Die Glocken von Danzig.

Kirchen der Danziger Stadt- und Landgemeinden.

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Die Glocken von Danzig.

Beitragvon -sd- » 08.02.2020, 20:36

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Die Glocken von Danzig.

Wohl jeder Mensch verknüpft Erinnerungen an heimatliche Glockenklänge,
selbst dem ungläubigsten Menschen haben Glockenklänge etwas zu sagen.
Man erinnert sich an die Jugendzeit, an Schule, Sonn- und Feiertage, an
gute und böse Stunden. Es gibt aber auch Glockentöne, die einen nie ver-
lassen, die nie aus dem Gedächtnis gehen.

Viele tausende Danziger sind am Ende dieses unseeligen Krieges, dem Ende
der 'Deutschen Stadt Danzig', im Ganzen, noch verbliebenen Deutschland
verstreut worden. Viele müssen in einer Zone leben, in der selbst das
Denken an ihre Glocken verboten ist. Doch welche großen Erinnerungen
bergen gerade die Glocken von Danzig für jeden, der länger in dieser Stadt
geweilt hat. Ja, für jeden Westpreußen sind sie Heimatklänge. Man denkt
an die große gewaltige Vergangenheit, an die Hanse, und im Geiste tauchen
die alten, wetterfesten Türme auf und man hört das Singen und Klingen.

Da ist der alles überragende Rathausturm, der wie eine Nadel in den Himmel
sticht, mit seinem herrlichen Glockenspiel. Wenn Not- und Sturmzeichen
über Danzig wehten, klang's wie im Gebet: „So nimm denn meine Hände
und führe mich." Glocken wissen das rechte Wort zur rechten Stunde.

Tief und feierlich klingt das Riesengeläut vom St. Marienturm, der Krone
aller Danziger Kirchen. Es reihen sich ein die melodischen Glocken von St.
Katharinen, von Trinitates und St. Johann, von Salvator und St. Barbara, die
der Johanniskirche, von St. Petri und Pauli, St. Bartolomai, St. Elisabeth,
St. Nicolei und St. Joseph, ein einziges Singen und Jubeln ist in der Luft.
Da steigen im Geiste die Jahrhunderte auf, Danzigs alte Giebel, Türme und
Gassen, alte Tore und lauschige Winkel, — wenn frohe Stunden die Stadt
durchjubelten, oder Leid und Not beten lehrte. Aber immer war ein Ausweg
da, die Mauern hielten jeden Ansturm aus, die Heimat blieb erhalten, Danzig
blieb immer Danzig, Schon einmal war Danzig losgerissen vom Mutterland,
damals schluchzten, schrien und klagten alle Glocken zu gleicher Zeit, als
man Deutsche von Deutschen trennte. Wer das damals gehört hat, zweifelt
nicht mehr daran, daß Glocken Seelen haben. Aber Danzig blieb auch als
Insel deutsch, seine Mauern standen, seine Glocken sangen weiter von den
Türmen ihre Lobgesänge in den Himmel. Erhalten blieben die unschätzbaren
Kulturgüter und Werte für das deutsche Volk in seinen Mauern. Die Dinge
der Welt aber sind im ewigen Steigen und Fallen, in unaufhörlichem Wechsel,
und nichts kann ihn aufhalten und zum Stillstand bringen.

Was Jahrhunderte gebaut, wurde in wenigen Tagen, ja Stunden, zu einem
Flammenmeer und zu Trümmerhaufen. Was Bomben und Granaten nicht
zerstörten, das vollendeten die unmenschlichen Horden der Sowjets. Weh
wimmerten die Glocken nochmals auf, um dann im Flammenmeer zu sterben.
Menschen wurden zu Freiwild, gejagt, gehetzt wurde alles, was Deutsch war.
Endlose Kolonnen im Treck der Ausgestoßenen durchzogen die verwüsteten
Straßen, das nackte Leben zu retten. Danzig aber versank am Horizont in
Schutt und Trümmer. Dann kamen die Polen ! Was sie 1918 nicht erreichten,
war ihnen nun gelungen. — Aber, es ist merkwürdig, es blieben Türme erhalten
und auch Glocken, und diese Glocken läuten wieder. Ihr Klang ist weh, denn
viele fehlen, aber aus den wenigen spricht der Geist Danzigs. Ob sie auch zu
den Polen gesprochen haben ? Und jetzt bauen sie Danzig wieder auf. Sie bauen !
Bauen es auf im alten Stil. Der Rathausturm steht wieder in alter Pracht, um
St. Marien stehen die Giebel wieder, gebaut in altem Stil. Der Artushof ist wieder
da, ja, man läßt die Innenstadt nach altem Vorbild neu erstehen. Im Geiste sehe
ich das liebe, alte Danzig vor mir, Turm an Turm, Giebel an Giebel, Gasse
bei Gasse, wenn der Vollmond über die zierlichen Spitzen des Stockturms
helles Licht und tiefe Schatten zauberte. Oder, wenn in der Frühe der Nebel
langsam um die Marienkirche höher stieg und die Sonne all die Türme, Spitzen
und Zierrate der Giebel und Dächer mit goldenem Licht übergoß und die Wellen
der Motlau blinkten und die Masten der Schiffe in den blauen Himmel stachen.
Heimat um mich, in mir, überall, wohin der Blick glitt. Da zieht mir ein Gedicht
Josephs von Eichendorf durch den Sinn:

Dunkle Giebel, hohe Fenster,
Türme tief aus Nebel seh'n,
Bleiche Statuen wie Gespenster
Lautlos an den Türen steh'n.

Träumerisch der Mond drauf scheinet,
Dem die Stadt gar wohl gefällt,
Als läg zauberhaft versteinert
Drunten eine Märchenwelt.

Ringsher durch das tiefe Lauschen
Über alle Häuser weit
Nur des Meeres fernes Rauschen —
Wunderbare Einsamkeit.

Und die Türme wie vor Jahren
Singen ein uraltes Lied
Wolle Gott den Schiffer wahren
Der bei Nacht vorüberlieht.

So singen und klingen im Geiste alle Glocken der Heimat an mein Ohr, und
Heimat ist wieder um mich. Häuser, Wiesen, Felder, Wald und Wasser, die
alten Freunde der Kindheit gehen mir durch den Sinn und die unvergeßliche
Zeit am Schicksalsstrom der Weichsel wird im Geist lebendig. Unvergeßliche
Namen all der großen Männer, die uns die Heimat gab, steigen in Gedanken
auf und wehmütig blickt man gen Osten, wo einst die Heimat war. Doch im
Gedenken ist Heimat um mich, auch in der Ferne, und ein unerschütterlicher
Glaube ist in mir. Einmal wird die Heimat auch wieder deutsch werden und
die Glocken werden an deutsche Ohren klingen. Vielleicht werden Du und ich
es nicht mehr erleben ? Aber unsere Kinder und Kindeskinder werden einmal
die Glocken von Danzig wieder klingen hören. Denn, die Dinge der Welt sind
im ewigen Steigen und Fallen, in unaufhörlichem Wechsel, und nichts kann
ihn aufhalten und zum Stillstand bringen.

Ew. Friedrich

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, August 1953

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