Preußisch Holland zu 55 Prozent niedergebrannt.

Preußisch Holland zu 55 Prozent niedergebrannt.

Beitragvon -sd- » 23.11.2019, 21:24

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Russische Brandkommandos wüteten in Preußisch-Holland.

Am 23. Januar 1945 rückten die Russen in Preußisch-Holland ein. Am 1. Juli
1945 hißten die Polen — an diesem Tage wurde ihnen die Stadt übergeben —
ihre Flagge am Steintor. Die Zeit zwischen diesen Daten war eine Zeit des
Grauens, der Unsicherheit und der unvorstellbaren Leiden für die zurück-
gebliebene deutsche Bevölkerung, deren Lage sich auch später wenig besserte.

Rätselhaft erscheint die von den Russen durch besondere Brandkommandos
betriebene Vernichtung von öffentlichen Gebäuden und ganzen Straßenzügen.
Ein stichhaltiger Grund läßt sich für dieses Verhalten nicht finden. Auffällig
ist aber, daß die Russen fast alle Gebäude verschonten, die mit der Landwirt-
schaft in Zusammenhang standen, wie die Landwirtschaftsschule, die Land-
wirtschaftliche An- und Verkaufsgenossenschaft nebst ihren beiden Speichern,
die Amtsmühle und die Getreide- und Futtermittelhandlung Kownatzki & Krause.

Zerstört wurden das Schloß mit Amtsgericht, Katasteramt und Kreiskasse,
das Landratsamt, die Realschule (St. Georgsschule), die Stadtschule, das
Finanzamt am Tannenbergplatz, der Bahnhof, die Krankenkasse, die Turn-
und Sporthalle, die Ackerbauschule (eine Abweichung von der Regel, land-
wirtschaftliche Gebäude zu verschonen), die Mädchenschule in der Hindenburg-
straße, ja sogar die Badeanstalt. Die Innenstadt brannte fast vollständig aus.

Alle diese Gebäude und ihre Einrichtungen hätten die Polen ja gut verwenden
können, warum brannten die Russen sie denn nieder ? Gönnten sie diese
Häuser ihren neuen Freunden nicht ?

Im Zuge der kurzen Kampfhandlung waren nur wenige Privathäuser beschädigt
oder zerstört worden. Die Russen aber legten in der Besatzungszeit fast die
ganze Innenstadt in Asche. Erhalten geblieben sind u. a. die evangelische und
die katholische Kirche, der Quitschenkrug, das Gesellschaftshaus, das
Johanniterkrankenhaus, das alte Postgebäude und die "Traube". O.G.

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 5. Dezember 1952

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Sterbende Stadt Preußisch Holland. Zu 55 Prozent niedergebrannt
Auch die Gomulka-Periode konnte den Niedergang nicht aufhalten.

Als am Beginn der letzten Januarwoche 1945 die Rote Armee die ostpreußische
Kreisstadt Preußisch-Holland besetzte, marschierte sie in eine wenig zerstörte
Gemeinde ein. Gemessen an den durch Kampfhandlungen in anderen gleich-
großen Städten angerichteten Verwüstungen war Preußisch-Holland mehr als
glimpflich davongekommen. Die Schäden waren hier so gering, daß sie selbst
in der Vorwährungszeit in wenigen Monaten hätten beseitigt werden können.
Das war die Lage am 23/24. Januar 1945.

Als die Sowjets nach fünf Monaten und einer Woche diese einstmals blühende
Stadt der polnischen Verwaltung in Süd-Ostpreußen unterstellten, da war die
Situation eine ganz andere. Am 1. Juli jenes Jahres bot Preußisch-Holland
auf den ersten Blick das Bild einer durch Kämpfe und Bombardements schwer
mitgenommenen Stadt. Doch wer durch die Straßen der Innenstadt ging, sah
bald, daß die angerichteten Zerstörungen weder durch Granaten, Häuserkämpfe
oder Fliegerbomben entstanden waren, sondern, daß das, was hier verwüstet
worden war, durch mutwillige Brandstiftung angerichtet wurde.

In rund zwanzig Wochen vernichteten die russischen Besatzungssoldaten mit
Billigung ihrer Offiziere große Teile der Innenstadt, wo sie unzählige Häuser
nach ihrer Plünderung anzündeten. Auch die meisten öffentlichen Gebäude
fielen den völlig sinnlosen Brandstiftungen zum Opfer. Waren beim Einmarsch
der Roten Armee etwa fünf Prozent Preußisch-Hollands vernichtet, so fanden
die Polen im Juli eine Stadt vor, die zu 55 Prozent (!) in Schutt und Asche lag.
Ungefähr 430 Gebäude aller Art waren in Rauch und Flammen nach den
Aktionen der Brandstifter aufgegangen. Das war die „Krönung“ der sowjeti-
schen Eroberung von Preußisch-Holland.

Die polnische Verwaltung begann wie überall im südlichen Ostpreußen auch
hier, mit großartigen Versprechungen, die Stadt von den „faschistischen
Kriegszerstörungen" zu befreien und „schöner als früher wieder aufzubauen".
Bis auf den heutigen Tag publizierten die zuständigen polnischen Verwaltungs-
stellen insgesamt „nur" 19 (neunzehn) verschiedene Wiederaufbauprogramme.
Man kann diese 19 Programme wie ein einzelnes behandeln, denn keines der
Programme wurde auch nur annähernd realisiert, oft wurde nicht einmal der
Versuch gemacht, es zu verwirklichen. Die stalinistischen Funktionäre in der
Bierut-Ära verhöhnten die zwangsweise nach hier geholten Polen mit Ver-
sprechungen über Versprechungen, von denen sie genau wußten, daß sie sie
nie erfüllen würden. Aber diese propagandistischen Zwecklügen sind gar
nicht einmal so tragisch, wenn sie nur die Tatsache des nicht vollzogenen
Wiederaufbaus betreffen würden. Viel schlimmer war und ist, daß Unfähig-
keit und Trägheit nicht den Verfall der in Brandnächten verschont gebliebe-
nen Häuser usw. verhinderten.

Und diese Tatsache hat dazu geführt, dßs Preußisch-Holland auch zu einer
der vielen sterbenden Städte in Ostpreußen geworden ist. An vielen Stellen
müssen heute noch Gebäude von den Bewohnern verlassen werden, weil sie
einzufallen drohen. Das ist meistens dann der Fall, wenn rechts und links
die Nebenhäuser in Brand gesteckt und das stehengebliebene Gebäude nur
leicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Da aber an solchen Gebäuden auch
nicht die geringsten Reparaturarbeiten ausgeführt wurden und werden, gehen
sie nun langsam an ursprünglich lächerlich geringen Schäden zugrunde. Hier
liegt eine Hauptschuld der polnischen Verwaltung, die die deutsche Stadt
alles andere als zu treuen Händen verwaltet.

Wie sieht es nun im Einzelnen in Preußisch Holland aus ? Nach der Regierungs-
übernahme durch Gomulka schien es für einige Zeit so, als ob nun wenigstens
eine geringfügige Änderung zum Guten erfolgen würde. Aber auch das war
eine Täuschung. Es kam weder zu einem Wiederaufbau noch zu einem Pro-
gramm zur Werterhaltung und Reparatur. Zudem setzte in den letzten
Monaten eine Bevölkerungsumschichtung ein, die sich gar nicht gut für
Preußisch-Holland ausgewirkt hat.

Bisher war es seit dem Kriege so gewesen, daß die nach Ostpreußen ge-
schickten Polen möglichst in die Städte zu kommen versuchten, da sie auf
dem Lande wegen der Kollektivierung, der Staatsgüter und der schlechten
Lebensumstände keine Chancen sahen. Nachdem Gomulka in Warschau ein-
zog, änderte sich das, weil die Landwirtschaftspolitik mehr Rücksicht auf
die privaten Einzelbauern nahm. Plötzlich war es vielen Polen, die bis jetzt
in den Städten gesessen hatten, wieder interessant, aufs Land zu gehen
und Höfe zu übernehmen.

So geschah es auch in Preußisch-Holland. Viele Familien, die etwas von
der Landwirtschaft verstanden, bemühten sich mit Erfolg um Zuteilung
von Feldern, einem Hof und Krediten. Für diese Menschen kamen aus den
Dörfern der Umgegend aber jetzt die Personen, die bis jetzt als Funktionäre
und nutzlose Beamte die stalinistische Agrarpolitik repräsentiert hatten.
Diese zumeist faulen, dünkelhaften und nicht mit Geistesgaben gesegneten
Leute sind nun in die Stadt gekommen und versuchen natürlich, sich leicht
durchs Leben zu bringen — natürlich am liebsten ohne ehrliche Arbeit. Die
meisten suchen neue Pöstchen oder steigen in das Schwarzmarktgeschäft ein.

Uns interessiert das soweit, als diese Leute selbstverständlich auch nicht
das geringste Interesse an einer ordnungsgemäßen Verwaltung haben. Sie
besitzen noch immer genügend Einfluß, um hier und dort die Genehmigung für
den Abriss eines angeblich einsturzgefährdeten Hauses zu erhalten, daß sie
dann auf eigene Rechnung ausschlachten. Man könnte viele Beispiele dafür
nennen, wie schlecht sich diese Bevölkerungsumschichtung auswirkt. In
Preußisch-Holland gibt es einfach keinen Fortschritt. Es bleibt alles so,
wie es war, manches dagegen wird noch schlechter.

Wer heute beispielsweise durch die Rogehnener Chaussee in Preußisch-Holland
geht, der muß feststellen, daß hier erst vor wenigen Wochen mit behördlicher
Genehmigung zwei Gebäude aus deutscher Zeit abgerissen worden sind. Der
einzige Grund bestand in folgendem: man wußte, daß diese Gebäude vorwie-
gend in Stahlkonstruktion gebaut worden waren. Das genügte, um sie nieder-
zureißen, denn für Schrott werden nach wie vor Höchstpreise gezahlt.

In der Innenstadt von Preußisch-Holland gibt es seit den Brandstiftungen im
Jahre 1945 nur wenige bewohnte Häuser-Inseln. Überall klaffen große Lücken,
wo auch nicht eine einzige Mauer wieder aufgebaut worden ist. Zwar sind
viele Trümmer fortgeräumt worden, aber trotzdem ist der Anblick trostlos.
Daran können auch die Grünanlagen nichts ändern, die mit Rasen und Blumen
etwas Leben vortäuschen sollen. Nicht einmal das gelingt, denn auf den
Rasenflächen weiden Schafe, obwohl das verboten ist. Die Miliz kann unmög-
lich alle Schafhalter einsperren, die ihre Tiere auf verbotenen Plätzen
weiden lassen. Die wirtschaftliche Not ist noch immer so groß, daß die
Behörden beide Augen zudrücken müssen.

Das gilt auch für den zweimal wöchentlich unweit des Krankenhauses abge-
haltenen Markttag, zu dem die Bauern aus der Umgebung kommen. Dieser
„freie Bauernmarkt" ist inzwischen längst zur Tarnung des Schwarzmarktes
geworden. Zwar werden hier auch Lebensmittel gehandelt, aber in der
Hauptsache wickelt man illegale Tauschgeschäfte und ähnliches ab. Sogar
bis nach Preußisch-Holland ist auch der Devisenschmuggel gedrungen, und
man kann hier vielerlei Währungen aus Ost und West umsetzen oder damit
bezahlen.

Die örtliche Industrie kann jetzt jedoch wenig bieten was man auf dem
Schwarzmarkt absetzen könnte. Ja, wenn noch wie zu deutscher Zeit in dieser
Stadt landwirtschaftliche Geräte oder Leder hergestellt würden. Oder wenn in
Preußisch-Holland noch die Marzipan-Herstellung in Betrieb wäre. Aber von
den früheren Fabrikationsbetrieben arbeiten heute nur noch die Möbelfabrik
und die Brauerei. Und was sie herstellen, das hat auf dem Schwarzmarkt
keinerlei Wert. Außerdem sind das Überlandwerk und eine Müllerei in Betrieb.
In diesen Werken wird einigermaßen rentabel gearbeitet, wenn sich auch
vieles gegenüber der deutschen Zeit und unseren Auffassungen geändert hat.
Immerhin besteht Aussicht, daß die genannten Betriebe erhalten bleiben und
mit der Zeit sogar ausgebaut werden, um die Vorkriegskapazität wieder zu
erreichen. Ähnlich steht es auch mit einer Anzahl von Werkstätten und
Handwerksbetrieben, die seit dem Oktober vorigen Jahres an einigen Stellen
Preußisch-Hollands eröffnet werden konnten. Die auf kollektiver Grundlage
betriebenen Handwerks-Werkstätten sind inzwischen alle verschwunden. Sie
mußten den Privatbetrieben weichen.

Die einzige halbwegs als Wiederaufbauleistung anzusprechende Tat der Polen
ist die Reparatur des Bahnhofsgebäudes, das ziemlich in Mitleidenschaft ge-
zogen worden war. Dagegen ist es bis auf den heutigen Tag noch nicht zur
Wiederherstellung des Rathauses am Markt gekommen, dessen Brandmauern
klagend neben der erhalten gebliebenen Kirche St. Bartholomä in den Himmel
ragen. Giebelfront und Dach des Rathauses sind ganz verschwunden. Nur etwa
bis zur Hälfte der früheren Höhe stehen die Außenmauern des Gebäudes noch.
Die großen Bogengänge sind zugemauert, um das Gemäuer fester zu verbinden
und seinen endgültigen Einsturz zu verhindern.

Auch an anderen Teilen des Marktes findet man Spuren der Verwüstungen.
Man stößt auf eine Reihe von Gebäuden, die äußerlich fast unzerstört aussehen,
erst beim näheren Hinsehen erkennt man, daß sie ausgebrannt sind. Mehrere
solcher Brandruinen, deren Mauern meist tadellos erhalten sind und die
verhältnismäßig leicht wieder bewohnbar gemacht werden könnten, stehen
im Gebiet am Markt und verstärken den trostlosen Eindruck.

Denselben Eindruck ruft ein Besuch am Schloß von Preußisch-Holland hervor.
Hier trifft man auf eine wüste, von kleinen Gräsern und Bäumen bestandene
Landschaft, aus der schemenhaft einige weiße Wände des Schlosses hervor-
leuchten. Dreck- und Trümmerhügel unterschiedlicher Größe machen ein
Vordringen nur schwer möglich. Nur die polnischen Kinder aus Preußisch-
Holland, das heute „Paslek" genannt wird, finden sich hier zurecht. Sie treiben
hier Versteckspiele und haben sich Höhlen eingerichtet.
Das Schloßgelände bietet heute ein Bild, das jedem Bürger dieser Stadt die
Tränen in die Augen treiben würde. Die Fassadenmauern mit ihren leeren
Fenster- und Türhöhlen scheinen so fern allen Lebens zu sein, wie wir von
der Heimat entfernt sind. Wann wird hier je wieder Menschengeist und
Menschenhand wirksam werden ?

Tröstlicheres ist von den Kirchen unserer Heimatstadt und ihren Friedhöfen
zu sagen. St. Bartholomä ist — wie schon gesagt — erhalten und nach nicht
stilwidrigen Ergänzungen in gutem Zustand. Dieses Gotteshaus dient heute
den polnischen Katholiken. Die zweite Kirche — Friedhofskapelle — ist
Mittelpunkt des religiösen Lebens der vorwiegend deutschen Protestanten.
Auch dieses Gotteshaus ist gepflegt, nachdem einige Plünderungsschäden
behoben worden sind. Erfreulich ist auch, daß der dazugehörige Gottesacker,
wie sonst heute selten in Ostpreußen, ein Bild von Sauberkeit, Ordnung und
regelmäßiger Pflege bietet. Die noch hier lebenden Landsleute haben das
schwere Amt übernommen, möglichst alle Gräber zu betreuen. So können
wir wenigstens zum Schluß unseres Berichtes aus Preußisch-Holland etwas
Tröstliches aus dieser schwer geprüften Stadt melden, einer Stadt, die unter
dem Polentum wohl schwerlich wieder zum Leben erwachen wird!

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, September 1957

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