denn
es gehen Briefe, Berichte und Besuche hin und her, in denen sich die verschiedensten
nationalen Terminologien gegenseitig abschleifen, und das ist ein wesentlicher Bei-
trag zur Befriedung der politischen Atmosphäre. Ein Problem bleibt dabei, wie die
Donauschwaben in der Bundesrepublik ihre wirtschaftliche Sanierung mit dem
Heimatgedanken in Einklang bringen sollen. Sie sind im Kleinen das, was die Deut-
schen heute im Großen sind: ein gespaltenes Volk.

Im Westen sind sie wieder zu einem gewissen Wohlstand gelangt, und es ist kein
Geheimnis mehr, daß die Donauschwaben sich heute schon viel weniger mit der
Frage einer möglichen Rückkehr in die Heimat beschäftigen als etwa die Schlesier
oder die Sudetendeutschen. Werden sie "ihr Stammhaus im Osten" vergessen ?
Wenn ja,- dann würde dies bedeuten, daß sie ihre Spaltung, die von fremden
Mächten eingeleitet wurde, durch einen freiwilligen Akt vollenden; sie müßten
dann überall dort, wo sie leben, in ihrer Umwelt aufgehen und würden aufhören,
als Donauschwaben zu bestehen. Wenn aber nein — das heißt, wenn sie sich um
Erhaltung und Vertiefung ihrer Verbindungen zu den Stammesgenossen im Osten
bemühen würden, müßten sie sich unablässig mit der Tatsache auseinandersetzen,
daß ihre Heimatgebiete im Machtbereich des Kommunismus liegen. Das würde aber
bedeuten, daß sie unmittelbar angehalten wären, sich jederzeit von zwei Seiten
her zu begreifen und sich unablässig darüber Gedanken zu machen, wie die Dinge
zwischen Ost und West weitergehen könnten. Das wäre für sie kein schöngeistiger
Europäismus, sondern politischer Zwang.

Um die biologische Kraft dieses jüngsten deutschen Stammes war es in den vergan-
genen zwei bis drei Jahrzehnten nicht mehr besonders gut bestellt. Es ist errechnet
worden, daß die Donauschwaben besonders in Jugoslawien nach ungefähr vier Gene-
rationen von der slawischen Volkskraft aufgesogen worden wären, wenn sie zugunsten
ihres Wohlstands an der Geburtenbeschränkung festgehalten hätten. Umso erstaun-
licher ist allerdings, was sie in den vergangenen dreizehn Jahren selbst in der Zer-
splitterung noch geleistet haben. Das sei nur an drei so eindrucksvollen Beispielen
wie die Trockenlegung des 'Kolbenmoores' bei Rosenheim, die Wiederbelebung des
praktisch ausgestorben gewesenen Dorfes La-Roque-sur Pernes in Südfrankreich und
die Errichtung der Siedlung Entre Rios bei Guarapuava im brasilianischen Staat Parana
vor Augen geführt. Solche Taten sind nicht selbstverständlich in einer Zeit, da es
leichter erscheint, die Belegschaften für drei Fabriken auf die Beine zu stellen als
einen zuverlässigen Trupp von Landarbeitern für einen einzigen größeren Bauernhof.

In der Bundesrepublik gehört ihre große Leidenschaft dem Häuserbauen. Sie haben
im Verhältnis zu ihrer Zahl schon mehr Eigenheime errichtet als irgendeine andere
Gruppe von Vertriebenen. Der unruhige Drang vieler in Jugoslawien zurückgeblie-
benen Donauschwaben, nach Deutschland zu ziehen, geht zu einem großen Teil auf
die Kunde zurück, daß man sich hier ein Haus bauen könne. Als besondere Reprä-
sentation dieses Bauwillens kann die donauschwäbische Siedlung St. Stephan bei
Darmstadt gelten, die schon vor der Währungsreform in eindrucksvoller Selbsthilfe
errichtet worden ist.

Es scheint, als sei diese Form der Aktivität unter den gegebenen Umständen die
geeignetste, den Hang der Donauschwaben zur Individualität auszudrücken. Auf
politischem Gebiet wirkt dieser Individualismus sich so aus, daß sie keine große
Organisation haben; sie sind unter den Vertriebenen in der Bundesrepublik so unge-
fähr die kleinste Gruppe, unterhalten aber die meisten Landsmannschaften, z. B.
allein die Donauschwaben aus Ungarn deren drei. Das hat zur Folge, dass sie im
öffentlichen politischen Kräftespiel immer den Kürzeren ziehen. Ihre Begeisterungs-
fähigkeit für weltanschauliche Parolen, fürs Organisieren und Gehorchen ist außer-
ordentlich schwach entwickelt; sie sind es vom weitläufigen Tiefland her gewöhnt,
daß jeder tut, was ihm beliebt. Leider geht ihre Konfessionslosigkeit im Geistigen
so weit, daß sie sich bis heute kein Forum geschaffen haben, um in klärendem
Gespräch ihren geschichtlichen Standort herauszuarbeiten.

Während die Siebenbürger Sachsen den Versuch unternehmen, durch die Errichtung
eines eigenen Musterdorfs in Bayern ihre reiche Volkskultur wenigstens im Modellfall
zu erhalten, sehen die Donauschwaben die Erfüllung ihres Erbes darin, daß sie sich
überall in der westlichen Welt den neuen Gegebenheiten so schnell wie möglich an-
passen und in altbewährter Unermüdlichkeit den wirtschaftlichen Aufstieg ihrer Länder
fördern. Sie sind ein Menschenschlag, der sich immer bemüht, aus einer Situation das
Bestmögliche zu machen. Das fällt ihnen umso leichter, als sie in der schranken- und
waldlosen Tiefebene daheim mit ihrer Scholle nie auf die gleiche Art verwachsen waren,
wie der Bauer einer eng umfriedeten Gebirgslandschaft es ist.

Man kann das Unglück, das sie betroffen hat, erst dann ganz verstehen, wenn man in
Betracht zieht, daß sie eine sehr junge Volksgruppe sind und gerade erst in dieser
Generation angefangen hatten, sich ein eigenes geistiges Gesicht zu geben. Inmitten
dieses Reifeprozesses wurden sie aus ihren herrlichen Dörfern herausgerissen und in
fremde Kulturkreise verpflanzt. Und nun bemühen sich etliche Idealisten, ihnen in der
allgemeinen Diaspora, in der sie sich befinden, das gemeinsame Kulturbewußtsein zu
erhalten, soweit sie es bei der Vertreibung schon hatten, und zu vermitteln, soweit sie
es noch nicht hatten. Aber der Widerhall auf solche Bemühungen wird immer geringer.
Dabei hat es den Donauschwaben an großen Männern nicht gefehlt, aber die meisten
waren vom rasanten magyarischen Chauvinismus assimiliert worden. Auch heute fehlt
es ihnen nicht an Begabungen auf allen Gebieten, aber sie werden häufig von der
allgemeinen Teilnahmslosigkeit in das innere Exil gedrängt. Der Sog unserer Wirt-
schaftskonjunktur ist oft stärker als der Flügelschlag des Geistes. Und die sentimentale
Heimattümelei nimmt sich im Vergleich zur kraftvollen praktischen Bejahung des Hier
und Jetzt immer mehr wie eine lyrische Floskel aus.

Dennoch kann man nicht sagen, die Donauschwaben stünden kurz vor ihrem Untergang.
Im Einzelnen haben sie sich großartig behauptet, und in kleineren Gemeinschaften ist
es ihnen sogar gelungen, mit ihren hergebrachten Sitten und ihrem guten kulinarischen
Geschmack auf ihre Umgebung abzufärben. Insgesamt aber ist es ihnen noch nicht ein-
mal geglückt, sich auf eine gemeinsame Bezeichnung zu einigen. „Banater Schwaben",
„Ungarndeutsche", „Jugoslawiendeutsche", „Donaudeutsche'' und vieles andere mehr
sind als Synonyme für ein und dieselbe geschichtliche Erscheinung ebenso ein Ausdruck
ergötzlicher Eigenwilligkeit wie des allgemeinen deutschen Mangels an Gemeinschafts-
sinn. Und wenn wir das bei dieser Gelegenheit speziell unseren allseits geachteten
Donauschwaben ins Stammbuch schreiben müssen, mögen die Angehörigen anderer
Gruppen, bevor sie ein Urteil fällen, ob es bei ihnen im Prinzip besser ist. Immerhin
hat die Gefahr der Auflösung, die über den Donauschwaben schwebt, auch das gute
Resultat gezeitigt, daß sie nicht als geschlossener Block mit programmatischen Forde-
rungen dastehen. Sie haben kein starres Konzept, und kein Partner, der sich mit ihnen
an einen Tisch setzt, braucht von ihnen die unnachgiebige Sprache des politischen
Dogmas zu befürchten. Sie haben deshalb in den von Tag zu Tag aktueller werdenden
Gesprächen mit unseren östlichen Nachbarn eine besondere Chance.
Johannes Weidenheim

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, Januar 1958

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Literaturhinweis:

Leopold Rohrbacher 'Ein Volk - Ausgelöscht'.
Die Ausrottung des Donauschwabentums in Jugoslawien 1944-48.


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