Heilsberg, fast unversehrtes Kleinod Ostpreußens.

Heilsberg, fast unversehrtes Kleinod Ostpreußens.

Beitragvon -sd- » 07.02.2020, 21:57

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Heilsberg, fast unversehrtes Kleinod Ostpreußens. Bischofsschloß
blieb bestehen
Wiederaufbau geht voranErträgliche Mängel.


Für polnische Verhältnisse sind die heutigen Zustände in der ermländischen
Stadt Heilsberg erträglich. Kann man auch keinen Vergleich zur Vorkriegszeit
ziehen, so sind hier doch viele Dinge besser als in den übrigen polnisch
verwalteten Städten des südlichen Ostpreußens.

Das macht sich einmal schon in der vor einigen Tagen erlassenen Anordnung
bemerkbar, zukünftig keine heilen oder beschädigten Häuser mehr abzureißen.
In Heilsberg ist es jetzt endlich verboten, die sinnlose Abbruch-Politik weiter
zu verfolgen und so zum Niedergang der Gemeinwesen beizutragen.
Tatsächlich wurden inzwischen auch die Abrißarbeiten eingestellt.

Dafür bemüht sich die Stadtverwaltung um Initiative im Wiederaufbau. Die
Behörden entschlossen sich, keine Neubauten in der nächsten Zeit aufzuführen,
sondern von den Baubetrieben in erster Linie Reparaturarbeiten an den
Gebäuden durchführen zu lassen. Damit hat endlich ein seit langem notwen-
diges Programm zur Erhaltung der den Krieg gut überstandenen Häuser ein-
gesetzt. In der letzten Zeit wurde verschiedentlich festgestellt, daß solche
Erhaltungs-Arbeiten dringend notwendig sind, wolle man nicht die Zerstörung
der Stadt durch Nachlässigkeit riskieren.

Die polnischen Anstrengungen konzentrieren sich auf alle Stadtteile, um
möglichst auf einmal alle reparaturfähigen Gebäude wiederherzustellen und
damit eine Abwanderung von Bürgern zu verhindern. In der letzten Zeit
nämlich zogen bereits einige Familien ab, deren Häuser unbewohnbar wurden
und die keine neuen Wohnungen zugeteilt erhielten. Eine Wohnungs- und
Bau-Kommission überprüft jetzt alle Häuser der Stadt und legt die Reihen-
folge fest, in der Renovierungen usw. vorgenommen werden sollen.

Gleichzeitig werden erstmalig auch Neubauten für das kommende Jahr
projektiert, wenn auch an den eigentlichen Häuserbau jetzt noch nicht
gedacht ist. Die polnischen Pläne sehen vor allem den Wiederaufbau des
zerstörten Marktes vor (sonst gab es nur wenige Kriegsschäden in der Stadt).
Die Enttrümmerung dieses Gebietes ist bereits im Gange und soll bis zum
Herbst abgeschlossen sein. Sind dann bis Jahresende die dringendsten Repa-
raturarbeiten ausgeführt, will man 1958 mit dem Neubau von Wohngebäuden
an dieser Stelle beginnen.

Um die Renovierungen jetzt exakt durchführen zu können, haben sich die
Handwerker freiwillig zu Arbeitsgruppen zusammengeschlossen. Tischler und
Zimmermeister haben die meiste Arbeit zu bewältigen, da bei den erhalten
gebliebenen Häusern in erster Linie Reparaturen an den Dächern, Zimmerböden,
Treppenhäusern und Fenstern und Türen auszuführen sind. Auch für die
Dachdecker gibt es viel Arbeit. In der Umgebung des Hohen Tores wurden
bereits verschiedene Gebäude renoviert, so daß dem Verfall Einhalt geboten
worden ist. Vorbereitungsarbeiten für den Wiederaufbau im Jahre 1958 werden
außer am Marktplatz auch an der Alleebrücke und in der Klosterstraße
vorgenommen, wo ebenfalls enttrümmert wird.

Als sehr günstig für Heilsberg hat es sich erwiesen, daß alle Schulgebäude den
Krieg heil überstanden haben. Die Bauwirtschaft braucht hier keine Arbeiten
auszuführen, so daß man sich tatsächlich der Erhaltung von Wohnraum widmen
kann. Dasselbe trifft für den Bahnhof zu, der unbeschädigt die Kriegswirren
überstand. Im Übrigen sind es gerade jetzt die intakten Verkehrsbedingungen,
die das Heranschaffen von Material ermöglichen und den Anstrengungen auf
dem Bausektor entgegenkommen. Als gut erweist sich nun auch in diesem
Zusammenhang, daß die polnische Verwaltung einiges getan hat, um einen
gut eingespielten Busverkehr einzurichten. Hier jedenfalls hat die Bauwirt-
schaft wenigstens nicht auch noch wie sonst in Ostpreußen mit Verkehrs-
beschränkungen zu kämpfen.

Die polnische Aktivität in Heilsberg ist nicht zuletzt dadurch ausgelöst worden,
daß man sich hier reelle Chancen im Touristen- und Urlaubsverkehr verspricht.
Fehlt zwar auch noch ein repräsentatives Hotel, so wurden in letzter Zeit doch
verschiedentlich Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen. Außerdem gibt es
für länger bleibende Urlauber neuerdings zwei Pensionen.

Hauptanziehungspunkt für Touristen und Feriengäste sind das bekannte
Heilsberger Bischofsschloß, das zwischen 1350 und 1400 erbaut worden ist,
und die reizvolle landschaftliche Umgebung.

Der massige, quadratische Ziegelbau des Schlosses mit dem doppelgeschossigen
Kreuzgang, dessen Gewölbe auf Granitpfeilern ruht, ist für länger bleibende
Urlauber aus Polen und Touristen aus Allenstein und dem Ermland bereits zu
einem beliebten Ausflugspunkt geworden. Von polnischer Seite wird die
historische Wahrheit über dieses gewaltige Bauwerk selbstverständlich ver-
schwiegen. Um den Eindruck hervorzurufen, es handele sich um ein polnisches
Bauwerk, wurde im Innern des Schlosses ein polnisches Museum angelegt. Die
alten deutschen Kunstschätze und Sammlungen des Bischofsschlosses sind
nicht mehr vorhanden — sie wurden 1945 bei der sowjetischen Besetzung
verschleppt oder vernichtet. Polnische Restauratoren sind gegenwärtig dabei,
innerhalb des Schlosses Renovierungsarbeiten durchzuführen und mittel-
alterliche Wandmalereien freizulegen. Viel Propaganda wird damit gemacht,
daß im Schloß längere Zeit Nikolaus Kopernikus lebte, den Warschau ja
ebenfalls als einen Polen auszugeben versucht. Die Kopernikus-Gedenkstätte
hält jedoch heute wegen der 1945 verschleppten Erinnerungsstücke keinen
Vergleich mehr mit früher aus.

Was die kulturellen Bauten und Anlagen der Stadt angeht, so kann berichtet
werden, daß die schöne Pfarrkirche 'St. Peter und Paul' ebenfalls den Krieg
gut überstanden hat. Hier haben die Polen sogar nach einer Sammelaktion
umfassende Verschönerungsarbeiten ausgeführt, die den Charakter des
Gotteshauses nicht verändert. Unter anderem wurde ganz neues Gestühl
angeschafft, dessen Kosten weitgehend die Bürger und Gläubigen übernahmen.
Neue Bänke usw. waren notwendig, weil die Russen nach dem Einmarsch das
Gestühl verheizten. Die deutschen und polnischen Katholiken benutzen heute
gemeinsam das Gotteshaus, in dem allerdings nur noch in polnischer Sprache
gepredigt wird. Dagegen ist es meistens möglich, die Beichte in Deutsch abzu-
legen. Die deutsch-evangelische Gemeinde ist ganz zusammengeschmolzen.
Die protestantische Kirche ist zwar auch erhalten geblieben, sie wird aber
nicht mehr benutzt.

Die polnische Bevölkerung in Heilsberg ist nahezu so zahlreich wie früher die
deutsche Einwohnerschaft. Es sind etwa anderthalbtausend Personen weniger
in der Stadt als vor dem Kriege. Die Zahl der Deutschen nimmt durch Sterbe-
fälle und die Familienzusammenführung laufend ab. Zu Schikanen gegenüber
unseren Landsleuten kommt es nicht mehr. Beide Nationalitäten leben ohne
Liebe oder Haß nebeneinander her.

Von der Stadt ist noch zu sagen, daß der Stadtpark und die Anlagen an der
Simser seit einiger Zeit wieder besser in Ordnung gehalten werden. Man sieht
hier viele Urlaubsgäste und alte Leute aus der Stadt.

In die Verschönerungsarbeiten wurden auch die Friedhöfe einbezogen, die
glücklicherweise die sonst in Südostpreußen unter den Polen übliche Ent-
ehrung und Vernachlässigung vermissen lassen. Hier sieht man nichts von
Grabschändungen, wenn auch notgedrungen viele Grabstellen wegen mangeln-
der Pflege eine dichte grüne Decke aus Blumen, Gras oder Büschen tragen. Die
Friedhofsanlagen selber wie die Wege usw. werden gepflegt. Verboten wurde
inzwischen von der Stadtverwaltung auch das Abholzen der jahrhundertealten
Bäume im Stadtgebiet. Noch vor einiger Zeit fielen viele der ehrwürdigen
Bäume den Äxten zum Opfer. Jetzt stehen sie unter Naturschutz.

Gute Fortschritte hat auch die Entbürokratisierung der Stadt gemacht. In
Heilsberg gibt es gegenüber der Zeit vor zwei Jahren fast die Hälfte weniger
Behörden und Büros. Nur wirklich für die Verwaltung wichtige Dienststellen
werden beibehalten. Die freigewordenen Büroräume müssen dem Wohnungsamt
zur Vergabe an Wohnungsuchende übergeben werden. Diese Aktion fand natur-
gemäß die Zustimmung der Bürger.

Über sonstige Vorgänge in Heilsberg ist bekannt, daß das Kloster noch immer
von einigen, wenn auch sehr gebrechlichen, Ordensschwestern bewohnt wird.
Nachwuchs gibt es keinen. Weltliche Schwestern sind dagegen in verschiedenen
Gesundheitsstellen und im Städtischen Krankenhaus zu finden. Die Behörden
sind heute meistens im früheren Rentenamt und dem Magistratsgebäude
untergebracht. Die Kantinen für städtische Angestellte werden immer weniger,
seitdem private Gaststätten usw. ihre Pforten geöffnet haben. Im Volksgarten
wurden verschiedene Unterhaltungsmöglichkeiten geschaffen, und das Wald-
kurhaus wurde zum Sommer 1957 nach Renovierung neu eröffnet. Nach wie
vor steht es aber mit Theater und Kino schlecht, da zu wenige Plätze vor-
handen sind. Alles in allem aber sind die Zustände in Heilsberg doch wesent-
lich besser als im Übrigen südlichen Ostpreußen.

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, Juli 1957

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