Vor 150 Jahren. Die ostpreußische Notzeit.

Deutschland unter französischem Einfluß.

Vor 150 Jahren. Die ostpreußische Notzeit.

Beitragvon -sd- » 01.06.2019, 20:30

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Vor 150 Jahren. Die ostpreußische Notzeit.

Nach all dem Furchtbaren, das Ostpreußen 1945 durchmachte, mag uns die
Erinnerung an frühere Notzeiten vielleicht unnötig und verblaßt vorkommen,
denn ihr Ausmaß ist ja nur zu vergleichen mit unserer letzten Katastrophe.
Und doch erscheint solch ein Rückblick nicht vergeblich; denn das Über-
winden von Not und Elend beinahe völlig aus eigener Kraft ist ein Beweis
für die Härte und Zähigkeit der ostpreußischen Menschen. Diese Eigenschaften
sind auch heute unter dem Himmel des deutschen Westens noch durchaus
lebendig. Und so mag daraus auch Trost und Zuversicht für eine hellere Zu-
kunft erwachsen.

Es ist die Zeit vor 150 Jahren, über die wir einiges berichten wollen. Wahr-
scheinlich weiß unsere ostpreußische Jugend in unserer geschichtsarmen
Epoche nicht mehr viel davon, aber in meiner Jugend, vor 1900, war die
Erinnerung an jene Notjahre noch sehr lebendig.

In der Zeit des Krieges gegen Napoleon 1806/1907, dessen letzte Schlachten
auf dem Boden unserer Heimat ausgefochten wurden, sowie in den folgenden
sechs Jahren hat kein Teil des preußischen Staates auch nur annähernd so
viel gelitten wie unsere Heimat. Ostpreußen war als reine Agrarprovinz kein
reiches Land und zählte nur 1,3 Millionen Einwohner. Vom Dezember 1806 an
mußte die Provinz fast sieben Monate hindurch drei Heere von mehreren
hunderttausend Mann ernähren: das russische, das französische und das aller-
dings sehr viel kleinere preußische. Die Russen waren zwar mit uns verbündet,
aber sie hausten fast so rücksichtslos wie in Feindesland. Bestenfalls gaben sie
für Beitreibungen wertlose Requisitionsscheine aus, die schließlich die Höhe
von 8 Millionen Talern erreichten. Aber sie wurden nie vom Staate eingelöst,
vermochte doch Preußen die damaligen Lieferungen für die eigenen Truppen
erst nach langen Jahren zu bezahlen.

Am meisten litt wohl in jener Zeit der mittlere Teil Ostpreußens, vor allem
die Gegend zwischen Passarge und Alle, wo sich lange Wochen hindurch die
Vorposten dicht gegenüberstanden und wo mehr als 160.000 Franzosen nur
aus dem Lande lebten. Es kam hinzu, daß bei den vielen kleineren und größe-
ren Gefechten die in der Nähe liegenden Städte und Dörfer stets erhebliche
Zerstörungen erlitten, so z. B. Mohrungen, Bergfriede, Wackern, Waltendorf,
Braunsberg, Guttstadt, Hofe bei Preußisch Eylau und andere. Nicht einmal
die Kirchen blieben verschont: von den 95 Gotteshäusern des Ermlands waren
41 ausgeraubt. In den ausgesogenen Gegenden wurde schließlich das Futter
so knapp, daß die damals noch fast durchweg üblichen Strohdächer der Truppe
als Pferdefutter dienen mußten.

Im Februar 1807 kam nach der für beide Teile sehr verlustreichen Schlacht
bei Pr. Eylau die Unterbringung der Verwundeten und Kranken hinzu. Allein
nach Königsberg wurden damals 21.000 geschafft, und fast ebenso viel —
nach den amtlichen Listen genau 19.898 — mußten die teilweise schon halb-
zerstörten Ortschaften in der Nähe des Schlachtfeldes aufnehmen. Das in
den Kriegen jenes Zeitalters so gefürchtete 'Hospitalfieber' griff auch auf die
Zivilbevölkerung über. Insgesamt ist in jener Notzeit etwa ein Sechstel der
Bevölkerung durch Krieg und Kriegsfolgen umgekommen.

Erst nach dem Tilsiter Diktatfrieden war die ganze ungeheure Schwere der
Verluste erkennbar. Zunächst ließ sich feststellen, daß alle staatlichen und
städtischen Kassen leer waren, dafür hatten neben den unaufhörlichen Ein-
quartierungslasten schon die schier untragbaren Kontributionen gesorgt.
Königsberg bezifferte 1807 seine Kriegsschulden auf 4,5 Millionen Taler,
während das wesentlich reichere Berlin nur 2,5 Millionen aufzubringen
hatte.

Zwar wurden die Kontributionen für Königsberg später etwas herabgesetzt,
aber erst im Jahre 1900 war es der Stadt — ähnlich wie dem auch schwer
belasteten Elbing — möglich, die letzte der inzwischen in Obligationen umge-
wandelte Schuld abzulösen. Aufgebracht konnte diese Summe damals nur
dadurch werden, daß große Königsberger Handelshäuser die Bürgschaft der
Bankkredite übernahmen. Leider kannte man bei den Friedensschlüssen 1815
und 1871 noch nicht die Praktiken von Versailles 1918, sonst hätte man diese
Schulden einfach durch französische Mehrzahlen abdecken können. Auch die
kleineren Städte hatten ihre liebe Not mit diesen erpreßten Zahlungen, so
hatte z. B. Braunsberg 50.000 Taler aufzubringen. Man muß dabei berück-
sichtigen, daß das ohnehin sehr knappe Bargeld einen wesentlich höheren
Wert hatte als heute.

Um in der Provinz einen allgemeinen Bankrott zu verhindern, griff der Staat
im Mai 1807 zu einer unerhört einschneidenden und nur durch die Not ent-
schuldbaren Maßregel. Er befahl den sofortigen Aufschub aller privaten
Zinsenzahlungen. Viele Gläubiger und Rentner wurden dadurch fast ruiniert,
jeder Kredit hörte auf, der Geldumlauf stockte noch mehr, und der Landwirt
bezahlte alles, so gut er es noch vermochte, mit Naturalien. Dabei liefen
aber die erhöhten Steuern weiter. Der Staat war 1807/1808 in seinen Ein-
nahmen nur auf die östlichen Teile des verkleinerten Staates angewiesen,
er mußte rücksichtslos alle Steuern eintreiben, wenn er überhaupt leben
und die ihm selbst auferlegte Millionen-Kriegsentschädigung zahlen wollte.
Konnte jemand nicht recht zahlen, so wurden ihm Soldaten als 'Exekutions-
kommando' ins Haus gelegt, die dort auf seine Kosten solange lebten, bis
alles beglichen war.

Das traf in erster Linie den ostpreußischen Landwirt, dessen Lage besonders
schwierig geworden war. Die bedeutende Getreide-Ausfuhr aus Ostpreußen nach
England, bis dahin die größte Einnahmequelle der Provinz, stockte völlig, da
Napoleon jeden Handel mit England verbot. Die Pfandbriefe sanken allmählich
auf 35 Prozent, ein Drittel der von der Landschaft beliehenen Güter kam zur
Zwangsversteigerung, bei der sich allerdings kaum Käufer einfanden. Überall
fehlte es an Saatgetreide, ja, in dem einst so pferdereichen Lande auch an
Pferden. Insgesamt wurde der Verlust an Pferden einschließlich derer, die die
Franzosen 1812 nach Rußland mitnahmen, auf 79.161 festgestellt, an Wagen
gingen der Provinz 26.579 verloren. Das sind Zahlen, die mehr sagen als lange
Berichte, und es ist kein Wunder, daß mancher Gutsbesitzer seinen gesamten
Besitz dem König gegen eine Leibrente anbot.

Mit altpreußischer Genauigkeit wurden die Verluste aus dem Kriege 1806/1807
und der Nachkriegszeit für die damalige Provinz Ostpreußen auf 65 Millionen
659.391 Taler 74 ¾ Silbergroschen und für die Provinz Preußisch Litauen, fest-
also den Regierungsbezirk Gumbinnen, auf 12 Millionen 809.716 Taler 55 Groschen
gestellt. An "Retablissements-Geldern" zur Deckung dieser ungeheuren Verluste
konnte der Staat nach den Befreiungskriegen kaum 1,5 Millionen Taler als Bei-
hilfe zahlen ! Es war nur ein Tropfen auf den heißen Stein !

Es würde zu weit führen, wenn wir an dieser Stelle noch darauf näher eingehen
wollten, wie sich alle diese Nöte im Kreise der Familie bemerkbar machten. Kurz
gesagt, der bescheidene Wohlstand langer vorhergehender Jahrzehnte des Friedens
ging unter all diesen Lasten schnell dahin, möglichste Einfachheit der Lebens-
führung war das Gebot der Stunde. Viele kleine Annehmlichkeiten gingen dahin:
mit dem Kaffee verschwand auch der Tabak und wurde ersetzt durch Nuß- und
Kirschblätter. Und auch der Zucker wurde so knapp, daß die ostpreußische Haus-
frau auf das Einmachen von Früchten verzichten mußte, worauf sie schon damals
stolz war. Noch ein kleines Beispiel für die Einfachheit im öffentlichen Leben. Als
im Januar 1812 York zu Ehren in Königsberg ein Abendessen gegeben wurde, stand
nur vor seinem Gedeck und vor dem Teller des Oberpräsidenten v. Auerswald je
eine Flasche einfachen Rotweins. Alle anderen Gäste mußten sich mit je zwei
Flaschen Löbenichter Bieres begnügen.

Es ist schon ein sehr richtiges Urteil, wenn einer unserer Historiker schreibt:
"Es gibt wenig Länder, die so viel gelitten hatten und doch noch das leisten
konnten, was Ostpreußen 1813 fertig brachte." Dazu gehörte allerdings der
ostpreußische Menschenschlag mit seinem Fleiß, seiner Unverzagtheit und seiner
Anspruchslosigkeit. Trotz der schweren Jahre, die auch noch nach dem Ende der
Befreiungskriege folgten, ist es ihm durch eigene Kraft gelungen, die Folgen jener
Notzeit zu überwinden.

Dr. Walter Grosse

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, Juli 1958

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