Grocholin, Geschichte eines Gutes in Posen.

Grocholin, Geschichte eines Gutes in Posen.

Beitragvon -sd- » 19.09.2015, 17:47

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Im folgenden zitiere ich aus Hans Freiherr von Rosen 'Grocholin, Geschichte eines Gutes in Posen', Leer 1985, S.103ff.

Ein anschauliches Bild von den Verhältnissen auf einem Gut in Posen.

"... In Grocholin waren alle Gutsbeamten seit jeher Deutsche .... Es waren ihrer fünf: ... Der Administrator Rudolf HOPPE II ... Rechnungsführer war Norbert ZINKE, ehemaliger Decksoffizier der Kaiserlichen Marine und Geschützführer auf dem Schlacht-
schiff 'Thüringen'. ... blieb unverheiratet und wohnte im Hause des Administrators, fünfundzwanzig Jahre lang bis zu seinem
plötzlichen Tod im Jahre 1944. ... Der Feldinspektor wechselte häufiger, für ihn war der Posten eine Art Startbrett zu Höherem.
Zeitweilig war es ein Neffe von Herrn HOPPE, PAWLITZ, ..., ein paar Jahre lang Herr MIETZ, der dann als Oberinspektor nach
Zurawia ging. Hin und wieder gab es auch mal einen Lehrling, z.B. einmal einen der RADOJEWO'ER Söhne, ... . Dann gab es
den Hofverwalter für die Aufsicht über die Vorräte, die Fütterung und die Betreuung des lebenden Inventars usw.
.... Herr FALK war ein emsiger Mann ohne große persönliche Ansprüche. Er und der Förster bewohnten gemeinsam ein recht
bescheidenes Haus am 'Wäldchentor'.

...Wir besetzten sie (die Försterstelle, Anm. HPA) mit Herrn LOHF, dessen Vater wir von Nickelskowo her gut kannten. ...
Auch unter den Arbeitern hatten wir verhältnismäßig viele Deutsche, etwa ein Viertel der Familien. ... Gärtner war HEYMANN -
sein Sohn Hans hat nach dem Krieg im mittleren KANADA eine große Möbelfabrik aufgebaut und Mutter und Schwestern nach-
geholt. ... Den Schäfer Karl MÜLLER schätzte ich besonders. ... Während diese Beiden (HEYMANN und MÜLLER; Anm. HPA)
schon zu deutscher Zeit in Grocholin gearbeitet hatten, war der Posten des Schmieds neu besetzt worden und zwar mit dem
bis 1919 selbständigen Schmiedemeister VOIGTLAND aus der Ansiedlung Malitz. Er war ein wortkarger Westfale, .... von
seinen vier Töchtern war die älteste Anna, jahrelang bei uns im Hause tätig,...

... Hofmaurer war Robert STREHLAU. ... Er besaß das EK I, ... Politisch war er Sozialdemokrat, ließ das auch merken, doch
störte das unser gutes Verhältnis nicht... BETHKE, der Schweizer, war noch nicht lange in Grocholin. ... Andreas SCHMIDTKE,
Dampfpflugmaschinist, stammte aus Wolhynien. Die Familie war 1917/18 gekommen, der Vater und der ältere Bruder nach
dem Krieg wieder zurückgegangen - ich habe sie 1926 in Antonowka besucht. ... Als Nachwuchs-Stellmacher trat BECKER
in den dreißiger Jahren bei uns in Dienst. ... Ludwig VOGT war zweiter herrschaftlicher Kutscher, d.h. vornehmlich für die
Pferde der Beamten zuständig.

Ein tragisches Schicksal hatte die Familie GÜNTHER, Großbauern aus dem Kaukasus. Für den alten Günther, der mit seinem
langen Vollbart wie ein Patriarch wirkte, war der soziale Abstieg furchtbar. ... Sein Sohn Gotthilf und sein Schwiegersohn
NEßLER fügten sich besser ... ein, seine älteste Tochter Emma war viele Jahre lang Köchin im Hause HOPPE, ehe sie den -
polnischen - Dampfpflugmeister KOTLOWSKI heiratete. Schließlich sind noch BÜTTNER und HÜBNER zu nennen, die ebenfalls
keine Sonderfunktionen hatten.

Ihnen standen einige dreißig polnische Deputantenfamilien gegenüber. Manche von ihnen waren schon in der dritten, der
Gespannvogt Michel DEMSKI in der vierten Generation in Grocholin - er besaß das EK II aus dem Weltkrieg. Viele der Männer
waren damals deutsche Soldaten gewesen und hatten voll ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllt. ... Typisch für eine
solche Haltung ( "Reste der einstigen Feudalherrschaft polnischen Stils" betreffend; Anm. HPA) war etwa der alte Maschinist
GONCERZEWICZ, der der Gutsherrin den Rocksaum küßte. ... Eine Reihe der polnischen Leute hatte auch gehobene Posten.
So der Vogt KALKA, der Vorschnitter BUDZINSKI - die Vögte hatten keine angenehme Aufgabe, sie standen zwischen der
Betriebsführung und den Leuten und mußten den Standpunkt der (deutschen) Herren durchsetzen, Besonders zuverlässig
war der Nachtwächter KACZMAREK. ... Im Gegensatz zu allen Genannten war der Stellmacher BAUM trotz seines deutschen
Namens ein verbissener Pole, ... Sein ... Sohn hatte das Zittern, ... Diese Stellung (die des herschaftlichen Kutschers;
Anm. HPA) war seit Jahrzehnten in Grocholin in der Hand der Familie CHELMINIAK. ... Sein Sohn Xaver ... starb schon
1930. Seitdem saß Edmund auf dem Grocholiner Kutschbock, ... . Auf nahezu allen Gütern war der herrschaftliche
Kutscher ein Pole - eine Ausnahme machte lediglich Zurawia mit dem alten WEGNER. ...

Von den übrigen polnischen Leuten erinnere ich mich noch an POTULNY, den Fohlenpfleger; an den Milchkutscher KONDYS,
der in Exin unsere Besorgungen erledigte und die Post brachte, an KULIBERDA und BURZYNSKI als sehr zuverlässige Leute. ..."

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Vielleicht führt ja die Namensverweisung für den einen oder anderen zu weiteren Erkenntnissen. Das Buch selbst ist mit
einem Vorwort von Arno Surminski versehen und diesem ist zuzustimmen, wenn er sagt, es würde ein recht anschauliches
Bild von den Verhältnissen auf einem Gut in Posen gezeichnet.

Hans Peter Albers, Bienenbüttel
(Bei den Anmerkungen > HPA)

Vorkommende Namen: HOPPE, ZINKE, PAWLITZ, MIETZ, FALK, LOHF, HEYMANN, MÜLLER, VOIGTLAND, STREHLAU,
BETHKE, SCHMIDTKE, BECKER, VOGT, GÜNTHER, NEßLER, KOTLOWSKI, BÜTTNER, HÜBNER, GONCERZEWICZ, KALKA,
KACZMAREK, BAUM, POTULNY, KONDYS, KULIBERDA, BURZYN.


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Gegen die Übernahme auf Ihre Seite ist nichts einzuwenden, es war ja auch meine Intention, die Daten allgemeiner
zugänglich zu machen. Da das Buch leider kein Namensregister hat, scheint es in dieser Form auch eine gute Ergänzung
dafür zu sein. Hans Peter Albers





Ergänzende Hinweise zu Grocholin, Gutsbezirk im Kreis Schubin. Quelle: WIKIPEDIA.

Grocholin ist ein Dorf im Landkreis von Gmina Kcynia innerhalb Nakło Grafschaft, Woiwodschaft Kujawien-Pommern,
in Nord-Zentral-Polen. Es liegt etwa 4 Kilometer (2 Meilen) westlich von Kcynia, 21 km (13 Meilen) südwestlich von
Nakło nad Notecią und 41 km (25 Meilen) westlich von Bydgoszcz. Das Dorf hat eine Bevölkerung von 520.

Kcynia (deutsch Exin) ist eine Stadt in Polen in der Wojewodschaft Kujawien-Pommern.
Sie ist Sitz einer Stadt- und Landgemeinde im Powiat Nakielski.
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